Alles beginnt an Heiligabend des Jahres 1988. Als Klaus Krinner die Idee seines Lebens kommt. Oder genauer: die Idee zur Idee. In einem Wohnzimmer in Strasskirchen, einem kleinen Ort in der Weite des niederbayerischen Flachlands, 140 Kilometer nördlich von München, feiert man wie immer im grossen Kreis der Familie.

Weil sein Vater sich zum ersten Mal zu alt fühlt, um sich dem zeit- und nervenaufwendigen Aufstellen des Christbaums zu widmen, übernimmt Klaus Krinner die Aufgabe, als ältestes von sieben Kindern schon immer erster Ansprechpartner des Vaters. Wie befürchtet wird es auch für ihn aufreibend. Mehr als eine halbe Stunde vergeht, ehe der Baum steht. Leidlich gerade. Und Krinner gestresst und mit blutigen Fingern.

Seine kurze Erkenntnis, pragmatisch und handfest: «Des is a Glump.» Aus der Erkenntnis wird kurz darauf ein Entschluss: «Das muss einfacher gehen.»

«Auf einmal wusste ich es»

Klaus Krinner sitzt in seinem Büro, 78 Jahre alt, drahtig und schmal, noch immer Chef seiner Firma, die er 1989 gründete, Krinner GmbH, Weltmarktführer bei Christbaumständern. «Mich wundert es immer noch, dass sich in 200 Jahren, in denen schon Weihnachtsbäume aufgestellt werden, nie jemand Gedanken drüber gemacht hat, wie man das Problem lösen kann.»

Klaus Krinner und sein Weihnachtsbaumständer. HO

Klaus Krinner und sein Weihnachtsbaumständer. HO

Er lächelt. «Die gescheiten Leute denken ja immer nur über die komplizierten Dinge nach.» Monatelang arbeitet es seit jenem Heiligabend 1988 in Krinners Hirn. Entwickelt und verwirft er eine Idee nach der anderen. Und an einem Tag im September 1989, morgens um sieben, als er, Landwirt noch zu dieser Zeit, gerade die Arbeit auf dem Feld einteilt, ist es soweit. «Da wusst ich auf einmal, wie es geht.» Ein Drahtseil, das vier Klauen miteinander verbindet. Spannt man das Seil, mit einer Ratsche bequem per Fuss, krallen sich die Klauen fest und gleichmässig in den Stamm. Lassen den Baum gerade stehen, egal, wie krumm er gewachsen ist. Genial einfach. «Da hätt man natürlich auch gleich draufkommen können.» Krinner malt die Skizze auf seinen kleinen Block, den er immer bei sich trägt, verschwindet in seine Werkstatt und schweisst aus Alteisen und Draht einen Prototypen zusammen. Wickelt ihn in eine Decke. «Ich hatte auf einmal riesige Angst gehabt, dass mir noch jemand die Idee klaut.» Fährt tags darauf die 150 Kilometer nach München zum Patentamt. In Sorge, «dass jemand auf so was Einfaches schon gekommen ist.» Er hebt einen seiner Ständer, Modell V4 für 49 Euro, auf den Konferenztisch. Dann sagt er: «Na, da war ich aber froh, dass ich wirklich der Erste war.»

Krinner ist elektrisiert. Will seine Erfindung möglichst schnell in Serie herstellen lassen, weil er von deren Erfolg überzeugt ist. Findet schliesslich einen ehemaligen Rüstungsbetrieb, der ihm für wenig Geld die ersten hundert Christbaumständer fertigt. Die er fast alle an Verwandte und Freunde verschenkt. Ein paar wenige behält er. Mit ihnen fährt er wieder los. Landet schliesslich in Düsseldorf bei der Zentrale der Metro, damals die grösste Handelskette Europas. Steht vor dem Werkstor mit dem Christbaumständer unter dem Arm. Und erklärt dem Pförtner sein Vorhaben, dem Chefeinkäufer der Metro seine Erfindung zu zeigen. Der telefoniert mit ihm. Und fünf Minuten später lässt der Einkäufer Krinner zu sich kommen. «So was passiert ja vielleicht in hundert Versuchen einmal.» Krinner lächelt.

Als Krinner das Büro verlässt, hat er einen Auftrag über 10 000 Christbaumständer für das Weihnachtsgeschäft 1989 in der Tasche. Es beginnt. Und hört nicht mehr auf. Im Folgejahr verkauft Krinner 65 000 Stück. Im Jahr 1993 sind es bereits über 200 000. Heute ist man mit über einer Million verkaufter Exemplare längst schon Weltmarktführer. Von den 33 Millionen Christbäumen, die letztes Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgestellt wurden, den drei Hauptmärkten des Unternehmens, stehen mittlerweile über 90 Prozent in Ständern von Krinner. Vom Einsteigermodell Comfort S für 25 Euro über den V 4 für 49 Euro bis zum Topmodell Premium XXL für 180 Euro.

Die eine Art friedliche Revolution unter dem Weihnachtsbaum ausgelöst haben. «Es war bis dato ja so», sagt Klaus Krinner, «dass meist der Mann den Baum festgschraubt hat, während die Frau ihn halten musste.» Eine Schraube von rechts angezogen und er neigte sich nach links. Dasselbe auf der anderen Seite. Dann den Stamm schräg angesägt. Am Ende aber sei er dann aber doch immer noch oft schief gestanden. So dass sich Diskussionen entzündeten um die Schuldfrage. Die Stimmung dämpften. «Und das braucht man doch nicht an Weihnachten, Stress wegen so was Unwichtigem.»

Deswegen mache es ihn neben all dem Umsatz und Gewinn vor allem auch glücklich, etwas erfunden zu haben, was die Leute zufrieden macht. Tausende Briefe gingen in den Jahren ein bei Krinner, die Dank ausdrückten für seine Erfindung. Eine Frau schrieb sogar, dass man ihn deswegen für den Friedensnobelpreis vorschlagen solle. «Naa, bitte» sagt er und winkt ab, «des ging zu weit.»