Artikel zum Tod von Extrembergsteiger Ueli Steck:

Herr Messner, was bedeutet der Tod von Ueli Steck für die Bergsteigerkreise?

Reinhold Messner: Das ist eine ganz tragische Geschichte, weil Ueli Steck in den letzten fünfzehn Jahren einer der führenden Alpinisten weltweit war. Die Menge seiner Besteigungen in den Alpen und im Himalaja ist ohne Vergleich. Ich konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass er jetzt noch verunglückt, weil er so erfahren war und genau wusste, was er tat.

Welchen Platz wird Ueli Steck in den Geschichtsbüchern des Alpinismus finden?

Er wird als der Bergsteiger in Erinnerung bleiben, der die Eigennordwand in unglaublich kurzer Zeit durchstiegen hat. Aber auch als ein kreativer und traditioneller Bergsteiger, der in die Zukunft klettern wollte. Was er jetzt am Everest plante ist – so meine Vermutung – nicht genau präsentiert worden. Ich bin im Zweifel und frage mich, ob er mehr vorhatte, als er bekannt gab.

Was meinen Sie damit?

Der Aufstieg auf den Nuptse am Sonntag zeigt, dass er ein grosses Übersteigungsziel hatte, vielleicht mehr, als wir wissen. Ich kann mir vorstellen, dass er den Nuptse, den Lhotse und den Everest durchsteigen wollte. In Alpinkreisen nennt sich diese Route das Hufeisen. Leider können wir ihn nicht mehr fragen.

«Ich weiss nicht, ob es möglich ist»: Ueli Steck präsentiert sein Vorhaben

11. April 2017

Es heisst, der Nuptse sei ein vergleichsweise einfacher Berg. Umso unbegreiflicher, dass Steck hier abstürzte. Wie schwierig ist die Besteigung des 7861 Meter hohen Gipfels tatsächlich?

Ich bin selber nie auf den Nuptse gestiegen, aber ich kenne die Route und die Stelle, wo Steck weggegangen ist. Er wollte durch die Nordwand auf den Gipfel steigen. Eine schwierige Wand.

Ueli Steck galt als Vorreiter einer Bergsteigergeneration, in der nicht nur die Schwierigkeit, sondern auch das Tempo massgebend war. Dafür erntete er oft Kritik.

Die geäusserte Kritik betraf weniger das Speedclimbing. Das Skyrunning wie es auch genannt wird, war für ihn die Basis, um so ein Projekt der Überschreitung wie des Lhotses und des Everests überhaupt machen zu können. Es ist etwas anderes, wenn einer die Eigernordwand zehn Minuten schneller oder langsamer hochklettert. Das ist mir persönlich nicht besonders wichtig und nicht das Kriterium. Wenn aber einer zwei Achttausender in dieser Höhe besteigen will, dann geht das nur, wenn er extrem schnell ist. Die Logistik ist darauf ausgerichtet. Für mich ist das in Ordnung, dass einer seine Geschwindigkeit nutzt, um Sachen zu machen, die vorher unmöglich waren.

Trotzdem gab es immer wieder Vorwürfe, dass Steck mit seiner Vorgehensweise die Berge entmystifiziert oder gar banalisiert hat.

Nein, das stimmt nicht. Die Berge wurden banalisiert mit dem Beginn des Alpinismus. Jahrtausende lang hat der Mensch die Berge als eine mythologische Dimension gesehen. Nicht antastbar. Im Himalaja ist das zum Teil heute noch so. Erst seit der Französischen Revolution, seit der Aufklärung, steigen wir auf die Berge und nehmen sie als Möglichkeit wahr, darauf rumzuklettern. Ueli Stecks Verdienst ist, dass er vieles, was bisher unmöglich schien, möglich gemacht hat. Die Hauptkritik an ihm hatte weniger mit seinem Stil zu tun als den Zweifeln an seiner Anapurna-Besteigung 2013.

Gab es zwischen Ihnen und Ueli Steck Berührungspunkte, was den Alpinismus betrifft?

Wir haben uns mehrmals getroffen und einmal ein langes Interview geführt. Ueli verkörperte eine andere Generation. Es wäre auch falsch, Anderl Heckmair, der die Eigernordwand 1938 als Erster durchstieg, mit mir zu messen. Stecks Geschwindigkeit war in meiner Zeit nicht denkbar. Ich sage nicht nur nicht möglich, sondern nicht denkbar, weil die Geräte nicht vorhanden waren und das perfekte Training nicht gemacht wurde. Es wäre daher nicht richtig, uns zu vergleichen. Was man kann, ist die Philosophie teilen. Die nächste Generation wird nochmals andere Möglichkeiten haben. Der Alpinismus wird nicht dort stehen bleiben, wo ihn Ueli Steck berührt hat.

Von Ihnen stammt der Satz: «Das Bergsteigen ist völlig nutzlos, aber nicht sinnlos.» Wenn man am Ende wie Ueli Steck sein Leben lässt, dann ist es doch sinnlos?

Das Bergsteigen kann gar nicht sinnlos sein, weil wir den Sinn in das Hier und Jetzt hineinlegen. Den Sinn geben ja wir. Die Nützlichkeit ist eine Frage der allgemeinen Betrachtung. Für die Gesellschaft war es nicht nützlich, als Ueli Steck in zweieinhalb Stunden durch die Eigernordwand kletterte. Aber die Sinnstiftung ist seine Angelegenheit. Wenn Steck nicht in der Lage gewesen wäre, seinem Tun, genauso wie er es gemacht hat, einen Sinn einzuhauchen, dann hätte er es nicht getan. Aber selbstverständlich, wenn jemand mit 40 Jahren umkommt, dann ist das tragisch.

Was bedeutet Stecks Tod für die Angehörigen?

Was wir Alpinisten unseren Frauen, Müttern und Kindern antun, ist nicht zu rechtfertigen. Leider gehört das Sterben unter Umständen dazu. Jeder der eine ähnliche Biografie wie Ueli Steck hat, hatte in seinem Leben ein paar Mal Glück. Es ist nicht nur Können, dass ich meine Projekte und Expeditionen überlebt habe. Leider sind mehr als die Hälfte der absoluten Spitzenbergsteiger bei der Ausübung ihrer Leidenschaft ums Leben gekommen. Wer hätte gedacht, dass es Ueli Steck mit vierzig Jahren erwischen würde, bei diesem Können.

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Er plante gerade seinen nächsten Coup, als es zum tödlichen Ausrutscher kam. Langjährige Weggefährten sind trotz des permanenten Risikos erschüttert.

Was geht Ihnen nach der Nachricht durch den Kopf? Sind Sie froh, den eigenen Ausstieg vom Spitzenalpinismus rechtzeitig geschafft zu haben?

Ich hatte insofern Glück, als ich in meinem Leben immer wieder gezwungen war umzustellen. Mein gedanklicher und philosophischer Grundsatz lautet: Das Können ist des Dürfens Mass. Man muss erkennen, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr so geschickt ist und nicht mehr die gleiche Schnellkraft besitzt wie mit 25. Ich habe in diesem Alter meine Zehen verloren und konnte ab dann nicht mehr so gut klettern wie zuvor. Daraus ist das Höhenbergsteigen entstanden. Ich befinde mich nun, wie ich es nenne, in der siebten Lebensphase. In dieser habe ich in den letzten fünfzehn Jahren mein Museumsprojekt auf die Beine gestellt, wo im Übrigen auch Ueli Steck darin vorkommt. Er ist dort unter den zehn Alpinisten aufgeführt, die sozusagen die Zukunft des Alpinismus repräsentieren. Zwei von diesen Bergsteigern sind jetzt tot. Im Museum befindet sich ausserdem eine Kapelle, in der ich die grossen Bergsteiger der letzten 150 Jahre darstelle, die verunfallt sind.

Wird Ueli Stecks Tod in der Bergsteigerszene etwas verändern, eine Grundsatzdebatte auslösen, oder wird die Entwicklung des Unmöglichen in gleichem Tempo fortschreiten?

Die Entwicklung geht natürlich weiter. Sie hat sich immer nur nach einer Prämisse gerichtet: möglich oder unmöglich. Die Spitzenbergersteiger haben alle versucht, das Unmögliche, das in ihrer Zeit definiert war, möglich zu machen. Hätte Ueli Steck die erwähnte Hufeisen-Route geschafft, wäre das eine neue Dimension gewesen. Es bleibt jetzt leider unmöglich, weil er nicht mehr lebt. Dass es eine Diskussion geben wird, ist unvermeidbar. Wenn die Leute jetzt sagen, dass Bergsteigen sinnlos ist, haben sie nichts verstanden.

Reinhold Messner gilt als bedeutendster Abenteurer unserer Zeit. Der 72-Jährige war als erster Mensch ohne Sauerstoffmaske auf dem Mount Everest und hat alle 14 Achttausender bestiegen. Er durchquerte Grönland und die Antarktis. Der Südtiroler hat über 50 Bücher geschrieben und mehrere Museen eröffnet.