In diesem Moment liegt Roxane Gay im Spital, mit vielen Nägeln im Schienbein, und feiert auf Twitter eine «pity party», also eine Mitleidsparty mit ihren Fans. Und träumt von einem Babyelefanten, den sie so gerne als Haustier hätte. Und vom Essen. Und wahrscheinlich denkt sich das Spitalpersonal, dass es der dicken, bettlägerigen Frau doch in diesen Tagen prima ein paar Kilos abtrotzen könnte.

Das will die dicke Frau aber nicht. Denn das ist ihr Körper, dazu hat sie sich schon als Teenager entschieden, und jetzt, mit 39, ist sie gerade die hippste dicke Frau der Welt, und ihr Spitalaufenthalt hätte zu keinem blöderen Zeitpunkt kommen können. Roxane Gay sollte nämlich auf Lesetour sein, denn nur eine andere Lesetour war in Amerika in diesen Wochen schneller ausverkauft als ihre: die von Lena Dunham.

Die lustigste Frau der Welt

Nun ist Lena Dunham, 28, ein Superstar. Ein Superstar dank ihrer HBOSerie «Girls». Ein Superstar der Independent-Film-und-Kunst-und-Denker-Szene. Ein typischer New Yorker Superstar, eine total ungenierte junge Frau, die sich, ihre Erfahrungen und ihren Körper gerne zur Schau stellt, in aller Unzulänglichkeit. Die Ikone der Generation Prekariat. Die lustigste Frau der Welt. Ihr Buch «Not that Kind of Girl» – es ist unter dem gleichen Titel vor wenigen Tagen fast zeitgleich mit der amerikanischen Ausgabe auch auf Deutsch erschienen – ist ein Geschenk!

Was für ein vollkommen liebenswertes, amüsantes, total eigensinniges Buch! Eine autobiografische Essaysammlung über diesen Menschen namens Lena, aufgewachsen unter Späthippie-Künstlern, von frühster Kindheit an ohne jedes Gefühl für Scham, Zurückhaltung, Diplomatie oder Selbstzensur, eine kreative Triebtäterin in alle Richtungen und total besessen von Körperlichkeit. Und der der anderen. Der ihrer kleinen Schwester etwa, die zum Spass Kieselsteine in ihrer Vagina versteckt (und das ist jetzt ein hübsches Beispiel).

Auch alles, was sich so ein Körper einverleiben oder was er entlassen kann, wird genüsslich zelebriert. Und natürlich auch dessen Gebrechlichkeit. All die Freunde ihrer Eltern, die an Aids sterben. Oder die eigene Abhängigkeit von Psychopharmaka. Ein bisschen erinnert das an Charlotte Roche, aber so, wie Lena Dunham ihre Fixiertheit im Buch beschreibt (und in «Girls» schon ausgelebt hat), ist es kein bisschen grusig, sondern einigermassen verrückt, aber auch einigermassen normal in seiner anekdotischen Beiläufigkeit. Ein Leben ohne jede Zurückhaltung eben. Erfrischend und anmassend und manchmal ganz grässlich berührend. Wie «Girls». 2012 wählte das «Time Magazine» Lena Dunham zur «coolest person of the year».

«Bad Feminist»

Auch Roxane Gay schreibt über ihren eigenen Körper, aber in einem ganz anderen Zusammenhang, auch ihr aktueller Bestseller ist eine meist autobiografische Essaysammlung und heisst «Bad Feminist». Nun ist Roxane Gay ganz und gar keine schlechte Feministin, eher eine klassische, das «bad» im Titel bezieht sich – neben dem, was sich «profunde Theoriekenntnis» nennt – auf ihre Obsession für Populärkultur, die oft mit einem prekären Frauenbild einhergeht.

Roxane Gay ist zum Beispiel süchtig nach der Serie «Law & Order: Special Victims Unit», wo schlimme (sexuelle) Gewaltverbrechen gegen Frauen und Kinder gelöst werden. Sie schreibt aber auch über «Girls», über «Gone Girl» oder über die Diät-Sendung «The Biggest Loser» – weil sie selbst als Teenager in ein Fat Camp geschickt wurde. «Populärkultur», sagt sie, «erzeugt sofort massenhaft Emotionen. Die gilt es zu analysieren.»

Sie schreibt fast jede Woche für den «Guardian», und ihre Artikel – etwa über die geleakten Nacktbilder von Jennifer Lawrence – gehören tagelang zu den meistgelesenen, nicht nur des Tages, sondern der Woche. Und auch sie gehörte zu denen, die Emma Watson (24) dafür kritisierten, dass ihre Rede für den Feminismus vor der UNO zu niedlich gewesen sei.

Ich habe mir, ganz ehrlich, so was Ähnliches gedacht, bevor ich mir die Rede anschaute. Ich dachte: Was will jetzt diese Puppe in Dior oder Chanel oder Prada mit ihrer freundlichen Einladung an die Männer, doch bitte vielleicht ein bisschen am Feminismus zu partizipieren? Wie unterwürfig ist das denn? Hallo? Ich habe mir die Rede jetzt endlich angeschaut und muss zugeben, nein, Emma Watson ist keine schlechte Feministin, sogar eine ziemlich radikale, und sie wagt es, seit ihrer Teenagerzeit mit einem Label herumzulaufen, das sich bis vor zwei Jahren noch keine junge Frau freiwillig angezogen hätte.

Feminismus ist immer in Wellen angesagt und beschränkte sich bis jetzt auf überschaubare Kreise: auf die Bewegten und Wütenden, Alice Schwarzers «Emma» statt Emma Watson; zuletzt auf die Gender-Studies-Freaks um Theoretikerinnen wie Judith Butler Anfang der Neunziger. Auch ich bin da sozialisiert worden, und ich bezeichne mich seither als Feministin, ich hatte nie Mühe damit, es hat mir ein Selbstbewusstsein und ein analytisches Instrumentarium gegeben, das mir half, meinen Platz in der Gesellschaft zu meiner Zufriedenheit zu definieren.

Leicht sadistische Freude

Wieder und wieder hatte ich lange Gespräche mit jüngeren Frauen, die sagten: «Hm, ja, theoretisch bin ich ja wahrscheinlich auch eine Feministin, aber ich hab so Mühe mit dem Wort! Da denkt man sich doch gleich, ich hasse Männer!» Klar, ich als Feministin hasse Männer manchmal. Aber manchmal auch Frauen. Oder Hunde, Babys, Spinnen, schlecht erzogene Kinder, grundsätzlich dumme Menschen – und an gewissen Tagen auch einfach alle.

Emma Watson hat das mal wieder sehr schön zusammengefasst, dass es im Feminismus ja grundsätzlich um eine Demokratisierung der Gesellschaft geht, nicht darum, alle Männer auf den Mond zu schiessen (obwohl, manchmal habe ich schon eine leicht sadistische Freude daran, wenn ich wieder irgendwo lese, dass «der Feminismus» die Männer in die schlimmste Existenzkrise seit Männergedenken getrieben habe ... Umdenken ist eben einfach ein bisschen schmerzhaft). Feminismus ist pluralistisch, Feminismus ist humanistisch.

Item, Emma Watson hats gesagt, Beyoncé stellt das Wort «Feminist» über ihre Show. Taylor Swift, Jennifer Lawrence und Lena Dunham («Mädchen, die sagen: ‹Ich bin keine Feministin›, sind mein grösstes Ärgernis») nennen sich schon lange Feministin. Clare Danes («Homeland») ist «proud to be a feminist», Ellen Page sagte schon Monate vor Emma Watson: «Feminismus ist eine Bewegung, an der alle teilhaben sollten.» Auch Miley Cyrus sagte was in die Richtung, aber ich traue Miley Cyrus nicht.

Nur so verpeilte Celebrities wie etwa Lana Del Rey sagen, dass sie sich eher für Wesen von fernen Planeten als für Feminismus interessieren. Lana Del Rey wurde dafür auch gehörig gerügt. Und Katy Perry sagt, nein, sie sei nun wirklich keine Feministin. Wer cool sein will im amerikanischen Showbusiness, das am Ende das populärkulturelle Weltbusiness bestimmt, steht zum F-Wort. Auch Männer. Sie werden dafür angegriffen und bedroht – und gerade das zeigt doch, dass sie recht haben.

Bin ich zu euphorisch?

Nun kann man sagen: Gut, Respekt, aber ist die Botschaft einer Emma Watson, einer Beyoncé, nicht etwas simpel? Haben die denn auch alle wichtigen Bücher seit Simone de Beauvoir gelesen? Aber ist es nicht egal? Müssen sie nicht etwas simpel sein, um ihre riesigen Communities zu erreichen? Machen sie nicht eigenhändig Feminismus zum Mainstream-Projekt? Ist das nicht grossartig? Und dass in alledem eine kompromisslos kritische Feministin wie Roxane Gay ebenfalls einen Boom erlebt, ist das nicht ebenfalls grossartig?

Vielleicht bin ich gerade zu euphorisch. Vielleicht ist in einem Jahr «Maskulinismus» das neue It-Wort. Vielleicht zeigt sich, dass all die Celebrities höchstens die Türöffner einer Bewegung, aber selbst nicht wirklich bewegt sind. Doch im Moment lehne ich mich zurück und schaue mit einem sentimentalen Stolz auf die Massen von Mädchen, die nicht mehr zögern, das bis vor kurzem so verfemte Wort in den Mund zu nehmen. 

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