Angenommen, ein Pudding fliegt durch die Luft und ändert mitten im Flug die Richtung: Hätte sich dann etwas grundsätzlich verändert? Nein, wir reden nicht von Dada. Wir reden von 1968. Das war mit Sicherheit um einiges verrückter als Dada.

Fünfzig Jahre ist das her. Bereits begann die Presse damit, jenes Jahr «aufzuarbeiten», «einzuordnen». Wir fragten Rainer Langhans, ob er das mit uns tun wolle, ob er überhaupt Bock darauf habe, olle Kamellen wiederzukäuen. Langhans, heute 77, gehörte zu den Stars der 68er. Seine Liebe zur Kommunardin Uschi Obermaier war das 68er-Siffglamour-Märchen. Und Langhans war beteiligt am Plan, mit Pudding um sich zu schmeissen.

Rudi, der Spiesser

US-Vizepräsident Hubert Humphrey besuchte damals Berlin. Langhans’ Kommune I wollte den Falken mit Pudding bewerfen, aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Der Plan flog auf, die Kommune geriet unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Die Springer-Presse hetzte und publizierte meist Fotos von Kommunarden und Mitstreitern, worauf sie als verzerrte Fanatiker erschienen, allen voran der «Studentenführer» Rudi Dutschke.

Autor Max Dohner im Gespräch mit Rainer Langhans, München, 17. Januar 2018

Autor Max Dohner im Gespräch mit Rainer Langhans

Langhans sagt, niemand der K I habe den Plan verraten, die Polizei habe schlicht die Telefone abgehört: «Wir waren doch nette junge Menschen.» Dutschke wurde von einem Aufgehetzten niedergeschossen und starb mit 39 Jahren. Langhans sagt im Lokal «Der Genussmacher» in München-Schwabing, wo wir uns treffen: «Rudi war ein Spiesser. Er hatte zu Hause sein Gretchen und drei Kinder. Gretchen war kategorisch gegen einen Einzug in die Kommune; sie fürchtete, wir hätten ihr den Rudi weggenommen.»

Diese Woche kam US-Präsident Donald Trump ans WEF in Davos. Wäre doch ein Anlass gewesen, wieder mit Pudding zu schmeissen. Langhans lächelt versonnen. Dann redet er lange von Trump. In einer Weise, die sozusagen die Flugrichtung des Puddings umkehrt. Heute würde Langhans, quasi an Trumps Seite, den Pudding auf die gemeinsam verhassten Neoliberalen werfen.

«Trump ist ein Internet-Avatar», sagt Langhans, «der die ganzen Leute ins Internet holen wird. Diese Entwicklung ist sehr logisch. Ich bilde mir ein, inzwischen begriffen zu haben, was 68 gewesen war. 68 haben wir eine Art Vorschau gehabt auf die Zukunft. Ein Jahr lang waren wir Zukunftsmenschen. Dann ging das weg. Wir versuchten alle, da wieder hinzukommen, mit der Frauenbewegung, Schwulenbewegung und so weiter – wir haben es nicht geschafft. Das erste Tool, das uns wieder da hinzubringen vermag, ist das von bekennenden 68ern eingerichtete Internet. Da steht die grosse Kommune, da gehen wir alle freundlich miteinander um. Facebook ist mit 2,1 Milliarden Menschen heute der grösste Staat der Welt ...»

Je länger man ihm zuhört, wie er sozusagen die K-F bewundert, die Kommune Facebook, desto deutlicher zeigt sich: Der «Pudding» fliegt bei ihm heute in umgekehrter Richtung; verändert hat sich aber bei ihm selber nix. Langhans filtert, analysiert seine Erfahrungen, blitzschnell, wachsam bei den Schlüsselwörtern, argumentativ wendig, oft mit feinem Amüsement, immer höflich, wo nötig scharf, natürlich geschult in unzähligen, typisch deutschen Redemarathons… und dabei zeigt er einen unveränderten, vielleicht gar «zeitlosen» Langhans.

Abschätzig könnte man sagen, wie Reinhard Mohr diese Woche in der «NZZ», einer aus der Gilde geschmeidig «kritischer» Anpasser: «In ihren Aktionen zeigte sich die 68er-Rebellion oft spielerisch-provokativ, manchmal auch, wie im Fall der Kommune I, narzisstisch-pubertär.» Knarre in der Hand, Mord und Entführung wären somit «erwachsen»? Und aller Opportunismus «abgeklärt» oder «reif»?

Was Frauen wünschen

Langhans, der Vegetarier, kommt wie seit Jahrzehnten in Weiss zum Treff, bis zu den Schuhen, per Velo. Zwei Stunden Gespräch werden zum drogenfreien LSD-Trip im Hirn. Über abschüssigem Gelände wie bei seiner eigenwilligen Auslegung des Faschismus muss man ihn reden lassen; die Begründungen der Provokationen entbehren meist nicht der Vernunft. Es fallen Bonmots wie dieses: «Ihre Ekstase-Hilfen nannten bürgerliche Spiesser ‹Wein, Weib und Gesang›. 68er-Spiesser nannten das dann ‹Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll›. Wünschbar sind gar keine Ekstase-Hilfen mehr.» Ans Weiterleben glaubt Langhans bestimmt, ans vollendete Kontinuum.

Unerschrocken redet er davon, was Frauen wünschen, inmitten von jungen Müttern mit Babys im «Genussmacher». Sie wenden ab und zu die Köpfe; Langhans schaut keine von ihnen an mit diesem männlich taxierenden Blick, er sieht sie gar nicht. Wir umarmen uns bei der Verabschiedung – wieso eigentlich, zwei fremde angejahrte Kerle? «Peace» – wahrscheinlich: Die Ideologie ist weg, der Lärm ist weg. Da steht noch einer mit jenem Gefühl: Frieden. «Eigentlich haben wir gewonnen», sagt Langhans, «nur merken wir es erst jetzt.»