Die Thurgauerin Kristina V. ist verzweifelt. Sie sucht ihre leiblichen Eltern. Die 25-Jährige wurde im Reagenzglas einer Kinderwunschpraxis gezeugt. Das Fatale: Die Eizelle ihrer Mutter wurde mit einer anderen vertauscht und so wuchs Kristina bei zwei Menschen auf, die genetisch nicht mit ihr verwandt sind. Letzte Woche schilderte sie dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ihre unfassbare Geschichte.

Dieser Fall zeigt, wie künstliche Befruchtung durch einen menschlichen Fehler schiefgehen kann. Doch auch wenn alles korrekt abläuft, kann eine künstliche Befruchtung psychische Folgen für Eltern und vor allem für Kinder haben. Gerade weil immer mehr Kinder geboren werden, die nicht im Mutterleib gezeugt wurden, darf die emotionale Belastung nicht unterschätzt werden.

Seit der Geburt des ersten Retortenbabys Louise Brown 1978 ermöglichen die inzwischen weit vorangetriebenen Angebote der modernen Reproduktionsmedizin auch dann die Verwirklichung eines Kinderwunsches, wenn auf natürlichem Weg kein Kind gezeugt werden kann, keine Sexualität gelebt wird oder gleichgeschlechtliche Paare und Alleinstehende Kinder wollen.

Heterosexuelle Paare, bei denen einer oder sogar beide Partner komplett zeugungsunfähig sind, aber auch homosexuelle Paare und Frauen, die ihren Kinderwunsch ohne einen gegengeschlechtlichen Partner umsetzen möchten, sind häufig auf eine sogenannte Gametenspende, auf gespendete Ei- oder Samenzellen, angewiesen. In solchen Fällen wird das Kind maximal mit einem Elternteil genetisch verwandt sein.

Höheres emotionales Risiko

Eine andere Möglichkeit für Frauen, deren Eierstöcke keine Eizellen mehr – oder nur welche mit schlechter Qualität – produzieren, ist die Eizellspende. In der Schweiz verboten, wird sie von ausländischen Kliniken, in Spanien, Tschechien, Polen und der Ukraine intensiv beworben. Die Mütter mit einer gespendeten Eizelle bringen ihr Kind zwar tatsächlich selbst zur Welt, sind mit ihm jedoch genetisch nicht verwandt. Die Spenderinnen der Eizellen bleiben in der Regel anonym, die so entstandenen Kinder werden nie die Möglichkeit erhalten, etwas über ihre genetische Abstammung zu erfahren.

Psychologen und Erziehungsberater machen immer häufiger die Erfahrung, dass die zuvor innig ersehnten Wunschkinder nach ihrer Geburt einem höheren emotionalen Risiko ausgesetzt sind, als auf natürlichem Weg entstandene. Bei jedem vierten Kind müssen die Eltern mit Auffälligkeiten und Anpassungsschwierigkeiten rechnen, berichtet Psychotherapeutin Karin J. Lebersorger, Leiterin eines Instituts für Erziehungshilfe in Wien.

Die Behandlungen sind für Frau und Mann mit grossem Stress verbunden. Neben der zeitlichen, finanziellen und emotionalen Belastung werden die Paare durch das nicht vorhersehbare Ergebnis zusätzlich unter Druck gesetzt, der mit der Zahl erfolgloser Behandlungszyklen immer weiter wächst.

Haben die Befruchtungsversuche dann endlich zum Erfolg und damit zur Geburt eines Kindes geführt, überwiegt in der ersten Zeit die Freude über den erfüllten Kinderwunsch. Doch irgendwann stellt sich für alle Eltern die Frage, wie sie damit umgehen, dass ihr Kind mithilfe einer Gametenspende gezeugt wurde. Dazu gibt es bereits rechtliche Vorgaben: Nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention und UN-Kinderrechtskonvention hat jedes Kind das Menschenrecht auf Kenntnis seiner Abstammung. Dieses Recht ist gewichtiger als die Interessen der Eltern.

Die Art, wie die Eltern ihrem Kind seine eigene Entstehungsgeschichte kommunizieren, kann die Entwicklung massgeblich beeinflussen, schreibt Lebersorger im Fachjournal «Neuropsychiatrie»: «Unabhängig von einer IVF wirken Geheimnisse und Tabus immer verstörend auf die Eltern-Kind-Beziehungen und die kindliche Persönlichkeitsentwicklung. So ist allgemein anerkannt, dass Adoptiv- und Pflegekinder bezüglich ihrer Herkunft nicht im Unklaren gelassen werden dürfen.»

Auch wenn die reproduktionsmedizinische Behandlung erfolgreich ist und die Geburt natürlich verläuft, besteht durch die vorangegangene elterliche seelische Belastung eine emotionale Risikokonstellation für die Eltern-Kind-Beziehung. Manche Eltern leben in der Anspannung, ihr Kind könnte einmal die Wahrheit erfahren, und ihnen Vorwürfe machen oder sich von ihnen abwenden.

Schweigen fällt schwerer als sagen

Es erweist sich nämlich immer wieder als besonders schwer, die tabuisierten Tatsachen vom Kind fernzuhalten. Nähern sich die Kinder dem Geheimnis, geraten die Eltern unter Druck, berichtet die Wiener Expertin. «Kinder haben feine Antennen und bemerken den psychischen Stress ihrer Eltern.» Das verschwiegene Tabu gefährdet mitunter auch die Ehe. Besteht zwischen den Eltern Uneinigkeit über die Frage Aufklären oder Verschweigen, kann es zu schweren Konflikten zwischen den Eltern kommen. Karin Lebersorger betont: «Wenn Eltern die Entstehungsweise ihres Kindes als Geheimnis handhaben, brauchen sie fachliche Beratung, um sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen, bevor sie Worte für ihr Kind finden können.»

Bei allen Problemen, die für Frauen, Männer und ihre Kinder durch die neuen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin entstehen können, sollte eines nicht vergessen werden: Die Mehrzahl der durch künstliche Techniken entstandenen Kinder wächst genauso gesund auf wie ihre spontan gezeugten Altersgenossen. Sie zeigt keinerlei Auffälligkeiten, weder in der psychosozialen Entwicklung noch in der Beziehung zu den Eltern.

Es kann die Psyche belasten

Eine britische Forschergruppe vergleicht seit Jahren einzelne, durch unterschiedliche Therapieformen entstandene Kindergruppen und findet keine nennenswerten negativen Auswirkungen. Allerdings zeigten die durch Eizellenspende eine weniger positive Mutter-Kind-Interaktion. Eine weitere Untersuchung von 30 nach Leihmutterschaft, 31 nach Eizellenspende, 35 nach Samenspende geborenen und 53 natürlich empfangenen Kindern im Alter von drei, sieben und zehn Jahren zeigte in allen Gruppen eine normale Variationsbreite. Die Kinder nach Leihmutterschaft hatten mit sieben Jahren allerdings mehr Anpassungsprobleme. An einer deutschen Längsschnittstudie nahmen 46 Familien teil, deren Kinder im Reagenzglas gezeugt wurden. Bei einem Viertel der untersuchten Kinder zeigten sich psychische Probleme, wie Regulationsstörungen, psychosomatische Symptome und Angststörungen.

Die an der Reproduktionsmedizin beteiligten Ärzte und Institutionen versuchen schon seit langem, ihrem Tun durch sprachliche Kosmetik die Anmutung von Natürlichkeit zu verleihen. «Wurde früher vom ‹Retortenkind› gesprochen, so ist heute nur noch vom ‹Wunschkind› die Rede», so Lebersorger. «Auch das Künstlich-Technische, das sich in der Bezeichnung ‹künstliche Befruchtung› fand, verschwindet im Terminus der ‹medizinisch assistierten Reproduktion›.»