PRO von florian Bissig, Produzent

«Die Gleichheit von Mensch und Tier ist schön verwirrend»

Florian Bissig, Produzent

Florian Bissig, Produzent

Statt die Vermenschlichung der Tiere zu verhöhnen, sollten wir dem Tier gegenüber Menschlichkeit walten lassen.

Sogar ein kleines Nagetierchen, empfindet offenbar Empathie gegenüber Artgenossen. Eine Gesellschaft, welche diese Erkenntnis als erstaunliche Neuigkeit herumreicht, scheint im Begriff zu sein, ihre eigene Empathiefähigkeit zu verlieren.

Tiere gequält haben die Forscher seit je, natürlich ganz im hehren Dienst des wissenschaftlichen Fortschritts. Man muss die Versuchstiere schliesslich «Stressfaktoren aussetzen», wie es im emotionslosen Jargon der Forscher heisst. Dass das Tier leidet, wenn man es beispielsweise mit Elektroschocks traktiert, war schon immer geschenkt. Doch, welch ein Wunder: Danach stehen die Tiere einander gegenseitig bei. Sie betreuen ihre gepeinigten Artgenossen besonders liebevoll. Nicht etwa nur Schimpansen und Hunde, denen wir quasi-menschliche Tugenden längst grosszügig zugestanden haben, sondern auch die Labormäuschen.

Wenn man tierisches Verhalten nun, in Analogie zum menschlichen, als Trösten bezeichnet und den Tieren Einfühlungsvermögen zuspricht, sind die Kritiker schnell zur Stelle: Das Vokabular des menschlichen Zusammenlebens verfehle und verneble die zu erforschenden Vorgänge beim Tier. Die Wahrheit soll ja in der Biochemie liegen, der auch das menschliche Verhalten unterliegt. Oxytocin, das «Kuschelhormon», sei die Währung, die das Verhalten von Mensch und Tier erkläre. Doch ebenso wie den Hormonhaushalt und die meisten anderen physiologischen Merkmale, teilen Mensch und Tier auch das Empfindungsvermögen. Statt auf den vermeintlichen Unterschieden zwischen Mensch und Tier herumzureiten, könnte sich der Mensch auf die Gemeinsamkeiten besinnen. Immer, wenn die Blicke von Mensch und Tier aufeinandertreffen, kann sich ein verwirrendes Gefühl einstellen. Es zeugt nicht von Differenz, sondern von der Gleichheit der Betrachter. Und ist es gepaart mit der Einsicht, dass jenes als Wurst auf dem Teller von diesem landet, dass jenes im Labor für den Menschen drangsaliert wird, dann wird dieses Gefühl zum Grausen.

Und so spielt man eben das tierische Geschöpf lieber herunter als von ganz anderer Wesensart, eine Art, die weder Recht noch Moral gegen uns in Anschlag bringen kann. Zu solcher Schäbigkeit ist kein Tier fähig.

CONTRA von Christoph Bopp, Autor

«Als der Affe vom Baum stieg –, schon da wusste er nicht weiter»

Christoph Bopp, Autor

Christoph Bopp, Autor

Wenn Tiere «wie wir» sind – oder uns so vorkommen –, ahmen sie meist Verhaltensweisen nach, die wir unter «Kultur» zu fassen pflegen.

Nein, wir sollen die Tiere nicht noch mehr vermenschlichen. Denn das haben sie nicht verdient.

Einstein hatte recht, aber auch Goethe. In «Faust I» sagt Mephisto zum HERRN: «Ein wenig besser würd er leben, / Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; / Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu sein.»

Ver-menschlichen, ver-tieren – das stellt immer die Frage nach der Differenz. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Homo sapiens und Pan troglodytes, dem Schimpansen. Wie es sie aber auch zwischen dem Schimpansen und irgendeiner anderen Tierart gibt. Die Idee, unsere Gattung für die Krone der Schöpfung zu halten, ist eine der absurdesten, die je ersonnen wurde.

Lassen wir das mal. Es ist immerhin eine Differenz, die wir selber inhaltlich bestimmt haben: Kultur. Dabei gab es Versuche, die durchaus eigenes Nachdenken wert wären. So hat zum Beispiel der Philosoph Hans Blumenberg – ohne explizit zu sagen, dass er jetzt «den Menschen» definiere, – den Schritt aus dem Wald in die Savanne zu einem zeitlichen Anfangspunkt gemacht. Aus der beschützenden Obhut des Waldes, wo der Vormensch wie im Paradies lebte, tritt er hinaus in die Ebene. Zum ersten Mal erfährt der den Horizont. Der Horizont eröffnet ihm nicht nur den Raum, sondern auch das, was dahinter ist. Es gibt von jetzt an das Bekannte und das Unbekannte, das Vertraute und das Bedrohliche; das, wo man mutig sein kann, und das, vor dem man Angst hat. Gleichzeitig erfährt der Mensch, dass es immer etwas «dahinter» geben wird. Hinter dem Horizont «geht es eben nicht weiter», sondern dort wartet immer etwas auf uns. Etwas, das wir nicht kennen. Das ist die menschliche Ur-Erfahrung.

Diese Idee stammt aus «Arbeit am Mythos» und es geht darin ums Benennen und Bannen des Bedrohlichen durch Wort und Wissenschaft und Religion und Philosophie. Aber, so muss man Blumenberg lesen: Dies wird immer vorläufig bleiben. Ein grosses «Als-ob es ginge» steht vor jedem dieser Versuche. Mit anderen Worten: Das Menschliche ist nicht etwas, das wir an oder in uns vorfinden. Sondern etwas, das wir einholen sollten. Wir haben möglicherweise nicht Vernunft, sicher sind wir nicht schon Mensch, wir sollen es erst werden. Wenn dies überhaupt möglich ist.