Politiker lassen sich auf Luxusreisen einladen und werden so bestechlich. Korruption ist unter Schweizer Politikern weit verbreitet, sagen Experten. Der österreichische Neuropsychologe und Korruptionsexperte Karl Kriechbaum erklärt, was Politiker denn so besonders anfällig macht.

Herr Kriechbaum, Politiker zeigen sich besonders anfällig für Korruption. Weshalb ist das so?

Karl Kriechbaum: Der Mensch ist von Natur aus korrupt: Es ist seit je ein Überlebens-, Fortpflanzungs- und Selektionsmechanismus, die eigene Macht zur Erzielung persönlicher Vorteile und zum Schaden anderer zu missbrauchen. Korruption steckt in unseren Genen, in unseren psychoneuronalen Steuerprogrammen.

Dann sind korrupte Politiker bloss menschlich?

Sie sind speziell korrupt. Bürgermeister, Abgeordnete und vor allem Regierungsmitglieder haben die Möglichkeit, anderen Bürgern und Institutionen Gefallen zu erweisen, die wesentliche Vorteile für die Begünstigten mit sich bringen. Genehmigungen, Gesetzesänderungen, Verordnungen, Erlasse oder Funktionsbesetzungen stellen bedeutende Machtmittel dar. Deshalb ist allein schon ein guter Kontakt zu Politikern vielen Lobbyisten, Unternehmern und Managern einiges wert – seien es eine Einladung zu einem noblen Event, Flugtickets für die ganze Politiker-Familie, eine günstige Wohnungsrenovierung oder die Inaussichtstellung eines lukrativen Jobs nach der Politkarriere.

Ist es naiv zu glauben, starke Politiker könnten solchen Verlockungen widerstehen?

Bestimmt gibt es vereinzelt sehr widerstandsfähige Menschen – auch Politiker –, die an solchen Zuwendungen entweder kein Interesse haben oder eine feste ethisch-moralische Kontrollinstanz besitzen, die Derartiges strikt ablehnt. Die Mehrheit der Menschen kann aber gewissen Verlockungen nur schwer widerstehen. Eine kurzfristige attraktive Belohnung wirkt eben deutlich stärker als die vage Aussicht auf eine langfristige Bestrafung.

Wie meinen Sie das?

Die moderne Hirnforschung zeigt: Der Antrieb für alle unsere Aktivitäten hat aller Wahrscheinlichkeit nach einen unbewussten, subkortikalen Ursprung. Wir Menschen können jedoch – und dies unterscheidet uns von den Affen – durch bewusst-willentliches Denken ein Veto gegen diese unbewussten Initiativen und Prozesse einlegen, diese also überstimmen.

Warum sind wir dann nicht weniger korrupt als Affen?

Leider ist diese Korrekturfähigkeit nicht jedem in ausreichendem Masse gegeben. Abgesehen davon, haben es gerade Menschen, bei denen es gut läuft, nicht nötig, ihre Antriebe, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen zu korrigieren. Das bedeutet, dass vor allem erfolgreiche Unternehmer, Manager und Politiker, die ihren Erfolg nicht selten mit korruptoider Arbeitsweise errungen haben, am wenigsten dazu motiviert sind, ihren Stil zu ändern.

Müssen Politiker, die ganz nach oben wollen, korrupt sein?

In der Regel sind es nicht die Anständigsten und Kompetentesten, die die grössten Erfolge feiern, sondern die Antriebstärksten, jene, die mit allen Mitteln nach oben wollen. Oft sind es Opfer der Vergangenheit, die zu Tätern der Gegenwart werden.

Das müssen Sie erklären.

Viele Personen schlagen die Politikerkarriere ein, weil sie den Drang haben, ihre in der Kindheit entstandenen latenten Defizitgefühle durch ein übertriebenes Streben nach Anerkennung und Einfluss zu kompensieren. Sie sind extrem motiviert, engagiert und – wenn sie entsprechend geschickt sind – auch sehr erfolgreich und für die Gesellschaft nicht selten gefährlich. Narzisstische Persönlichkeiten schrecken nicht davor zurück, problematische und schädigende Verhaltensweisen an den Tag zu legen, um ihre Ziele zu erreichen.

Bessern sie sich, wenn sie ganz oben angekommen sind?

Im Gegenteil. Siege, Erfolge und Macht hinterlassen ihre Spuren im Gehirn. Der ehemalige britische Aussenminister und Neurologe David Owen diagnostiziert bei vielen Mächtigen, die lange im Amt sind, das Hybris-Syndrom: narzisstische Selbstbezogenheit, eingebildete Kongruenz von eigenen Interessen und Staatsinteressen, Realitätsverlust und Isolation.

Warum werden selbstbezogene Menschen wie etwa US-Präsident Donald Trump überhaupt gewählt?

Passive, unsichere und abhängige Menschen kompensieren ihre Schwäche oft damit, dass sie sich mit den aktiven Narzisstoiden identifizieren, an deren fragwürdigen Strahlkraft teilhaben und so ihr Minderwertigkeitsgefühl über kurz oder lang in ein künstliches Selbstwertgefühl verwandeln.

Eine brutal pessimistische Perspektive.

Ich würde sie eher realistisch nennen. Es ist nun mal so: Politik, Wirtschaft und Finanzmärkte stehen weitgehend auf einem korruptoiden Fundament. Doch wenn dieses Fundament entzogen würde, könnte vieles nicht mehr wie geschmiert funktionieren, ein Zusammenbruch des Systems wäre wahrscheinlich. Die aktuellen Opfer dieser systemimmanenten Korruption – vor allem die breite Mittelschicht und die Sozialhilfeempfänger – würden wohl noch deutlich stärker leiden.

In kleinen Ländern wie der Schweiz und Österreich kennen sich die Mächtigen untereinander: Befördern solche Klüngel Korruption?

Eindeutig. Persönliche Kontakte, gute Beziehungen und spezielle Netzwerke erweisen sich als sehr geschäftsfördernd und stellen gerade in der Politik ein beachtliches Potenzial für dunkle, grenzwertige, unsaubere – aber für die Akteure oft sehr erfolgreiche – Machenschaften dar. Netzwerke tragen den Bazillus der Korruption in sich.

Was macht es mit unserer Demokratie, wenn wir immer wieder von Korruptionsfällen oder nur schon von anrüchigen Vorgängen im Graubereich zur Korruption hören?

Anrüchige Vorgänge oder gar handfeste Korruptionsfälle erodieren eine Demokratie – langsam, aber sicher. Kurzfristig reagiert ein Teil der Bürger mit Kopfschütteln, Abscheu, Frust und Wut, langfristig tut er es mit Hilflosigkeit, Politikverdrossenheit sowie nicht selten mit der Sehnsucht nach einem starken Führer, der endlich einmal aufräumt und für Ordnung sorgt. In einem korrupten System steigen die Chancen für Populisten, Rechts- und Linksextreme sowie für jede Art autoritärer Macher.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, Korruption liege «zu einem gewissen Grad in der Mentalität der Österreicher». Wie erklären Sie sich, dass Korruptionsfälle in Ihrem Land häufiger vorkommen als anderswo?

Kaiser Josef II. lässt grüssen: Die österreichische Tradition – Monarchie, ausufernde und oft undurchschaubare Bürokratie, viele kleine, aber durchaus einflussreiche Entscheidungsträger in Bund, Ländern und Gemeinden sowie einflussreiche Kammern mit macht- und privilegienbewussten Funktionären – lässt hierzulande vor allem struktur-korrupte Sitten und Verhaltensweisen nach wie vor blühen und gedeihen. Häufig gar nicht vorsätzlich und bösartigerweise, sondern ganz unwillkürlich und arglos, weils halt so Brauch ist und ganz ordentlich funktioniert.

Sind Österreicher korrupter als Schweizer?

Das hohe Ausmass der direkten Demokratie in der Schweiz auf allen Staatsebenen vermindert wohl die Möglichkeiten der politischen Korruption – es verhindert sie aber keineswegs. Überproportional verbreitet in der Schweiz ist eine andere Art der Korruption.

Welche?

Die Schweiz beherbergt grosse Banken, Grosskonzerne und internationale Organisationen. Ein sehr rücksichtsvoller Umgang mit Geldflüssen aller Art war lange Zeit ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Dreiste Machenschaften von Managern und Funktionären und aufsehenerregende Skandale musste dann auch die auf Diskretion und Professionalität bedachte Schweiz hinnehmen. Zudem gibt es in Ihrem Land eine sehr differenzierte Auslegung von Bestechung und Bestechlichkeit sowie eine Trennung von wirtschaftlicher und privater Korruption, was unsaubere Zahlungen gewisser Organisationen zur Erfüllung ihrer Wünsche nicht gerade hemmt.

Wie könnte wenigstens die Politik von Korruption gesäubert werden?

Solange es kein professionelles und faires Anforderungsprofil, Bewerbungs- und Auswahlverfahren sowie Qualitätsmanagement für Staatspolitiker gibt, so lange wird die Politik – weltweit – suboptimal bis destruktiv sein. Politik ist eine Hochrisiko-Branche, genauso wie die Atom-, Chemie-, Finanz-, Daten- oder Flugindustrie. Doch einzig in der Politik gibt es weder adäquate Qualifikations- und Besetzungsrichtlinien noch wirksame Kontrollen und Konsequenzen. Das ist eine Wurzel dieses Übels, die relativ leicht zu beheben wäre – zumindest theoretisch.