Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: Wie unsere Tochter zur Jägerin wurde

Michael Braunschweig Bild: CH Media

Michael Braunschweig Bild: CH Media

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über einen ungewollten Effekt, den das Lernen neuer Worte mit sich bringt.

Töchterchen hat zwei neue Worte: Das erste ist «sälber». «Sälber» kann sie schon viel: auf den Stuhl steigen, Förmchen aus der Knete stechen, sich die Windel vom Leib reissen, die Hosen anziehen – jedenfalls bis über die Knie – und ganz besonders gern: im Topf rühren. Die Leidenschaft zu kochen teilt sie mit Brüderchen. Und das führt naturgemäss zu Streit: Wer näher am Herd stehen darf oder den Kochlöffel in der Hand hält. Zum Glück zeigen beide gehörigen Respekt: «Herd heiss» mahnen sie uns jeweils mit ernster Miene und zeigen auf die Töpfe.

«Angstlust» schiesst es mir dann jeweils durch den Kopf: Die Lust, die das erfolgreiche Überstehen einer Gefahr mit sich bringt. Unsere zwei suchen im Moment regelmässig solche Erfahrungen – am Herd bislang zum Glück (noch) nicht. Bei der Kaffeetasse von Papi hingegen schon: Sobald sie sie erblicken, zeigen auf sie, konstatieren «heiss» und wollen sie «alänge», um dann die Hand rasch wieder zurückzuziehen. Und dann «nomal alänge» und die Hand zurückziehen – bis die Kaffeetasse eindeutig nicht mehr «heiss» ist. Selbstständigkeit wächst ja nur so: selber zu erfahren, wie sich «heiss» und «kalt» anfühlen. Wir hoffen nur, dass der Respekt vor dem Herd noch lange die Angstlust und den Nervenkitzel überwiegt.

Eine ganz andere Lust musste auch erst die Angst überwinden. Und damit komme ich zum zweiten neuen Wort von Töchterchen: «Ameisi». Die erste Begegnung löste panische Angst aus: Töchterchen wollte auf einen Stuhl klettern und sah da ein kleines schwarzes Wesen herumkrabbeln. Schluchzend und jammernd stand sie vor dem Stuhl, zeigte darauf und wusste nicht recht, ob sie davonrennen oder doch hochklettern sollte. «Ach, ein Ameisi, da musst du keine Angst haben, die tun dir nichts», sagte ich zu ihr, und wischte das Tierchen mit der Hand vom Stuhl. Ein kapitaler Fehler, wie sich herausstellte. Die gelehrige Tochter hatte sich nicht nur den Namen des Tierchens eingeprägt. Sie bewies von nun an auch, dass die Fähigkeit, die Lebewesen und Dinge in der Umgebung zu benennen, offenbar der erste Schritt ist, sich die Erde untertan zu machen. «Ameisi» meint sie nun an allen möglichen Orten zu sehen: in den Stofffuseln im Badewasser, in Staubkörnchen, in den dunklen Frühstücksflocken im Joghurt.

Sie sieht die Tierchen jetzt aber nicht nur, sondern lässt sie ihren Herrschaftsanspruch auch treffsicher spüren: Sie hatte ja nicht nur das Wort gelernt, sondern gesehen, dass man sich der lästigen Tiere einfach entledigen kann. Sie jagt die «Ameisi» und schlägt mit Freude nach ihnen, wenn sie sich ihr auf der Rutschbahn in den Weg stellen oder beim Spielen im Gras über die Füsse krabbeln. In der Absicht, ihr dabei zu helfen, auf den Stuhl zu sitzen, hatte ich ihr beigebracht, wie sie «sälber» gegen diese kleinen Bedrohungen vorgehen kann – und dabei eine «Ameisenjägerin» geschaffen.

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