Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: Wenn aus braven Kindern Furien werden

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über eine schlechte Eigenschaft, die mit gutem Essen bekämpft werden kann.

Die Mahlzeiten unserer Kinder verlaufen oft nach dem Schema einer Komödie. Im ersten Akt stellen sich die Figuren (Töchterchen und Söhnchen sowie austauschbare Betreuungspersonen) vor. Die Situation wird geklärt: Sie haben Hunger, wollen essen und klettern auf ihre Tripp-Trapps. Dann dürfen sie ihren Latz auswählen: den mit dem Elefantenmotiv oder der Giraffe oder den mit dem Hühnchen. Das ist der erste Stimmungsindikator: Stösst der Latz bereits auf Ablehnung, ist klar: Die Nerven sind angespannt.

Zweiter Akt: Die Spannung auf den weiteren Verlauf der Handlung steigert sich, das Geschehen entwickelt sich schneller. Also erst mal Getränke: Söhnchen will Milch oder Rivella oder beides. Da ist man meist auf der sicheren Seite. Anders bei Töchterchen. Hier sind die Entscheidungskonflikte komplexer: sowohl Milch als auch Rivella, aber zuerst Wasser, und eigentlich erst mal gar nichts. Der Handlungsverlauf wird komplizierter, und spätestens jetzt wird klar: Töchterchen spielt die Hauptrolle. Und wie es sich für ein Drama im Stil der Komödie gehört, scheint unsere Heldin nun zunehmend die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren.

Wir ahnen den Grund: Töchterchen hat eine Eigenschaft geerbt, die in ihrer Familie verbreitet ist. Wenn sie hungrig ist, versteht sie wenig Spass, und wenn auf dem Teller nicht gerade das landet, was sie sich vorgestellt hat, wirft sie rasch einmal den Teller zu Boden oder verschüttet die Milch – was sie freilich noch wütender macht, weil sie eigentlich etwas essen wollte. «Hungerböse» nennen wir diesen

Gefühlszustand, der in der Familie meines Mannes schon manchen Ausflug in Streit hat ausarten lassen. Besonders mein Mann und sein Bruder geraten sich in die Haare. Immer geht es dann gleich um grundsätzliche Fragen, um Sein oder Nichtsein. Eigentlich müssten sie nur etwas essen, aber das würden sie nie zugeben. Als Aussenstehender kann ich das als amüsantes Schauspiel sehen, wohl wissend, dass die ersten paar Bissen einen veritablen Kulturwechsel mit sich bringen werden.

Aber bei Töchterchen hält sich das Amüsement in Grenzen. Völlig überfordert mit der Situation, verschafft sie ihren Emotionen lauthals Luft und lässt sich nicht mehr beruhigen. Jedes Angebot lehnt sie ab oder wirft es zu Boden. Wir sind im dritten Akt auf dem Höhepunkt der Handlung angelangt: Es kommen grosse Krokodilstränen. Spätestens jetzt ist entschlossenes Handeln gefragt.

Eine Wende muss herbeigeführt werden. Da hilft nur noch «mir cho», also dass sie zu Papi oder Papa auf den Schoss kommt. Nur die körperliche Nähe kann ihrem Gefühlsorkan offenbar Einhalt gebieten. Wir sind im vierten Akt. Söhnchen, der meist und zufrieden danebensitzt, übernimmt die führende Rolle. Lacht zufrieden und singt gedankenverloren ein Liedchen. Fünfter Akt mit Happy End: «Wo man singt, da lass dich nieder, hungerböse Menschen haben keine Lieder.»

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