Leni sitzt am Tisch. Den Kopf gesenkt. «Was ist los?», fragt der Vater. «Papa, für das Geschichts-Referat hats nur einen Vierer gegeben», sagt das Mädchen kleinlaut. «Was? Das kann doch nicht sein. Spinnt denn der Lehrer?», ruft der Vater in einem etwas zu lauten Ton für den Mittagstisch. «Ich habe ja quasi das ganze Referat gemacht!», erzürnt er sich weiter. «Mit diesem Lehrer werde ich noch sprechen.» – «Nein, der soll doch nicht wissen, dass ich das Referat nicht alleine gemacht habe.» Die Mutter füllt die Teller und murmelt vor sich hin: «Tja, genau das wird der Lehrer durchschaut haben.»

Helfen, kontrollieren oder gar selber lösen – viele Eltern mischen sich bei den Aufgaben zu stark ein. Experten äussern sich kritisch zur Rolle der Eltern bei den Hausaufgaben und warnen vor zu viel elterlicher Mitarbeit.

Wenn Eltern zu Hause den Unterricht nachholen oder weiterführen und bei den Aufgaben das Zepter übernehmen, kann sich dies negativ auf die Motivation und die Leistung der Kinder auswirken. Je häufiger sich Über-Eltern bei den Hausaufgaben engagieren, desto frustrierter und verunsicherter können sich Kinder fühlen. Die elterliche Hilfe empfinden sie als Beweis für ihr Ungenügen. Dies haben Alois Niggli und seine Mitarbeiter von der Pädagogischen Hochschule Freiburg in Studien zum Thema Hausaufgaben aufgezeigt. Durch Einmischung und Kontrolle könne ein Teufelskreis entstehen: Wenn Eltern bemerken, dass die Leistung ihres Kindes sinkt, mischen sie sich bei den Hausaufgaben mehr ein.

Es ist nachvollziehbar, dass Eltern auf schlechte Noten mit verstärkter Hilfe reagieren. Doch Niggli, Verfasser der Broschüre «Hausaufgaben – geben, erledigen, betreuen», warnt: «Die Hilfe ist oftmals kontraproduktiv, weil ihre Qualität vielfach mangelhaft ist. Wenn Eltern selbst den Bleistift in die Hand nehmen, läuft etwas falsch.»

Die ideale Rolle der Eltern

Aufgaben sollen keine Leistung der Erwachsenen sein. Denn wenn Mami oder Papi bei den Hausaufgaben helfen, wissen die Lehrer nicht, was das Kind wirklich kann. Zudem bringen Helikopter-Eltern ihre Kinder mit ihrem Überengagement in eine diffizile Lage: Einerseits glänzen sie mit fehlerlosen, geschönten Aufgaben, andererseits werden sie in der nächsten Prüfung mit ihren Wissenslücken konfrontiert. Zudem bekommt der Lehrer den Eindruck, dass er das Tempo anziehen kann, wenn er die Fehler seiner Schützlinge nicht mehr sieht.

«Die Eltern sollen die Rahmenbedingungen schaffen: Kinder sollen genug Zeit, einen geeigneten Arbeitsplatz und genug Ruhe für ihre Aufgaben haben», sagt Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Schweizer Lehrerverbands (LCH). Sie sollen ihre Kinder emotional unterstützen, ermuntern, aufbauen und nachhelfen, wenn es stockt. «Kinder müssen lernen, selbstständig zu arbeiten und Verantwortung für grössere Aufgaben zu übernehmen», sagt Brühlmann. Kritische Zuhörer eines Referats dürften Eltern aber ruhig sein. Brühlmann betont ebenfalls: Hausaufgaben sollen nicht benotet werden, denn so werden indirekt die Eltern bewertet.

Übertriebener Eltern-Ehrgeiz

Korrigieren und Belehren sei für Kinder immer frustrierend, sagt der Leiter des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons Aargau, Hans-Peter Schmidlin. Der Schulpsychologe erklärt, dass Eltern sich nur einmischen sollen, wenn das Kind Hilfe sucht. Eltern sollten sich öfters fragen: Warum helfe ich? Hat mich mein Kind um Hilfe gebeten oder handle ich aus Eigenmotivation?

Bei Anna ist die Gotte zu Besuch. Während die Zehnjährige über ihren Mathe-Aufgaben brütet, sitzt die Gotte daneben und schielt auf das Aufgabenblatt. Anna rechnet, nimmt die Finger dazu, guckt in die Luft, drückt dann wieder die Nase aufs Blatt, schreibt Zahlen auf, radiert und schmiert auf dem Blatt herum. Die Gotte sieht die Fehler, zwingt sich, diese auszuhalten, das Mädchen nicht gleich zu korrigieren oder gar die Lösungen vorzusagen. Sie weiss, Anna muss die Aufgaben selbstständig lösen, aber zu sehen, wie sie alles falsch macht, ist schwierig. Vor allem: nichts zu sagen.

Viele Eltern möchten, dass ihre Kinder so gut und fehlerfrei sind wie sie selbst. Dass die Aufgaben überperfekt sind. Dieser Eltern-Ehrgeiz lässt sich mit ihren Zukunftsgedanken erklären. Laut Niggli denken die Erwachsenen an später und haben Angst, dass ihr Kind es nicht schafft. «Für viele ist es schwierig, mitanzusehen, dass ihre Kinder vielleicht ein wenig länger brauchen, deshalb versuchen sie mit ihrer Überhilfe, die Entwicklung zu beschleunigen. Aber man muss ihnen auch Zeit lassen», erklärt Niggli. Eltern müssen lernen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn die Aufgaben nicht perfekt sind.

Emotionale Nähe

«Eltern sind die schlechtesten Nachhilfelehrer», sagt Schulpsychologe Schmidlin. Weil die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu emotional ist, kommen sie in Konflikt zu ihrer eigentlichen Rolle. Auch in der Studie von Niggli berichten sowohl Eltern als auch Kinder, dass die Hausaufgaben nicht selten zu Streit führen. Niggli fand heraus, dass es beim Betreuungsverhalten von Aufgaben kulturelle Unterschiede gibt. So seien Eltern nicht deutschsprachiger Kinder strenger und kontrollierender. Im Süden Europas, beispielsweise in Portugal, erziehe man Kinder autoritärer, was sich auch bei den Hausaufgaben widerspiegle. Niggli spricht in diesem Zusammenhang vom Begriff «immigrant optimism», der besagt: insbesondere Migranten wollen, dass ihre Kinder etwas erreichen. So üben sie manchmal zu starken Druck auf die Kinder aus.

In den Sitzungen des Schulpsychologen Schmidlin ist Druck eines der Hauptthemen. «Ich bin oft konfrontiert damit, dass bei Kindern Leistungsversagen entsteht, weil der Druck von Mama und Papa zu hoch ist. Die Kinder werden den Erwartungen der Eltern nicht gerecht, dann sinkt ihr Selbstwertgefühl, obwohl Intelligenz und Begabung da wären», sagt Schmidlin.

Lehrpersonen sollten insbesondere bei Elterngesprächen Hinweise geben zum Thema Hausaufgabenbetreuung. Doch Niggli ist skeptisch, ob die Eltern genug informiert werden. Dies bedürfe eines Mehraufwands, den die Lehrperson nicht einfach nebenbei erledigen könne. Deshalb empfiehlt er Elterntrainings. In solchen Kursen geht es nicht darum, dass aus dem Vierer ein Fünfer wird, sondern darum, dass der Papi lernt, sich rauszuhalten.

Onlinekurs mit-kindern-lernen.ch; Infos elternwissen.ch, sveo.ch oder schule-elternhaus.ch.