Einen halben Kilometer war es noch bis zum Zeltplatz im Dorf oberhalb von Faido. Dann machte das vordere linke Rad plötzlich das Flap-flap-Geräusch. Beim Abbiegen hatten die Urlauber einen scharfkantigen Randstein touchiert – und standen jetzt ziemlich hilflos neben dem vollbepackten Auto.

Die Frau konnte sich einen hämischen Kommentar nicht verkneifen, der fehlbare Chauffeur gab zurück. Die Ferien-Vorfreude war dahin. «Bevor zwei heiraten, sollten sie zusammen eine Auto-Panne durchstehen», sagt Marco Wolfisberg, Inhaber einer Garage und Abschleppfirma in Airolo. «Das ist ein guter Beziehungstest.» Der Mann weiss, wovon er spricht: Er hat schon manch streitendes Paar angetroffen, seine Firma, eine der grössten am Gotthard, hilft Ferienfahrenden aus der Patsche.

Auch dieses mal. Wolfisberg checkt den Ernst der Lage – total aufgeschmissen sind die Pannenfahrer kurz vor dem Ziel nicht – und verspricht, übers Wochenende ein Ersatzrad zu besorgen. Frau und Mann haben es inzwischen mittels Handbuch geschafft, das Reserverad zu montieren, was die Stimmung deutlich gehoben hat.

Bis zum Ende der Strasse

Schwieriger war ein anderer Fall diese Woche. Ein Auto war oberhalb des Blenio-Tals am Adula stecken geblieben. «Die Strasse hörte auf, ich weiss nicht, warum die weitergefahren sind», sagt Wolfisberg. Jedenfalls waren zwei Reifen dahin, da half ein Reserverad nichts. Wolfisberg schleppte sie mit dem Jeep ab.

«Die Frauen nehmen eine Panne generell gelassener. Die Männer hören oft nicht zu», sagt Marco Wolfisberg, Inhaber eines Pannendienstes in Airolo.

«Die Frauen nehmen eine Panne generell gelassener. Die Männer hören oft nicht zu», sagt Marco Wolfisberg, Inhaber eines Pannendienstes in Airolo.

Zwanzig Pannenfahrzeuge besitzt die Garage, die Mechaniker arbeiten rund um die Uhr und mit Hochdruck auch am Wochenende. Juli/August ist am Gotthard Hochsaison. Die Mechaniker sind für die Arbeit auf dem Pannenstreifen geschult, aber das Wichtigste sei, dass man mit den Leuten reden könne, sagt der Chef. Sieben Sprachen sind in der Abschleppfirma vertreten, aber mit Französisch, Italienisch oder Englisch gehe es meistens. Ausser der Pannen-Fahrer ist zu nervös. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. «Die Frauen nehmen eine Panne generell gelassener. Die Männer wissen oft schon vorher, wo das Problem liegt, und hören nicht zu», sagt Wolfisberg.

Meist lässt sich die Weiterfahrt in den nächsten Stunden organisieren. Aber wenn in Genua das Schiff wartet, gebucht und bezahlt, werden die Leute ungeduldig. Wolfisberg ist das gewohnt. Andere nehmen die Panne als Event auf. «Die machen echte Ferien, keine fix geplanten, sondern schauen sich dann die Umgebung an.» Wie vor zwanzig Jahren, als eine Panne oft einen Stopp von mehreren Tagen bedeutete und die Versicherungsfirmen noch keine Ersatzwagen schickten. Und Airolo noch lebte.

Diese Branche floriert in Airolo

Heute hat es der Ort schwer. Schon in den letzten Jahrzehnten schloss ein Hotel nach dem anderen. Mit dem Gotthard-Basistunnel passieren jetzt weniger Züge den Ort. Aber Wolfisberg sagt: «Man hat hier schon Chancen, wenn man etwas aufbauen will. Es braucht Hartnäckigkeit.» Oder die richtige Branche. Auch die drei Söhne von Wolfisberg – die dritte Generation – sind in den Betrieb eingestiegen.

Rekordstau: Wartende spielen Fussball auf Autobahn (April 2017)

Der Gotthard wird zur Geduldsprobe. Was machen Autofahrer, wenn sie 2.5 Stunden stehen und die Zeit totschlagen müssen? Sie werden sportlich aktiv.

Die Gastronomie könnte nächstens vielleicht wieder aufleben, während die zweite Gotthardröhre gebaut wird. «Diese Chance müssen wir nutzen», sagt Wolfisberg. Und sowieso: Er glaubt an die Gegend, liebt sie. Den Nufenenpass hinten im Bedrettotal noch mehr als den Gotthard. Etwas kühl sei es da halt, aber die Luft frisch. Das schätzt er auch, wenn er am Gotthard abschleppen muss: weniger Verkehr, frische Luft, weniger Hitze.
Ja, die Hitze. Sie ist ein guter Geschäftspartner. Je wärmer es ist, desto mehr Pannen haben die Autos: Motor überhitzt, Benzinpumpe zu warm, Kupplung durchgebrannt, Reifenschaden. Aber eigentlich sei die Hitze nicht schuld, sagt der Fachmann: Der Fahrer sei es meist, auch wenn der das nicht hören wolle. «Sie fahren alle im gleichen Atemzug in den Süden, trotz Stauwarnung», sagt Wolfisberg. Und dann erhitzt sich im ständigen Stop-and-go-Fahren mit zu wenig Abstand zum vorderen Auto halt die Kupplung.

Flachländer sind treue Kunden

Die Flachländer aus Holland, Belgien oder Deutschland landen mangels Erfahrung häufiger bei der Pannenhilfe. Die Schweizer weichen eher auf Alternativrouten aus oder planen den Zeitpunkt günstiger. Welche Automodelle am häufigsten stehen bleiben, will Wolfisberg nicht sagen. Jedenfalls komme es nicht drauf an, ob Offroader oder VW Käfer.

Wolfisberg kann auch mit allen «Menschen-Modellen» umgehen. Nur jene, die übers Mittelmeer nach Hause führen, seien wirklich schwierig: Sie wollen das Schiff erreichen, das Geld ist knapp, auf der Rückfahrt noch mehr als auf der Hinfahrt. Aber Diskussionen über die Kosten gibt es mit allen Nationen. «Die Kunden möchten meist etwas anderes hören als die Fakten.» Weil klar: Ein paar tausend Franken für eine neue Kupplung sind nie im Ferienbudget vorgesehen.

Verreist der Garagist selber, dann möglichst weit weg und mit dem Flugzeug, wo keiner verlangen kann, dass er bei einem Zwischenfall schnell zurückkommt.