Open Air

Openairs im Grünen sind alles andere als grün

Nein, das Festival ist nicht mehr im Gange: All diese Zelte sind nach dem diesjährigen Open Air St. Gallen im Sittertobel liegen geblieben. Michael Dornbierer

Nein, das Festival ist nicht mehr im Gange: All diese Zelte sind nach dem diesjährigen Open Air St. Gallen im Sittertobel liegen geblieben. Michael Dornbierer

Die Natur leidet unter der Wegwerfmentalität der Festival-Besucher. Die Organisatoren reagieren. Die Anreise per ÖV wird gefördert, lokale Catering-Anbieter bevorzugt und der Abfall ökologisch getrennt. Doch es nützt wenig.

So schön es auch ist, Musik in der freien Natur zu geniessen und für ein paar Tage in eine improvisierte Camping-Parallelwelt einzutauchen: Open-Air-Musikfestivals hinterlassen Spuren. Stille Leidende sind die Tiere – sie teilen nicht die Freude der Musikliebhaber an wummernden Bässen.

Die Abfallberge der Besucher hingegen sind deutlich sichtbar: Trotz Sammelstationen und Abfalleimern en masse: Nach der grossen Feier gleichen die Festivalgelände oft Schlachtfeldern.

Wenn am Sonntagabend die letzte Band gespielt hat, gehen zwar die Besucher, ihre Zelte lassen sie aber liegen. Diese zu entsorgen, bleibt den Veranstaltern überlassen. Wie am letzten Wochenende in St. Gallen – trotz Sensibilisierungskampagne und Rückgabesystem für gebrauchte Zelte blieben Hunderte liegen.

Das kennt man auch am Open Air Gampel. «Allein die Zeltstangen füllten letztes Jahr einen 40-Kubikmeter-Container», sagt Olivier Imboden vom Walliser Open Air.

Ökologisches Denken ist hip

Noch eine weitere überraschende Feststellung machte das Open Air St. Gallen nach einer Umweltstudie: «Bei uns entstand die höchste Umweltbelastung durch die Anreise, nicht durch den Abfall», sagt Sprecherin Sabine Bianchi.

Die Organisatoren reagierten und intensivierten die Zusammenarbeit mit den SBB. Mit Erfolg: Heute kommen 75 Prozent der Besucher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuss ins Sittertobel.

Hatte eine nachhaltige Lebensweise früher ein verstaubtes Image, ist ökologisches Denken heute geradezu hip – Umweltbewusstsein macht selbst vor einer Lifestyle-Branche wie der Musikindustrie keinen Halt. Festival-Organisatoren kommen so gleich aus zwei Gründen nicht um das Thema herum: Einerseits gibt es Auflagen der Behörden, andererseits gehört es quasi zum guten Ton, «grün» zu denken und zu handeln.

Eine einfache Massnahme, die mit wenigen Ausnahmen alle ergriffen haben, ist der Einsatz von Mehrweg- und Pfandgeschirr. An vielen Open Airs sammelt ausserdem der gemeinnützige Verein Viva con Agua leere Trinkbecher ein. Das aus dem Depot gesammelte Geld fliesst in ein Trinkwasserprojekt in Afrika.

Ein weiteres Thema, das mittlerweile auch die Festival-Organisatoren beschäftigt, ist die Herkunft der Lebensmittel. An den vielen Verpflegungsständen ist für jeden Geschmack etwas dabei, von Tex-Mex und Pizza bis zu Asia-Food. Die Herkunft dieser Lebensmittel können die Festivals nicht beeinflussen, da die Stände an externe Anbieter vermietet werden.

Dafür wird beim Künstler-Catering und beim Essen für die Backstage-Crew durchs Band auf lokale Anbieter gesetzt, wie eine Umfrage ergab. «Wir arbeiten so weit als möglich mit regionalen Produkten», sagt Christoph Bill vom Heitere Open Air in Zofingen AG. «Wir setzen im Publikums- und VIP-Bereich sowie backstage auf zahlreiche lokale Lieferanten.»

Lokale Anbieter haben Vorrang

Ähnlich wird es auch im Wallis am «Gampel» gehalten. Am kleineren Open Air Lumnezia im bündnerischen Vella haben lokale Anbieter sogar Vorrang, wenn sie die Einkaufsmengen bewältigen können.

«Die Verpflegungsstände vermieten wir in erster Linie an lokale Interessenten und fragen diese aktiv an. So ist eine Metzgerei aus der Region seit Jahren vertreten», sagt Catia Tschuor, die Verantwortliche für Marketing und Kommunikation.

Um bewusst lokale Nahrungsmittel einzubeziehen, arbeitete das Zurich Open Air 2012 mit dem Projekt «Me gustas tu» zusammen. Dessen Initianten kauften bei den Bauern rund ums Festivalgelände ein und kochten daraus das Menü fürs Open Air.

Doch Schweizer Festivals hinken ausländischen Festivals noch hinterher, wie der Vergleich zeigt: Ein Vorreiter in Sachen nachhaltiger Festivalkultur ist das Roskilde-Festival in Dänemark. Beim drittgrössten Musik-Event Europas gehören Pfandgeschirr und Umweltplan seit den 90er-Jahren dazu.

Damit mehr Besucher mit dem Zug kommen, liess das Festival eine eigene Haltestelle am Gelände bauen. Und neuerdings werden für die Bühnenshows Stromsparlampen verwendet.

Ein ähnliches ökologisches Gewissen ist auch in Ungarn zu finden: Das Sziget-Festival kompensiert seine CO2-Emissionen komplett und investierte in spezielle Weg-Abdeckungen, die weniger Staub aufwirbeln und so das Festival-Gelände weniger austrocknen.

Ein Tropfen auf den heissen Stein

Trotzdem, ob im In- oder Ausland, die Bemühungen der Veranstalter sind immer noch bloss ein Tropfen auf den heissen Stein. Vor allem wenn sich das Verhalten der Besucher nicht ändert – schliesslich nützen auch hip designte Abfalltrennungsanlagen nichts, wenn sie nicht genutzt werden. Was immer noch zu häufig passiert, wie Sabine Bianchi vom Open Air St. Gallen sagt: «Wenn es darum geht, selbst etwas beizutragen, stehen das Festen und die Musik dann halt doch im Vordergrund.»

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