Menschen auf verschiedenen Kontinenten unterscheiden sich nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch hinsichtlich Farbe und Konsistenz ihres Ohrenschmalzes. Europäer und Schwarzafrikaner haben Ohrenschmalz, das hell bis dunkelbraun, klebrig und feucht ist. Das Ohrenschmalz von Asiaten dagegen ist farblos oder grau, brüchig und trocken.

Die unterschiedliche Beschaffenheit des Ohrenschmalzes ist auch verantwortlich für den unterschiedlichen Umgang mit ihm in Ost und West. Europäer betrachten Ohrenschmalz eher als unappetitlichen Makel und Zeichen mangelnder Hygiene.

Japan zelebriert saubere Ohren

Ganz anders im asiatischen Raum: «Etwa so, wie wir zum Coiffeur gehen, geht man in Japan in ein Ohrreinigungsinstitut», berichten die beiden Hals-Nasen-Ohren-Ärzte Wolf Lübbers und Christian W. Lübbers im Fachblatt «HNO-Nachrichten». In Japan gibt es sogar einen «Tag der Ohrreinheit» (japanisch MiMi no Hi), der jeweils am 3. März begangen wird. «Der 3. 3. wurde gewählt, da die Ziffer drei ähnlich aussieht wie eine Ohrmuschel.»

Das gegenseitige Reinigen der Ohren ist in Japan und China eine traditionelle Betätigung unter Familienangehörigen. Für den soziokulturellen Unterschied ist das schuppig-trockene asiatische Ohrenschmalz verantwortlich, erläutern die beiden Hals-Nasen-Ohren-Ärzte: «Es juckt stärker, als das klebrig-feuchte der Europäer.» Das verlangt nach Lösungen im Sinne des Ohrstäbchens oder Ohrlöffels. «Von der Produktion dieser kleinen Hilfsmittel zur Gehörgangreinigung lebt in Japan ein ganzer Industriezweig.» Moderne asiatische Taschenbestecke enthalten neben winzigen Schraubenziehern für die Brille auch ein Ohrlöffelchen.

Vor zehn Jahren haben japanische Wissenschafter herausgefunden, dass für die unterschiedliche Beschaffenheit des Ohrenschmalzes im Orient und Okzident die Variation eines einzelnen Nukleotids des Gens ABCC11 auf dem Chromosom 16 verantwortlich ist. Dieses Gen kann auch andere Drüsen und Sekrete beeinflussen und gilt als Ursache für einen ausgeprägten, unangenehmen Achselgeruch.

Den Insekten stinkts

Ohrenschmalz ist eine Mischung aus Drüsensekreten und Talg und enthält langkettige Fettsäuren, Alkohole und Cholesterin. Das Enzym Lysozym verhindert zudem die Vermehrung von Bakterien und Pilzen. Durch seinen sauren pH-Wert von 4 bis 5 wirkt Ohrenschmalz gegen Mikroben und vermindert das Risiko von Entzündungen des äusseren Gehörgangs. Es bedeckt die Haut des Gehörgangs als Schutzfilm und fängt Schadstoffe aus der Umwelt ab. Fremdkörper wie Staub oder Sand bleiben haften und der strenge Geruch wehrt sogar Insekten ab.

Wenn das Schmalz tief innen im Ohr in der Nähe des Trommelfells gebildet wird, ist es weich und flüssig, farb- und geruchlos. Von dort wandert es langsam nach aussen. Verantwortlich dafür sind die normalen Kaubewegungen des Unterkiefers. Auf seiner Wanderung wird das Ohrenschmalz dunkler, dickt ein, und entwickelt einen typischen Geruch. Die fortlaufende Produktion von Ohrenschmalz dient nicht nur dem Schutz des äusseren Gehörgangs, sondern stellt auch einen sinnvollen Reinigungsmechanismus dar. Probleme entstehen erst, wenn zu viel Ohrenschmalz produziert wird oder wenn es zum Beispiel durch Wasser im Ohr aufquillt und so das Hören behindert.

Eine regelmässige Entfernung des Ohrenschmalzes aus dem Gehörgang ist allerdings nicht erforderlich. Normalerweise reicht es aus, die sichtbaren Überschüsse am Gehörgangseingang mit dem Finger und einem Waschlappen oder einem Kosmetik- oder Papiertaschentuch zu entfernen. Sollte das Ohrenschmalz trocken und krümelig sein, hilft es oft, ein paar Tropfen Babyöl auf die Ohrmuscheln zu geben und vorsichtig einzureiben.

Die Ohrenstäbchen haben dagegen in den Ohren nichts verloren, warnen Hals-Nasen-Ohren-Ärzte: Einerseits kann der harte Innenteil der Stäbchen die Haut des Gehörgangs schädigen. Das zieht häufig schmerzhafte Entzündungen des Gehörgangs und Ekzeme nach sich. Auch das empfindliche Trommelfell kann gereizt oder sogar verletzt werden. Andererseits wird durch den Einsatz von Wattestäbchen das Ohrenschmalz oft noch tiefer in den Gehörgang und bis vor das Trommelfell geschoben. Das kann schliesslich dazu führen, dass das Ohrenschmalz eintrocknet und einen harten Pfropf bildet.

Wenn Schmalz das Ohr verstopft

Funktioniert der natürliche Reinigungsmechanismus des Ohres nicht oder wird zu viel Ohrenschmalz gebildet, verklumpt es und verstopft den Gehörgang. Wer übermässig Ohrenschmalz bildet, sollte dieses deshalb regelmässig von einem Arzt entfernen lassen. Allgemeinärzte bewerkstelligen das meistens mit der Methode der Ohrspülung, oft kombiniert mit einer Substanz, die den Pfropf aufweicht.

Der Druck des Wasserstrahls kann in seltenen Fällen zu einer Verletzung des Trommelfells führen. Weicht die Temperatur der Spülflüssigkeit nur um zwei bis drei Grad Celsius von der Körpertemperatur (37°C bis 38°C) ab, kommt es häufiger zu einem Drehschwindel. Für die Patienten ist Autofahren dann erst einmal tabu. Auch Schmerzen sind möglich, besonders bei Kindern, weil sie einen kürzeren Gehörgang haben als Erwachsene.

Hals-Nasen-Ohren-Ärzte ziehen deshalb immer häufiger die mechanische Entfernung des Ohrenschmalzes vor. Sie benutzen dazu Häkchen, Küretten, Schlingen oder einen Sauger. Der Schmalzpfropfen wird dabei mit einem dünnen Metallröhrchen aus dem Gehörgang angesaugt und so entfernt. Da bei dieser Methode der Gehörgang keiner Feuchtigkeit ausgesetzt ist, liegt das Risiko einer Infektion niedriger als bei der Spülung.

Ohrkerzen bringen nichts

Grosse Popularität in alternativen Kreisen haben auch die angeblich von den Hopi-Indianern erfundenen Ohrkerzen erlangt. Steckt man die speziellen, innen hohlen Kerzen ins Ohr, soll beim Anzünden ein Unterdruck entstehen, der das Ohrenschmalz aus dem Gehörgang schlürft.

Bei Fachleuten haben die Kerzen einen schlechten Ruf: Nach Erfahrungen von HNO-Ärzten erzeugen sie weder Unterdruck noch führen sie zum Aufweichen des Zerumens. Dafür bergen sie Gefahren: Die Wärme kann zur Bildung eines dicken Pfropfens führen, der den ganzen Gehörgang versperrt. Auch Verbrennungen der Ohrmuschel oder eine Perforation des Trommelfells sind nicht ausgeschlossen.

Übrigens: Von der Benutzung von Mundduschen zur Säuberung der Ohren wird übrigens ebenfalls dringend abgeraten: Es besteht die Gefahr von Verletzungen des Trommelfells. Dann doch lieber eine Ohrspülung beim Arzt.