Ein Inserat hatte sie zusammengebracht. Darin stand: Putzfrau sucht Arbeit. Die Rentnerin griff zum Hörer. Etwas Hilfe im Haushalt konnte sie brauchen. Jahre später ist es nicht die blitzblanke Wohnung, auf die sie sich jede Woche freut. Sie freut sich auf die 30-jährige Frau, die an ihrer Wohnungstür klingelt, ihr die Hand reicht und zuverlässig «Wie geht es?» fragt.
Am Anfang war es eine Dienstleistung wie jede andere. Putzen gegen Lohn. Aber einmal, als die Rentnerin auf dem Sofa über ihre Zeitung aufsah und das emsige Treiben beobachtete, fand sie, Zeit für eine Pause müsse auch sein. Kurz darauf dampfte Kaffee. Von Woche zu Woche vertieften sich die Gespräche. Erzählte die Jüngere von den letzten Ferien mit ihrem Partner, erzählte die Ältere, durch welche fernen Länder ihre Enkel reisten. Wären sie zum Alltag der Grossmutter gefragt worden, sie hätten weniger zu erzählen gewusst als die Putzfrau.

Nicht nur Familie oder Freunde stillen das menschliche Bedürfnis nach Austausch und Geborgenheit. Zufallsbekanntschaften machen oft den grösseren Anteil der sozialen Kontakte aus. Dazu gehören nicht nur Beziehungen, die auf Dienstleistungen fussen – etwa mit einer Putzfrau, einem Coiffeur oder einer Physiotherapeutin – und die in ein Vertrauensverhältnis münden. Das unterschätzte Netzwerk setzt sich aus Nachbarn, Arbeitskollegen oder Eltern von Klassenkameraden der eigenen Kinder zusammen.

Sie sind nicht nur soziale Begleiter, sie reissen uns auch aus unserer Bubble. Längst nutzen wir doch dieselben Informationsquellen wie unsere engsten Freunde, besuchen die gleichen Ausstellungen (oder gehen gleichermassen nie ins Museum) und sitzen im selben Kaffee. Wenn wir uns auf diese offiziellen Nichtfreunde einlassen, fordern sie uns mit fremden Denkweisen heraus, erschliessen neue Netzwerke oder verhelfen zu einer neuen Bleibe.

Die Arbeitskollegen

Etwa die ehemalige Arbeitskollegin, die als Kontakt auf einem Wohnungsinserat auftaucht: Altbau, Parkettboden, grosser Balkon, zentrumsnah – und bezahlbar. Eine SMS um Mitternacht gibt den Termin zur Besichtigung durch. Als sie die Tür öffnet und uns freudig mit der Frage «Wollt ihr die Wohnung?» begrüsst, schauen die anderen Personen, welche die Wohnung besichtigen, betreten. Wir, damals Ende zwanzig, realisieren erstmals die Bedeutung von Beziehungen.

Eigentlich sind die Scheiben gar nicht so schmutzig. Von einer gemeinsamen Tasse Kaffee haben beide mehr: «Setzen Sie sich doch zu mir.»

Eigentlich sind die Scheiben gar nicht so schmutzig. Von einer gemeinsamen Tasse Kaffee haben beide mehr: «Setzen Sie sich doch zu mir.»

Natürlich spielen Sympathien auch hier eine Rolle. Wir fragen den klügsten Arbeitskollegen nur um Rat, wenn wir ihn auch ein bisschen mögen. Dann aber sitzt eine Arbeitskollegin tagtäglich näher als die beste Freundin, die doch eigentlich dazu auserkoren war, mitzukommen, um das Hochzeitskleid auszusuchen. Doch es war die Arbeitskollegin, die peu à peu vom ganzen Vorbereitungsstress erfuhr. So kam es, dass sie, die sich als begnadete Modeberaterin geoutet hatte, am Ende mit der Braut im Laden mit den Abendkleidern stand.

Die lieben Nachbarn

Ebenso wichtig wie sie, die neben uns arbeiten, sind jene, die neben uns wohnen: Es klingelte. Vor der Tür stand Nachbar 1. Er brauche kräftige Hilfe für Nachbar 2, sagte er und fragte, ob man schnell kommen könne. Ein Stockwerk tiefer stand die Tür zur Wohnung offen, und man sah Nachbar 2 gekrümmt im Bad sitzen, kreideweiss. Er hatte sich mit einem Teppichmesser in den Oberschenkel geschnitten. Die Wunde war notdürftig verbunden, seine hochschwangere Frau stand hilflos daneben und sagte, sie habe ein Taxi gerufen, aber sie könne ihrem Mann nicht die vier Stockwerke bis nach unten helfen. Die beiden Nachbarsmänner griffen dem Verletzten unter die Arme und trugen ihn zum Taxi.

Unsere Freunde sagen, sie seien jederzeit für uns da. Aber wenn es wirklich eilt, steht uns der Nachbar am nächsten. Nachbarn sind unsere Express-Hilfe-Freunde. Der Auflauf ist bereit für den Ofen, die Gäste kommen in einer halben Stunde, aber der Reibkäse fehlt? Wir klingeln bei den Nachbarn. Die Wehen kommen, aber die Grossmutter ist noch nicht da? Wir klingeln bei den Nachbarn.

Wenn die Not nicht ganz so drängend ist, fällt es uns aber oft schwer, bei Nachbarn um Hilfe zu bitten. Und wir nehmen Milch statt Rahm für den Guss der Wähe. Dabei machen die meisten Menschen liebend gern solche Handreichungen – und trauen sich dann bei nächster Gelegenheit auch zu fragen, ob man nicht noch eine gute alte DVD herumliegen habe, die Partnerin sei im Ausgang und es gelte, den Abend allein zu geniessen. Das jedenfalls hat unser Nachbar kürzlich getan. Ich habe ihm dafür einmal in einer Krise das Baby in die Arme gedrückt und eilte zurück in die Wohnung, um den Älteren auf ein akustisch verträgliches Niveau zu beruhigen.

Es gibt viele Gerichtsurteile über Nachbarschaften, die aus dem Ruder gelaufen sind. Es gibt Konflikte unter Arbeitskollegen, die sich derart verhärten, dass ein normales Arbeiten kaum noch möglich ist. Doch in der Realität sind solche sozialen Eskalationen selten. Dazu trägt der «Mere-ExposureEffekt» bei: Je mehr man mit einer Person oder einem Objekt Kontakt hat (oder sie/es schlicht sieht), desto sympathischer erscheint sie oder es. Das nutzen die Werber aus, aber es hilft uns auch auf der Arbeit oder zu Hause: Über die Wochen, Monate, Jahre können wir uns gar nicht dagegen wehren, die Mitmenschen, die wir regelmässig sehen, liebzubekommen.

Ersatz für die Familie

Matthias Drilling von der Fachhochschule Nordwestschweiz erforscht die Strukturen von Quartieren. Er sagt, dass Nachbarschaften wieder wichtiger geworden sind. Durch die erhöhte Mobilität leben Verwandte und auch die Freunde über das Land oder gar über Kontinente verstreut. Bricht dann die Kernfamilie auseinander, findet sich ein unterstützendes Umfeld mitunter auf dem gleichen Stockwerk oder im Haus nebenan.

Coiffeusen sind manchmal genauso wichtig für die Frisur wie für die Psyche.

Coiffeusen sind manchmal genauso wichtig für die Frisur wie für die Psyche.

«Das Konzept der Nachbarschaft ist alternativlos. Es ist eine Quasi-Verwandtschaft, von der wir in jeder Lebenslage und unabhängig von unseren finanziellen Voraussetzungen profitieren», sagt Drilling. Deshalb gäbe es auch in reicheren Quartieren entsprechende Vernetzungsangebote. Eine gute Nachbarschaft lässt sich steuern: Es brauche niederschwellige Gelegenheiten, damit sich die Anwohner begegnen, sagt Drilling. Das können Strassenfeste, Quartierflohmärkte oder die Schaffung einer Tempo-20-Zone sein.

Dachte in den Sechzigern noch niemand daran, Nachbarn aktiv miteinander zu vernetzen, habe sich dies seit den Achtzigern gewandelt. «Dabei haben viele Fachleute die Vorstellung, man könne durchmischte Nachbarschaften planen oder sogar bauen. Eine beliebte Vorstellung ist, dass dann Kinder einer alleinerziehenden Putzfrau von den Kontakten ihres Nachbars – beispielsweise eines Bankers – profitierten. Aber solche Effekte sind sehr selten, und sie sollten auch nicht das alleinige Ziel sein», sagt Drilling.

Die Eltern der Kindergärtler

Klappt es nicht besonders gut mit den Nachbarn, dann sind die Beziehungen der Kinder auf jeden Fall ein Türöffner: Als ich das erste Mal per Whatsapp eine Nachricht von Tom erhielt, wusste ich knapp, wer er ist. Unsere Söhne besuchten zusammen den Kindergarten und die Kindertagesstätte. Tom hatte ich einmal von Weitem an einem Elternabend gesehen. Nun fragte er, ob seine Jungs am nächsten Tag zu uns kommen könnten, er brauche dringend jemanden zum Hüten.

Ich war überrascht, aber ich freute mich über die Anfrage, Kinder sind bei uns grundsätzlich willkommen. Bald darauf verabredeten sich seine und unsere Buben regelmässig zum Spielen und luden sich gegenseitig zu ihren Geburtstagsfesten ein. Beim Abholen ergaben sich Gespräche zwischen den Eltern, man war sich sympathisch, man blieb das eine oder andere Mal zu einem Bier. Bald hüteten wir nicht nur gegenseitig Kinder, sondern unternahmen auch Ausflüge, und inzwischen fuhren wir auch schon zusammen in die Ferien. Aus einer zufälligen Bekanntschaft ist eine Freundschaft geworden.

Geplant war das nicht. Doch laut der Basler Psychologieprofessorin Jana Nikitin investieren junge Erwachsene genau deshalb auch in weniger enge Bekanntschaften, weil sie das Potenzial haben, mehr zu werden. Aus einem kurzen Schwatz am Rande eines Kindergeburtstags kann eine Freundschaft entstehen, aus dem Smalltalk beim Hundespaziergang eine Partnerschaft, und die Zeltplatz-Nachbarin ist vielleicht eine künftige Arbeitgeberin.

«Mit dem Alter nimmt die Häufigkeit solcher Kontakte ab», sagt Jana Nikitin. Einerseits wegen äusserer Umstände: Sobald die Kinder grösser werden, werden Kontakte zu anderen Eltern seltener. Mit der Pensionierung fallen die Kontakte in der Arbeitswelt weg. Und oft führen körperliche Einschränkungen dazu, dass ältere Menschen weniger aus dem Haus kommen. Doch auch von sich aus investieren ältere Menschen weniger in flüchtige Bekanntschaften, wie Nikitin erklärt. «Das Potenzial, dass sich mehr daraus entwickeln könnte, ist für sie weniger wichtig. Sie wollen nicht mehr in die Zukunft investieren, sondern sich im Jetzt wohlfühlen. Der Versuch, neue Bekanntschaften zu knüpfen, ist auch mit dem Risiko der Ablehnung behaftet. Ältere Erwachsene tendieren dazu, dieses Risiko zu vermeiden.»

Im Alter ziehen wir uns zurück

Lieber als in flüchtige Bekanntschaften investieren sie in altbewährte Freundschaften, in Familie und Partnerschaft. Sofern dieses Netz vorhanden ist. Wenn bei jemandem die nahen Beziehungen fehlen – etwa weil nahestehende Personen sterben – ist es anders: «In solchen Fällen können die weniger engen Beziehungen das Fehlen der engen zum Teil kompensieren», sagt Nikitin. Bei älteren Menschen hilft es tatsächlich gegen Einsamkeit, wenn sie an der Supermarktkasse, beim Coiffeur, im Wartezimmer der Hausärztin mit Menschen in Kontakt kommen.

Wir wissen viel über sie, ohne dass es offizielle Freunde sind: über den Arbeitskollegen, die Nachbarin, andere Eltern oder die Putzfrau. Deshalb geht auch das Lästern über sie so gut. Doch vielleicht sollten wir dabei besser etwas zurückhaltender sein. Schliesslich geben sie uns den entscheidenden Tipp für eine neue Stelle – oder sie tragen uns zur Ambulanz.