«Ich glaube, ich hätte es mein ganzes Leben lang bereut», sagt Beatrice* und blickt zu ihrem bald vierjährigen Sohn Mathé, der gerade auf das Sofa im Wohnzimmer steigt. «Ich wäre nicht glücklich ohne Kind», sagt die heute 39-Jährige an ihrem Küchentisch und streicht sich durch die kurzen, blonden Haare. «Und ich hätte am liebsten sogar zwölf», sagt ihr Mann.

Dass ihr Traum nicht leicht zu erfüllen ist, davon wussten die beiden noch nichts, als sie sich im März 2005 ineinander verliebten. Sie 27, er kurz vor seinem 28. Geburtstag. Bereits nach wenigen Monaten zogen sie zusammen. Seit diesem Zeitpunkt verhütete das Paar nicht mehr. Ab und zu setzte zwar die Menstruation etwas später ein und Beatrice machte einen Schwangerschaftstest. Doch jedes Mal folgte die Enttäuschung: nicht schwanger.

Am 19. Dezember 2008 heirateten sie. Zwei weitere Jahre probierten sie es. Im Freundeskreis wurde ein Paar nach dem anderen Eltern. «Das war schon frustrierend», erinnert sich Beatrice. Auf die Enttäuschung folgten die Zweifel: «Ich fragte mich, ob es an mir liegt, von meiner Zeit auf dem Bau.»

Sie war knapp 20 Jahre alt gewesen, als sie nach der KV-Lehre als Maurerin anheuerte. «Dort habe ich meinen Körper nicht geschont, mit dem schweren Heben und Tragen, mit dem Staub und Gips.» Sie ergänzt:

Im März 2011 wandte sich das Paar an das Kinderwunschzentrum Baden. Der Befund: Die Chance, dass die beiden auf natürlichem Weg Kinder kriegen können, liegt bei wenigen Prozenten. Damit sind sie nicht alleine.

Jedes sechste Paar leidet unter unerfülltem Kinderwunsch, sagen Ärzte. Und die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: 6055 Frauen liessen sich 2015 in der Schweiz künstlich befruchten. Zehn Jahre zuvor waren es noch 4403.

Dass die Zahl steigt, liegt zum einen daran, dass die Frauen immer älter sind, wenn sie Kinder kriegen. Doch nur in jedem sechsten Fall liegt es ausschliesslich an der Frau: In knapp 43 Prozent der Fälle ist der Mann der Grund. So auch im Fall von Beatrice und ihrem Mann.

Er hatte als Baby einen Hodenhochstand: Einer der beiden Hoden wanderte nicht vom Bauchraum hinunter in den Hodensack. Etwa 4 von 100 neugeborenen Jungen sind davon betroffen. Bleibt das unbehandelt, kann dies zu Unfruchtbarkeit führen. Bei Beatrice' Mann kommt hinzu, dass die wenigen in der einen Hode produzierten Samenzellen zu schwach sind, um aus eigener Kraft die Eizelle befruchten zu können.

Das war der erste Gedanke, der Beatrice durch den Kopf ging. «Was kommt jetzt auf uns zu? Wollen wir das wirklich? Und wieso passiert das gerade uns?»

Mathé wird bald vier Jahre alt.

   

Noch mehr zu kämpfen mit dem Befund hatte ihr Mann. «Er als Ursache – das ist für Männer immer schlimm», sagt Beatrice. Er wollte auf dem natürlichen Weg weitermachen. «Logisch probierten wir», sagt sie schmunzelnd.

«Aber ich sah es realistisch. Ich war damals schon 33, irgendwann hätte es nun klappen müssen.» Und wenn die künstliche Befruchtung der einzige Weg sei, dann sei es halt so, sagte sie sich. «Das Ganze noch länger hinauszögern, bringt nichts.» Das sah auch ihr Mann so. «Man muss die Situation anerkennen, wie sie ist», sagt er. Also entschieden sie sich zur künstlichen Befruchtung.

Im Freundes- und Familienkreis redete das Paar von Anfang an offen über ihre Situation. Ihre Offenheit brachte mehrere ihrer Bekannten dazu, ihr Schweigen zu brechen: «Es überraschte mich, wie viele davon betroffen sind», sagt Beatrice. «Für uns ist das kein Tabu-Thema. Wir sind Realisten», sagt sie. 

Krankenkassen zahlen nicht

Der Arzt empfahl dem Paar als Behandlungsmethode die Spermieninjektion: Eine Spezialvariante der In-vitro-Fertilisation, die dann zur Anwendung kommt, wenn die Spermien zu schwach sind und sie deshalb nicht aus eigenem Antrieb im Reagenzglas mit der Eizelle verschmelzen, sondern mit einer Mikropipette injiziert werden müssen.

Das sind die Methoden zur künstlichen Befruchtung:

Kostenpunkt: Zwischen 6000 und 11‘000 Franken, die das Paar selber bezahlen muss. Darin eingeschlossen sind das Entnehmen, Befruchten und wieder Einsetzen der Eizellen, Medikamente sowie die zahlreichen Arzttermine. «Glücklicherweise stehen wir finanziell auf sicheren Beinen und konnten uns die Behandlung leisten», sagt Beatrice. Die Krankenkassen übernehmen nur die Kosten für die Insemination, bei der Samenflüssigkeit direkt in die Gebärmutter gespritzt wird. Aber auch dort ist der Beitrag limitiert auf drei Versuche.

«Sich künstlich befruchten zu lassen ist grundsätzlich nichts Notwendiges, nicht wie eine neue Niere oder ein neues Herz», sagt Beatrice. «Es ist ein Luxus, den man sich gönnt.» Aber einer, der unerfüllt durchaus Folgen haben kann.

Beatrice wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Dass Paare sich diesen Wunsch nicht erfüllen können, weil ihnen das Geld fehlt, findet sie nicht richtig. «Krankenkassen zahlen Schönheits-OPs und Brustvergrösserungen, wenn die Frauen als Grund <psychischer Druck> angeben. Aber ist es denn nicht auch psychischer Druck, wenn man sich so sehr ein Kind wünscht, dass man ohne nicht glücklich wäre?»

Ihr behandelnder Arzt, Mischa Schneider vom Kinderwunschzentrum Baden, bestätigt, dass die psychische Belastung riesig sein kann. «Nicht selten müssen die Frauen zum Psychologen oder Psychiater, um überhaupt über den Druck sprechen zu können», sagt er. Ob die Krankenkassen mehr Kosten übernehmen sollten und ob Kinderkriegen ein Menschenrecht ist, beantwortet er im Video:

Dr. med. Mischa Schneider im Interview

Zuerst mussten ein paar Kilos purzeln

Bevor Beatrice mit der künstlichen Befruchtung beginnen konnte, sollte es nochmals über eineinhalb Jahre dauern. Zuerst mussten sie und ihr Partner Gewicht verlieren - rund 15 Kilos mussten weg, um die Erfolgschancen zu erhöhen. An einem Morgen im September 2012 war es endlich soweit: Beatrice hatte das gewünschte Gewicht erreicht. Sie griff zum Telefonhörer, rief beim Kinderwunschzentrum an und sagte:

Am ersten Tag ihrer nächsten Monatsblutung konnte sie mit der Behandlung beginnen. Für Beatrice bedeutete dies: 17 Tage lang jeden Morgen und jeden Abend Hormone spritzen, ab dem 10. Tag alle zwei Tage beim Arzt vorbei gehen, sich hinlegen, via Ultraschall die Eizellen kontrollieren und wieder zur Arbeit fahren. Nach gut zwei Wochen saugte der Arzt der narkotisierten Beatrice die reifen Eizellen ab. Zwei Tage später setzte er zwei befruchtete Eizellen wieder ein, die sich unterdessen zu Embryonen entwickelt hatten.

Nach einer Auszeit in Kanada wurde Beatrice endlich schwanger.

   

 

Zwei deshalb, um möglichst eine hohe Schwangerschaftsrate zu erzielen mit möglichst niedrigem Risiko auf eine Mehrlingsschwangerschaft. Die restlichen befruchteten Eizellen wurden eingefroren, bevor sie sich zu Embryonen entwickelten. Insgesamt sechs sogenannte Zygoten wurden so konserviert, um sie zu einem späteren Zeitpunkt einsetzen zu können.

Die Stunden, die Beatrice wegen all der Termine auf der Arbeit fehlte, holte sie nach. «Dieses Hin und Her ist mühsam, es ist anstrengend, es geht an die Nieren», sagt sie.

Nach dem Einsetzen der Embryonen spürte Beatrice manchmal ein Flattern im Bauch. «Es fühlte sich gut an», sagt sie. Sie sprach sogar mit den Embryonen, ganz so, als würde in ihr schon ein Baby heranwachsen. Und sie stellte sich vor, wie sie ihren Eltern an Weihnachten sagen würde, dass sie schwanger sei. «Ich steigerte mich regelrecht rein.»

Zwei Wochen später kam der Rückschlag: Im November setzte die Monatsblutung ein. Sie erlitt eine sehr frühe Fehlgeburt. «Das war deprimierend, es tat weh im Herzen», sagt Beatrice. Auch ihrem Mann: «Es war einer der schlimmsten Momente», sagt er. Einziger Trost: Beatrice hatte noch sechs eingefrorene Eizellen, sprich drei weitere Versuche.

Doch schon bald folgte die nächste Enttäuschung. Im Januar begann sie wieder mit den Hormonspritzen, um ihren Körper vorzubereiten; Mitte Februar wollte sie sich Embryo Nummer drei und vier einsetzen lassen. Von den beiden aufgetauten Eizellen entwickelte sich aber nur eine zu einem Embryo. Damit der Arzt trotzdem zwei Embryonen transferieren konnte, musste die fünfte Eizelle aufgetaut werden. Somit war eine weitere Chance vertan.

Beatrice war frustriert, gab aber die Hoffnung nicht auf, dass es dieses Mal klappen würde. Als sie jedoch am Fasnachtssonntag um Mitternacht nach dem Umzug nach Hause kam, setzten ihre Tage ein – die Embryonen waren nicht angewachsen. «Das ging mir sehr nahe», sagt sie. Zwar trank sie keinen Tropfen Alkohol. Dennoch machte sie sich grosse Vorwürfe, an der Fasnacht mitgemacht zu haben.

Die Chancen zerrinnen schneller als erwartet

Von den acht ursprünglich befruchteten Eizellen waren noch drei übrig. Für das Einsetzen von Nummer sechs und sieben liess sich Beatrice Zeit, zögerte den Termin hinaus, wartete auf den passenden Moment. Sie wollte nicht riskieren, die Embryonen ein weiteres Mal zu verlieren. Doch im April gab sie sich einen Ruck und begann erneut mit den Hormonspritzen.

Von den beiden aufgetauten Eizellen entwickelte sich wiederum nur eine zu einem einsetzbaren Embryo – und der Arzt musste die letzte verbliebene Eizelle aus dem Gefrierfach holen. Ganz unerwartet stand Beatrice plötzlich vor ihrem letzten Versuch.

Sie konnte es kaum glauben, dass sich ihre Chancen auf ein Kind plötzlich so schnell verringerten. «Von den ursprünglich acht befruchteten Zellen funktionierten schlussendlich nur sechs. Das war frustrierend.»

Arzt Mischa Schneider kann die Enttäuschung von Beatrice verstehen. Seit vergangenem September gilt aber ein neues Fortpflanzungsgesetz, nach dem man mehr befruchtete Eizellen zu Embryonen entwickeln lassen und diese auch einfrieren kann, wie er erklärt.

Damit fällt die frühere, gesetzlich bedingte Ungewissheit weg, ob sich die eingesetzten oder, wie im Fall von Beatrice, die aufgetauten Eizellen auch tatsächlich weiter entwickeln. Im Video erklärt Mischa Schneider, wo die Fortpflanzungsmedizin in der Schweiz im internationalen Vergleich heute steht.

Dr. med. Mischa Schneider im Interview

Beatrice verlor auch die letzten beiden transferierten Embryonen. Das Ehepaar musste von vorne beginnen. «Nach den zahlreichen Arztterminen, den gescheiterten Versuchen und der Enttäuschung, die auf die Hoffnung folgt, nimmt irgendwann der Frust überhand», sagt Beatrice. 

 Manchmal hatte sie Mühe, mit ihrem Mann über ihren Frust zu sprechen. Er spürte, wie stark die gescheiterten Versuche an ihren Kräften zehrten. Deshalb überliess er Beatrice die Entscheidung, weiterzumachen. «Ich konnte nicht von ihr verlangen, das nochmals durchzumachen, wenn sie es nicht wirklich will.» Doch trotz allem: Beatrice wollte es erneut versuchen. «Ich war erst 35 Jahre alt», sagt sie. «Finanziell mussten wir zwar ab und zu über die Bücher gehen, doch alles in allem ging es uns gut.»

«Wir haben mit Mathé ein absolutes Idealkind», sagt Beatrice.

     

Zuerst brauchte das Paar aber eine Auszeit. Im August 2013 reisten sie nach Kanada, um mit dem Camper dreieinhalb Wochen herumzureisen. «Wir mussten einmal wieder für uns schauen, uns wieder finden, zusammen rücken», sagt Beatrice. Weit weg von allem. Einen Monat lang schalteten sie ab, dachten kaum an ihren Kinderwunsch, genossen die gemeinsame Zeit und tankten Kraft.

Im September startete das Paar die nächste Runde. Beatrice spritzte Hormone, liess Eizellen entnehmen und wiederum zwei Embryonen einsetzen. «Ich war diesmal ganz entspannt», sagt Beatrice. Und dann schlug es ein. Das Kinderwunschzentrum bestätigte ihr am Telefon, was sie bereits ahnte: «Ich war schwanger!» Nach sechs Jahren Hoffen, Enttäuschung und Frust. «Es war ein absolut geniales Gefühl», sagt sie: 

Beatrice ist schwanger

Überglücklich stellte sie nach dem Anruf die grosse Kerze auf den Tisch, die sie an ihrer Hochzeit als Geschenk erhalten hatten, zündete sie an, stellte ein Paar Kinderschuhe daneben und wartete auf ihren Mann. Als er nach Hause kam und den geschmückten Tisch sah, wusste er sofort, was los war. Sie nahmen sich in die Arme und weinten.

«Wir haben mit Mathé ein absolutes Idealkind», sagt Beatrice über ihren heute bald vierjährigen Sohn, der wie wild auf dem Sofa im Wohnzimmer herumspringt und dabei schallend lacht. «Ich glaube, das macht alles wieder wett, den ganzen Frust und die Kosten.» Knapp 20‘000 Franken haben sie schlussendlich ausgegeben. «Wir hätten mit dem Geld in die Ferien fahren oder ein Auto kaufen können. Aber was willst du? Geld, eine Limousine oder einen riesen Pool?», fragt Beatrice rhetorisch.

Das bestätigt auch ihr Mann: «Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und meine Familie sehe, weiss ich: Das ist das Beste, was wir je gemacht haben.» 

* Name der Redaktion bekannt