Am Wochenende des 12. Februar 1938 macht Österreichs Kanzler Kurt Schuschnigg einen Ausflug. Er ist nicht geplant, aber auch nicht spontan. Schuschnigg soll an diesem Samstag den Reichskanzler Adolf Hitler treffen. In einem Gespräch, so hatte es der frühere Botschafter in Wien, Franz von Papen, angeregt, sollten die Probleme zwischen Österreich und Deutschland besprochen und beigelegt werden.

Was es mit diesem Vorschlag auf sich hat, weiss man nicht. Franz von Papen ist für die Historiker «der Steigbügelhalter Hitlers», seinen Intrigen war es 1933 zu verdanken, dass Hitler Reichskanzler wurde. Und er ist auch fünf Jahre später eine zwielichtige Figur.

Dass es zwischen Deutschland und Österreich Probleme geben solle, stimmt nicht. Probleme haben beide, Hitler und Schuschnigg, aber sie sind in erster Linie innenpolitischer Natur. Hitler hat gerade die Spitze der Reichswehr entmachtet, ein schlaues Manöver, das die Gunst der Stunde nutzte, aber ihm nicht nur Freunde machte; Schuschnigg sieht sich in seiner Stellung von den österreichischen Nationalsozialisten bedrängt.

Vom Naturell und ihrer politischen Ausrichtung her sind sie sich ähnlicher, als beide zugeben würden. Beide regieren diktatorisch, beide haben die (linke) Opposition in ihren Ländern mit Gewalt ausgeschaltet.

Schuschnigg ist allerdings der Nachfolger von Engelbert Dollfuss, der bei einem missglückten Putsch der Nationalsozialisten 1934 ums Leben kam. Seine Bewegung heisst Vaterländische Front (VF), sie ist auch national und rechtsextrem und auch «deutsch», aber rot-weiss-rot, nicht braun.

1918, als die Habsburgermonarchie unterging, blieb «Österreich» quasi als Rest, den niemand sonst wollte. Die früheren Untertanengebiete rundherum wurden erst mal Demokratien. Deutschösterreich hätte sich am liebsten der deutschen Republik angeschlossen. (Ausser Vorarlberg, das wollte zur Schweiz.)

Die Vereinigung mit der Weimarer Republik war durchaus noch ein Projekt der Linken, von der Demokratie hielten die alten Eliten in Wien nicht viel. Die Siegermächte waren allerdings dagegen, der Versailler Vertrag sah keine territoriale Vergrösserung von Deutschland vor. Und den Sozialdemokraten in Österreich ging es schliesslich nicht anders als der Linken in Deutschland. Sie verloren den Kampf gegen den Faschismus.

Im Februar 1934 fingierte man einen Aufstand, nach den blutigen Kämpfen wurden alle linken Parteien verboten.

Unterschrift ist wenig Wert

Von den Rechten wollten nur die Nationalsozialisten «heim ins Reich». Die Vaterländische Front möchte unabhängig bleiben. Hitler hatte 1925 als gebürtiger Österreicher auf die Staatsbürgerschaft verzichtet und war 1932 Deutscher geworden. Aber dass «Deutsche» zu Deutschen gehören sollten, war keine Frage. Und 1937 hatte er vor seinen Generälen bereits erläutert, dass «die Ostmark» eingegliedert werden müsse. Spätestens 1943, liest man in den Notizen, die der Oberst Hossbach damals anfertigte, unter glücklichen Umständen vielleicht schon 1938.

Hitler dachte wohl zuerst an Eroberung, und für den zweiten Fall an einen erfolgreichen nationalsozialistischen Aufstand in Österreich. Schuschnigg hatte sich 1934 noch an Mussolini gehalten, der damals drei Divisionen an die Südgrenze schickte.

Mittlerweile zeichnete sich die Achse Berlin–Rom ab. 1936 liess sich Schuschnigg von Hitler ein Papier unterschreiben, das die Unabhängigkeit Österreichs von Deutschland versprach. Aber weil die Engländer durchblicken liessen, dass es in Ordnung sei, wenn die Deutschen ihre Probleme lösten, und die Franzosen ohne die Engländer nichts unternehmen würden, wenn Deutschland marschierte, war das Papier nicht viel wert.

Der schlaue von Papen hatte in Österreich durchblicken lassen, Hitler brauche einen Erfolg nach der Blomberg-Fritsch-Krise. Deshalb überhaupt liess sich Schuschnigg auf die «Einladung» ein. Vielleicht könnte man das ausnutzen und etwas herausholen.

Offenbar sah er bereits auf dem Weg jede Menge Panzer und Militär, Hitler liess ihn auf dem Berghof nicht nur warten, sondern zeigte ihm auch seine Generäle – und wie zufällig lagen einige Papiere herum, die wie Aufmarschpläne der Wehrmacht aussahen. Die Unterredung verlief nach Hitlers bewährtem Muster. Er wirft dem «Herrn Schuschnigg» vor, was da in Österreich abgehe, sei «Volksverrat». Niemand werde ihm dreinreden, wenn das Deutsche Reich «an seinen Grenzen Ordnung» mache. Es ist klar, verhandelt wird da nicht.

Auch wenn der österreichische Gast dem «Herrn Reichskanzler» zu erklären versucht, dass auch Österreich Teil der deutschen Geschichte sei. Die Geschichte sieht Hitler aber sowieso auf seiner Seite. Geschichte provoziert bei ihm sogleich «die Vorsehung», die ihn an diese Position gestellt und ihm «den Auftrag» gegeben habe. Hitler droht unverhohlen mit dem Einmarsch.

Wie ernst es Hitler damit gewesen ist, wird immer noch diskutiert. Die Fortsetzung der Ereignisse lässt darauf schliessen, dass er keine militärische Eskalation gewünscht hat. Hitlers Aussenpolitik ist zwar aggressiv und expansiv, aber einen klaren Plan hat er selten.

Schliesslich wird der österreichischen Delegation ein «Abkommen» vorgelegt. Es ist eine Kapitulation. Die Nazi-Partei soll offen agitieren dürfen, alle Inhaftierten sollen amnestiert werden, der «Austausch» von 100 Offizieren soll den Deutschen die Kontrolle über den Sicherheitsapparat verschaffen, und der Anwalt Arthur Seyss-Inquart, Hitlers Marionette, soll Innenminister werden. Die Deutschen wollen Österreich unter Kontrolle bringen, indem sie seinen Staat in Besitz nehmen.

Hitler hat das Abkommen schon unterschrieben, Schuschnigg will nicht. Die Aussenminister verhandeln noch und ändern ein paar Kleinigkeiten, dann muss Schuschnigg einwilligen.

Er beharrt auf zwei Tagen Bedenkfrist, weil Staatspräsident Miklas ebenfalls unterschreiben müsse. Die Einladung zum «Souper» schlagen die schockierten Österreicher aus.

Couragierte Rede

Den Februar hindurch versucht Schuschnigg noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Er hält eine couragierte Rede, appelliert an das Nationalbewusstsein: Deutsch, christlich, national und sozial, aber nicht nationalsozialistisch.

Damit ist auch schon klar: Alle, Klerus und die verbotene und unterdrückte Linke, sollen ihm zur Seite stehen. «Österreich muss Österreich bleiben!» und: «Darum, Kameraden, bis in den Tod: Rot-Weiss-Rot!» Hitler hört es nicht gern. Nicht nur, weil das Protokoll «lang anhaltender Jubel» vermerkt.

Aber der Druck wächst. Am 9. März 1938 gibt Schuschnigg bekannt, er wolle am Sonntag, dem 13. März, eine Volksbefragung abhalten, ob Österreich unabhängig bleiben solle. Wie solche Abstimmungen in einem autoritären System abgehalten werden, weiss Hitler. Das kann er nicht riskieren.

Am 10. März ruft Hitler die Generalität zum Rapport. Er wolle «die österreichische Frage» jetzt lösen, mit Gewalt. Generalstabchef Ludwig Beck glaubt, dass eine Besetzung Österreichs in eine Katastrophe münden würde.

Hitler fällt ihm ins Wort. Die Wehrmacht müsse am 12. März, spätestens vor dieser Volksbefragung, in Österreich einmarschieren: «Sonderfall Otto». Die Vorbereitungen laufen an. Am 11. März übernimmt in Berlin der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe Hermann Göring das Kommando. Den Umsturz in Wien erledigt er per Telefon. Schuschnigg soll zurücktreten, und Seyss-Inquart soll übernehmen. Staatspräsident Miklas weigert sich zuerst, den Nazi als Kanzler anzugeloben.

Aber Österreich ist allein, und am 12. März marschiert die Infanterie und rollen die Panzer. Seyss-Inquart wird zum «36-Stunden-Kanzler», danach gibt es vorderhand kein Österreich mehr.

Das war nicht ganz die ursprüngliche Idee. Die österreichischen Nazis träumten von einem Nazi-Österreich, nicht von einem Teil Deutschlands. Aber den Mob auf der Strasse stört das nicht. Die Exzesse gegen Juden und politische Gegner sind schlimmer als in Deutschland.

250 000 Wiener jubeln ihrem Führer am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz zu. Die Plebiszite für den Anschluss bewegen sich zwischen 99,5 und 99,9 Prozent. Schuschnigg wird verhaftet und landet schliesslich im KZ, wo er als Prominenter immerhin bevorzugt behandelt wird.

1945 wird er mit seiner Familie befreit. Er geht in die USA und wird dort Jura-Professor. Er stirbt 1977 in Österreich. Seyss-Inquart legt eine steile Nazi-Karriere hin. Sie endet 1946 in Nürnberg am Galgen.