Schutzmassnahmen

Nur Händewaschen reichte nicht: Forscher prüfen, wie sich die Bevölkerung an die Corona-Massnahmen hält

Nicht alle husten in den Ellbogen, aber die allermeisten.

Nicht alle husten in den Ellbogen, aber die allermeisten.

Der Verhaltensforscher Marc Höglinger untersucht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Covid-19-Social-Monitor, welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung hat. Auch wird über laufend aktualisierte Umfragen festgehalten, wie die Menschen in der Schweiz die Schutzmassnahmen umsetzen.

Schon länger hat die Covid-19-Taskforce des Bundes festgehalten, dass das Gros an Ansteckungen im privaten Umfeld geschieht. In die Kernfamilie getragen wird es von Geburtstagsfesten und Partys, eingefangen zuvor in Clubs und Bars. An Orten also, wo sich striktere Massnahmen schwerer durchsetzen lassen, als bei professionell durchgeführten Kultur- und Sportanlässen.

Die letzte Monitoring-Umfrage in diesem Monat zeigt, dass sich die Menschen sozial wieder fast wie zuvor verhielten. «Tatsächlich sehen wir, dass im Frühling bis Ende Mai über 80 Prozent der Bevölkerung auf private Besuche weitgehend verzichtet haben. Dieser Anteil sank im Sommer und Herbst auf rund 30 Prozent. Diese Entwicklung zeigt sich für alle Altersgruppen und Landesregionen», sagt Marc Höglinger.

Kaum mehr Einschränkungen bei sozialen Aktivitäten

Gemäss dem Verhaltensforscher hat sich die Bevölkerung bei den sozialen Aktivitäten zunehmend weniger eingeschränkt. Nur noch wegen des Einkaufs ausser Haus gingen im Oktober noch etwa sieben Prozent, ein Drittel beschränkte sich ein bisschen, 55 Prozent haben sich wieder normal verhalten. Noch etwa 15 Prozent verzichteten weiterhin auf Treffen mit Senioren, 30 Prozent sagten diese manchmal ab, 55 Prozent selten oder nie. Hoch geblieben ist der Anteil von Menschen, welche den öffentlichen Verkehr weiterhin meiden. Nur 30 Prozent nutzen den ÖV genauso wie zuvor.

Marc Höglinger sagt:

So gibt es nur 5,7 Prozent, die sich weigern, in den Ellbogen zu husten oder niesen. Gleichviele halten auch den Abstand nicht ein, da darf man wohl davon ausgehen, dass es dieselben Personen sind.

Die grosse Mehrheit vertraut Staat und Medien

Vermutet werden kann auch, dass diese Personen zur Gruppe der Coronaskeptiker gehören, die sich seit Wochen lautstark in den sozialen Netzen und in den Städten melden. Die Stimmungslage der allgemeinen Bevölkerung schätzt der Verhaltensforscher der ZHAW allerdings anders ein. «Auch wenn sich kritische Einschätzungen mehren – die grosse Mehrheit der Bevölkerung vertraut gemäss unseren Daten weiterhin den Behörden und den etablierten Medien.»

«Das heisst aber nicht, dass einzelne Entscheide oder Massnahmen nicht auch oft kritisch betrachtet werden», sagt Höglinger. «Meiner Meinung nach muss man unterscheiden zwischen Coronaskeptikern, welche die Pandemie als Hirngespinst abtun, und Leuten, die einzelne Massnahmen oder das Verhalten der Behörden kritisieren.» Nun werden die Massnahmen wieder verschärft, damit mehren sich die wirtschaftlichen Notsituationen, was die Kritik verstärken könnte. «Verschärfte Massnahmen produzieren immer auch Widerstand, das ist unvermeidlich», sagt Höglinger. Je besser Massnahmen begründet werden und je schlimmer die epidemiologische Lage sei, umso grösser sei die generelle Akzeptanz von Verschärfungen. So ist nach Höglinger zu erwarten, dass sich nicht nur die Verschärfungskritiker melden, sondern zunehmend auch jene, welche die Massnahmen in der Schweiz sogar als zu lasch und unzureichend einschätzen.

Autor

Bruno Knellwolf

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