Barack Obama weiss, wie man das Internet richtig für sich nutzt. Nur Katy Perry, Justin Bieber und Taylor Swift haben mehr Twitter-Follower als der US-Präsident. Fast 77 Millionen Menschen haben seine Kurznachrichten abonniert. Sagt er etwas Wichtiges, verbreitet sich die Information innert kürzester Zeit. Wenig erstaunlich also, dass auch Hillary Clinton und Donald Trump mitzwitschern möchten.

Vor allem Trump fällt beim Kurznachrichtendienst Twitter auf. Der Republikaner poltert oft und gerne. Er hat mehr Follower als Clinton, setzt mehr Tweets ab, wird öfter retweeted. «Diese Zahlen sind keine relevante Messgrösse», sagt Politikberater Mark Balsiger. Sie sagen wenig aus über Wirkung und Popularität der Kandidaten. «Zentral sind die Interaktionen und ob ein Gedanke, der auf Twitter geäussert wird, von traditionellen Medien aufgegriffen wird.»

Unverwechselbar Trump

Trump kümmert sich als viel beschäftigter Präsidentschaftskandidat nicht alleine um seinen Twitter-Account. Wahrscheinlich übernehmen ein oder mehrere Mitarbeiter die Bewirtschaftung – so ist es auch bei Barack Obama. Während Obama jedoch kennzeichnet, welche Tweets er selber verfasst hat, ist bei Trump nicht auf den ersten Blick klar, welche Kurzbotschaften er persönlich via Smartphone in die Welt posaunt.

Aber Tonalität und Wortwahl verraten schnell: Einige Tweets sind einfach zu vernünftig, um von Trump zu sein. Todd Vaziri aus San Francisco machten diese Unterschiede stutzig. Dem Visual-Effects-Künstler fiel auf, dass die aggressiven Tweets von einem Android-Smartphone abgesetzt wurden, die gemässigten hingegen von einem iPhone. Er vermutete, dass Trump die Android-Tweets schreibt und sein Team die Übrigen. Diese Mutmassung teilte er via Twitter mit.

Todd Vaziri äussert seine Vermutung in einem Tweet.

Mit seinem Tweet rief er den Datenexperten David Robinson auf den Plan. Er wollte es genau wissen, und untersuchte 762 Android-Tweets und 628 iPhone-Tweets. Robinson fand heraus, dass Trump mit dem Android-Smartphone vor allem am Morgen twittert, während am Nachmittag und frühen Abend mehr iPhone-Tweets abgesetzt werden.

Ist Trump selber am Smartphone, kommen meistens nur Buchstaben. Hashtags, Fotos und Links twittert er kaum, das überlässt er seinem Kommunikations-Team. Und noch was: Trump scheint den Retweet-Knopf nicht zu kennen. Will er eine Kurzmitteilung eines anderen Twitter-Benutzers weiterverbreiten, kopiert er den Tweet, setzt ihn in Anführungs- und Schlusszeichen und twittert ihn neu.

Der Mann für die Emotionen

Nach der ersten Analyse war für Robinson klar: Trump nutzt Twitter offensichtlich anders, als sein Kommunikationsteam. Er wollte in einem zweiten Schritt analysieren, ob sich die Tweets auch inhaltlich unterscheiden, und fand heraus, dass Wörter wie «join» (mitmachen), «tomorrow» (morgen) und Uhrzeiten nur vom iPhone-Nutzer geschrieben wurden. Die Person mit dem iPhone kümmert sich also darum, die Twitter-Gemeinde auf Veranstaltungen aufmerksam zu machen.

Und Trump? Er ist der Mann für die Emotionen. Wörter wie «badly» (schlecht), «crazy» (verrückt), «weak» (schwach) und «dumb» (dumm) werden vor allem auf dem Android-Smartphone getippt. Todd Vaziri hatte mit seiner Vermutung also recht. Eine zusätzliche Analyse von Robinson, die einzelne Worte unterschiedlichen Emotionen zuordnet, zeigt denn auch: 321 von 4901 Wörtern in den Android-Tweets werden mit Wut assoziiert. Trumps kurze Nachrichten sind 40 bis 80 Prozent negativer als die Tweets von seinem Kommunikationsteam.

Die Kommunikation auf dem Trump-Twitter-Kanal ist nicht einheitlich. «Das ist neu im amerikanischen Wahlkampf», sagt Balsiger. «Vor Trump gab es das nicht.» Standard ist, dass Kandidat, Botschaften und Tonalität aufeinander abgestimmt werden – über Monate, ja Jahre. Bei Trump ist alles anders: «Er zieht weiterhin vom Leder, bleibt sich aber selber treu, sein Team wiederum fährt eine moderate Linie», sagt Balsiger. Das könne durchaus Teil der Strategie sein. Schliesslich sei Trump auch wegen seiner «brachialen Rhetorik» noch bekannter geworden.

Er wird wohl weiterhin in dieser unverwechselbaren Art im Netz poltern und potenzielle Wähler ansprechen. «Wenn eine solche Kakofonie auf Dauer funktioniert, widerspricht es bisherigen Erkenntnissen der Kommunikationsforschung», sagt Balsiger. Denn eine stimmige Kommunikation galt bisher als Voraussetzung für einen erfolgreichen Wahlkampf.