Wir können auch einmal hinten anfangen. Über das Klima will sowieso niemand mehr etwas hören. Hinten, das meint, als die Welt das letzte Mal vor einem ähnlichen Problem stand. Und damals, das meint vor 251,9 Mio. Jahren. Geologen nennen das die Perm-Trias-Grenze. Ähnlich wie heute muss damals eine Riesenmenge Kohlendioxid relativ rasch in die Atmosphäre gelangt sein.

Über die Ursache weiss man nichts bis fast nichts, aber die Folgen waren klar: Die Temperatur stieg, in den Meeren bis zu 10 Grad, was die Meereschemie völlig durcheinanderbrachte. Am Ende waren mindestens etwa 90 Prozent aller auf der Erde lebenden Spezies ausgelöscht. «Das Massenaussterben am Ende des Perms fand zwar nicht gerade innerhalb eines Menschenlebens statt, aber nach geologischen Massstäben nahezu ebenso plötzlich», schreibt Elizabeth Kolbert in ihrem Buch «Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt.» (2014; deutsch 2015) «Nicht länger als 200'000 Jahre, vielleicht sogar weniger als 100'000 Jahre», schätzt die Forschung.

10 Grad ist viel, auch die pessimistischsten Horrorszenarien, die heute herumgeboten werden, prognostizieren nicht so viel. Dafür geht es sehr viel schneller.

Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es zu einer Erhöhung von 4 bis 5 Grad kommen, sagen die Szenarien der Fachleute. Zu befürchten ist, dass es nicht einfach global etwas wärmer wird, sondern dass auch der eine oder andere Kippunkt überschritten wird. Das bedeutet, dass sich gewisse Prozesse umkehren, ändern oder sonst etwas verrückt spielt. Und vor allem wären diese Dinge irreversibel. 

Es deutet alles darauf hin, dass wir wirklich so weiter machen wollen wie bisher.

Wie bitte? Und 2015, das Klimaabkommen von Paris? Wo wir auch dabei sind? 

Richtig, dort wurden einige Dinge beschlossen. Richtig, sagt auch der Sachbuchautor Marcel Hänggi in seiner neuesten Publikation. «Einen vergleichbaren Beschluss gab es noch nie», schreibt er sogar. Nur passiert ist seither nichts.

Den Worten Taten folgen lassen

Wo liegt das Problem? «Man rettet die Welt nicht, indem man beschliesst, sie dürfe nicht untergehen», schreibt Hänggi. Die Bürgerinnen und Bürger müssen ihre Regierungen auf das behaften, was sie versprochen haben. In der Schweiz ist der Fall klar. Wir können als Bürger von unserer Regierung etwas fordern. Mit einer Volksinitiative. Was es braucht, sind 100'000 Unterschriften. Und einen Text-Vorschlag.

Marcel Hänggi ist Journalist. Zwar ein sehr sachkundiger, aber Journalisten sollten keinen Standpunkt einnehmen. Und schon gar nicht Partei ergreifen. Hänggi hat das Problem eingehend durchdacht. Und ist zum Schluss gekommen: Doch, diesmal muss es sein.

Marcel Hänggi: Null Öl. Null Gas. Null Kohle. Wie Klimapolitik funktioniert. Ein Vorschlag. Rotpunktverlag Zürich 2018. 223 S., Fr. 23.90. Das Buch diskutiert nicht nur – wo sich Hänggi sehr gut auskennt, – die wissenschaftlichen und technischen Gesichtspunkte, sondern bezieht auch ökonomische und gesellschaftspolitische Aspekte mit ein.

Marcel Hänggi: Null Öl. Null Gas. Null Kohle. Wie Klimapolitik funktioniert. Ein Vorschlag. Rotpunktverlag Zürich 2018. 223 S., Fr. 23.90. Das Buch diskutiert nicht nur – wo sich Hänggi sehr gut auskennt, – die wissenschaftlichen und technischen Gesichtspunkte, sondern bezieht auch ökonomische und gesellschaftspolitische Aspekte mit ein.

Er erläutert seinen Entschluss an einem berühmten Gedankenspiel: Pascals Wette. Pascal war ein französischer Mathematiker und ein gottesfürchtiger Mensch. Aber erstellte sich dennoch die Frage: Lohnt es sich, an Gott zu glauben? Es gibt zwei Möglichkeiten: Gott existiert oder er existiert nicht. Im einen Fall (Gott existiert) bekomme ich einen sehr hohen Gewinn (Himmelreich). Falls Gott nicht existiert, verliere ich nichts. Dann ist halt alles vorbei mit dem Tod. Wenn ich aber nicht glaube, wäre mein Verlust, wenn Gott doch existierte, wiederum sehr gross: Ewige Höllenqual. Mein Gewinn in diesem Fall wäre: Null. Also ist es vernünftig, an Gott zu glauben. Ich muss zwar gottesfürchtig leben, aber dieser Einsatz ist überschaubar. Fazit: Ich muss an das Überleben der Menschheit glauben, auch wenn das naiv scheint.

Marcel Hänggi will also eine Volksinitiative lancieren, dass die Schweizer Regierung ihre Versprechen einhält. Was sie versprochen hat, ist in der Schweiz noch längst nicht allen klar. Besonders vielen Parlamentariern nicht. Nämlich den Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft bis 2050: Der Ausstoss von CO2 muss netto null betragen. Man hofft, dass es dann bei einer Erhöhung von ungefähr 2 Grad bleibt.

Marcel Hänggi kennt auch die Einwände, die immer wieder erhoben werden. «Wir sind so klein, wir tragen nur ein Promille zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei.» Das ist zwar in absoluten Zahlen wahr. Aber dass das Argument etwas schief ist, weil es nicht verallgemeinerbar ist, sieht jeder. Trotzdem nimmt sich Hänggi die Mühe, es zu widerlegen. Es ist ohnehin nicht fair, sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen, auch wenn sie nicht so gross ist. 2017 hat der WWF Schweiz den fairen Anteil der Schweiz berechnen lassen. Danach dürften wir ab 2038 kein CO2 mehr emittieren (das Argument kann man auf den Seiten 200/201 nachlesen).

Fossile Energie verbieten bis 2050

Im Klartext verlangt die Initiative, dass ab 2050 kein fossiler Kohlenstoff mehr «in Verkehr gebracht werden» soll. Wie will man das erreichen? Es ist sinnvoll, dies nicht über den Verbrauch anzustreben, sondern über den Import. Der Bund gibt jährlich sinkende Importkontingente ab, die versteigert werden. Man müsste verhindern, dass Monopole entstehen. Diskutiert werden auch individuelle Kohlenstoffbudgets, klingt etwas umständlich, wäre aber machbar. Gegenüber Lenkungsabgaben hegt Hänggi Skepsis. Die LSVA hat ihren Zweck auch nicht erreicht.

Technisch wäre der Ausstieg sicher machbar. Man müsste etwas vorsehen, damit Schweizer Unternehmen im Export gegenüber ausländischen Mitbewerbern konkurrenzfähig bleiben. Wurde im Vorschlag ebenfalls bedacht. Ein Verbot auf einen Stichtag würde Planungssicherheit bringen, da haben Hänggi und seine Kollegen recht.

Man hört die Einwände. Fossile Energieträger sind nicht nur gut handhabbar, sondern sie beherrschen auch die Wirtschaft. Das Verhalten der Erdölpreise wird beobachtet wie Signale vom Himmel. Und eigentlich wissen wir es auch schon lange, wenn wir es wissen wollen: Eine karbonisierte Wirtschaft wird eine ganz andere Gesellschaft zur Folge haben. Denn ohne Verzicht wird es ohnehin nicht gehen. Unser Lebensstil stützt sich aufs Öl. Die Frage ist, ob sich das Leben ohne Öl dann gar nicht mehr lohnt? Das ist eine dumme Frage. Es geht nicht nur ums Auto fahren und Heizen, sondern auch um die Produktion der Industrie, die ganze Verteillogistik und vieles andere mehr. Sich vorzustellen, das gehe alles ohne fossile Energie, braucht Fantasie. Viel Fantasie. Eine Gesellschaft ohne Öl wird wirklich ganz anders sein. Vielleicht müssen wir es auch einfach wagen. Denn Gesellschaften mit Öl werden bald nicht mehr sein. Hören wir auf Pascal: Wer nichts macht, kann nur verlieren.