Im Haus der Walser

Nühus: Bruschgaleschg, Safien Platz GR

Stolz steht das Nühus auf einer Sonnenterrasse, hoch über dem Bündner Safiental. Jenem Tal, das die Walser um 1300 über diverse Pässe hinweg eingenommen haben. Es ist auch das Tal, dessen rund 1000 Bewohner kein Rätoromanisch sprechen. Sie sind stolz auf die Siedler und ihre sonnenverbrannten Häuschen aus Holz, die sich so zufällig über die Hänge verteilen, als hätte sie jemand hingewürfelt. Dazwischen ist nichts. Nichts, was stört, keine Leitungen, keine Kabel, keine Masten. Nur Natur, trutzig und schroff und wild.

Hierher verirrt sich keiner, diesen Flecken sucht man bewusst. Das Kleinhotel Nühus (Walserisch für «neues Haus») mit seinen sechs Doppelzimmern muss man besuchen wollen. Es ist kein Ort für laute Feste, sondern einer, wo leise gesprochen wird. Wegen der Ringhörigkeit des Holzhauses und der Gäste, die hier Erholung, Entschleunigung und Ruhe finden sollen.

Was den Unterländern wichtig ist, zählt an diesem Ort nicht. Hier sitzt man mit den anderen Gästen gemeinsam am Cheminée oder am gleichen Tisch und sagt einander du, geniesst, was die Gastgeber auftischen, gekocht aus den lokalen Produkten aus dem Tal. Fleisch, Joghurt und Butter stammen von den benachbarten Höfen, die Eier von den Hühnern hinter dem Haus, die Nusstorte von der Nachbarin.

Auch wenn der Name damit kokettiert; «neu» ist dieses denkmalgeschützte Haus relativ. Es ist über 200 Jahre alt, war einst Wohnhaus von zwei Bauernfamilien und deshalb mittig geteilt durch eine Wand. Heute zeigt sich das Nühus offen und hell, dank des berühmten Architekten Rudolf Olgiati, der in den 60er-Jahren riesige Panoramafenster in die Holzfassade setzte.

Einzig die Türsturze hängen tief wie eh und je – wehe dem, der den Kopf nicht tief genug zwischen die Schultern zieht. Auf einigen Planken finden sich Tapetenreste; ungarische Tapeten, die Männer aus dem Tal vor 1900 von ihren Arbeitseinsätzen in der grossen weiten Welt zurückbrachten. Daneben stehen die Nasszelle aus Milchglas, Dusche und Toilette für jedes Zimmer, wie es sonst kein Haus im Tal führt. Neu und alt, ohne Gefühl von Heimatmuseum.

Gefunden haben das Nühus auch die Gastgeber: Barbara und Markus Müller, Quereinsteiger aus dem Aargauer Fricktal. Sie haben das Haus im vergangenen Jahr gepachtet und führen es seit Dezember so, wie sie die Talbewohner beschreiben: offen und äusserst gastfreundlich.

Katja Schlegel

Mehr Schloss als Kaserne

Militärkantine: Kreuzbleicheweg 2, St. Gallen

Die Blechkolonne vor dem Rosenbergtunnel wird länger. Die letzten Sonnenstrahlen verblassen, der Mond wird sichtbar. Drinnen riecht es nach frischem Holz. Eine kühle Brise weht durchs offene Fenster ins Turmzimmer. Der Ausblick über St. Gallen ist atemberaubend.
Staus dürften die Offiziere der Schweizer Armee von hier oben nicht beobachtet haben, als sie sich nach langen Tagen auf dem Feld schlafen legen konnten.

Die Militärkantine in St. Gallen, die 1901 errichtet wurde, diente im 20. Jahrhundert als Offiziersunterkunft. Im Gegensatz zu den sonst streng klassizistischen Kasernen wurde das Gebäude als Jagdschlösschen mit Türmchen, Erkern sowie einer verspielten Dach- und Fassadengestaltung errichtet. Nach den Renovationsarbeiten erinnert die Militärkantine mehr denn je an ein Schloss und wenig an eine Kaserne. Doch unter dem heutigen Holzboden liegt noch der Steinboden von früher, wo angeblich die Spuren der groben Nagelschuhe der Soldaten zu sehen sein sollen.

In der ehemaligen Soldatenstube im Erdgeschoss wird das Restaurant betrieben und im Sommer um den Kastaniengarten erweitert. Die Bar ist das Herzstück des Dreisterne-Hotels, das 2013 seinen Betrieb aufgenommen hat.

Nur einige Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt trifft sich hier am Abend die Bevölkerung mit ausländischen Geschäftsreisenden und tauscht sich aus. Die Militärkantine wurde aufgrund seiner beispielhaften Verbindung von Historie und Moderne zum «Historischen Hotel des Jahres 2017» gekürt. Das hätte wohl auch die Offiziere und Soldaten von damals gefreut.

Nicolas Imfeld

Gediegene Ruhe

Hotel Paxmontana, Dossen 1, Flüeli-Ranft OW

Man muss nicht an Kraftorte glauben oder auf Pilgerreise sein, um die Seele und den Körper stärken zu können. Jedenfalls nicht in Flüeli-Ranft, dem Pilgerort über dem Obwaldner Kantonshauptort Sarnen. Kaum angekommen, entspannen sich die Muskeln. Das Chaos im Kopf, das vom Büro im Mittelland mitgereist ist, löst sich ebenfalls in Luft auf.

Es wird noch besser: Wer durch die grosse Eingangstür des Jugendstilhotels Paxmontana schreitet, steht plötzlich in einer anderen Welt. In jener der Belle Époque, als hier die Schönen und Reichen aus Europa Kricket spielten und ihre bleiche Haut in Molkebädern wuschen. Mit seinen geschnitzten Balkonen, reich verzierten Stuckaturdecken und den Türmchen auf dem Dach hat das Juwel bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

2016 zählte es 37 000 Logiernächte. Die Gäste stammen aus der Schweiz und dem übrigen Europa. Oder aus Asien. Zunehmend veranstalten Firmen hier Seminare. Sie alle kommen wegen des Jugendstil-Chics, sicher. Aber auch deshalb: «Wir sind ein Ort der Ruhe, an dem die Leute Abstand von der Hektik des Alltags finden», sagt Direktor Thomas Thürig.

Was wie aus einem Werbekatalog klingt, ergibt Sinn, sobald man den Speisesaal betritt. Von der riesigen Glasfront schweift der Blick über den Sarnersee, zu Häusern mit dunklen Holzschindeln, hin zu Bäumen, Blumen und Wanderwegen. Da passt es auch, dass die Zimmer schlicht eingerichtet sind. Einen Fernseher sucht man vergebens. Ich finds gut: All das würde nur ablenken. Dass das Hotel so gut gelegen ist, kommt übrigens nicht von ungefähr. Es soll das erklärte Ziel des Erbauers Hans Hess gewesen sein, jedem Gast ein Zimmer mit Aussicht bieten zu können.

Seit der Eröffnung vor 120 Jahren hat sich im und am Hotel viel getan. Vor ein paar Jahren wurde das «Paxmontana» renoviert. Für 27 Millionen Franken. Kein Tropfen Wasser fliesst mehr durch eine alte Leitung, kein Watt Strom durch ein altes Kabel. Die Renovationsarbeiten haben sich auch optisch gelohnt. Das Dreisterne-Hotel hat eindeutig das Flair eines Vier-Sterne-Hauses. Für mich steht nach einer Nacht fest: Ich komme wieder.

Rebecca Wyss

Ein Dreitausender steht Pate

Hôtel Bella Tola et St-Luc, Route Principale, Saint-Luc VS

Wer nach kurvenreicher Fahrt in St-Luc, hoch über dem Val d’Anniviers, angelangt, steht vor der schwierigen Entscheidung: Gemütliche Zweisamkeit auf dem Sofa im schmucken Zimmer, Apéro trinken auf der Terrasse oder ab in die Sauna? Am besten eins nach dem anderen. Zuerst auf die Terrasse, vor sich die Kulisse der Schneeberge und ein Krüglein duftenden Thymiantee oder ein Bier, das tausend Höhenmeter weiter unten im Rhonetal gebraut wurde. Hinter sich – fast ebenso imposant wie die Dreitausender – die Fassade des historischen Grand Hotels.

Hier liesse sich gut bis zum Abendessen verweilen. Doch es gibt viel zu entdecken, auf zum Streifzug durchs über 130 Jahre alte Gebäude, in dessen Salons der Geist besonders der Belle Époque zu spüren ist. Ab in den Spa-Bereich, und siehe da: Wer sich nach Sauna und Dampfbad zum Abkühlen ins hübsche kleine Bad wirft, kann auch von da aus das Alpenpanorama geniessen.

Nur der Bella Tola selber ist nicht zu sehen, jener Gipfel, der dem Viersterne-Hotel Pate steht. Er türmt sich hinter dem Haus auf und ist für einen Dreitausender recht einfach zu erklimmen. Allerdings ist am Morgen die Verlockung gross, vom Bett aus die Berge zu betrachten. Nach dem Frühstück im Speisesaal mit der Stuckaturen-Decke ist ein Verdauungsspaziergang angebracht, aber es muss ja nicht gleich ein Dreitausender sein.

Niklaus Salzmann

Vom Mond beschützt

Landgasthof Ruedihus, Doldenhornstrasse 26, Kandersteg BE

In einer einzigen Mondnacht soll das Holz geschlagen worden sein, das bis heute des Ruedihus Gewand ist. Zumindest fast. Einen Teil verschlang eine Feuersbrunst. Dass nicht das gesamte Haus in Flammen aufging, habe der Allermannsharnisch verhindert. Jene Pflanze, die Soldaten während des Dreissigjährigen Kriegs auf sich trugen, um sich vor tödlichen Verletzungen zu schützen. So der Aberglaube.

Unter der Eingangstür verbuddelt, soll die Pflanze auch das Ruedihus vor dem Flammentod bewahrt haben. Um das reich verzierte Holzhaus rankt sich so manche Legende. 1753 erbaut, war es Wohnsitz des Landsvenner, eine Maultier-Wechselstation für Reisende oder Schulhaus für Kinder der italienischen Tunnelbauer. Dazwischen kehrten immer wieder Hungrige in seine Gaststätte ein.

Seit 1990 führt nun das Ehepaar René und Anne Maeder das Dreisterne-Hotel. Sie renovierten das Gebäude so originalgetreu wie möglich. Wer heute in den heimeligen Stuben sitzt, erlebt Ballenberg-Gefühle par excellence: Nichts erinnert an den technischen Fortschritt. Kabel, Bildschirme, Kaffeemaschine: Alles ist aus dem Blickfeld verbannt.

Stattdessen gucken die Gäste durch runde Butzenfenster, wärmen sich an Specksteinöfen und kauen nach dem Essen auf Kümmel-Samen. Ein Kniff, um die Verdauung anzuregen, sagt Hausherr René Mäder. Dankbar greift man zu. Denn was in den beiden Stuben im Ruedihus aufgetischt wird, ist währschaft-deftig: Schweizer Spezialitäten wie «E Schnifu Burehamme» oder «Suure Mocke». «Kaffee und Tee ausgenommen, verwenden wir ausschliesslich regionale Produkte. Coca-Cola schenken wir nicht aus», sagt Maeder.

Nicht nur die Zutaten stammen aus der Umgebung, auch das Interieur. Lange haben die Hoteliers Möbel aus dem 18. und 19. Jahrhundert zusammengesucht: in Kandersteg, in Antiquitäten- und Auktionshäusern. Damit die Zeitreise gelingt, steht in keinem der 12 Zimmer ein Fernseher oder eine Mini-Bar. Stattdessen sinkt man in Himmelbetten aus vergangenen Zeiten und entziffert kunstvoll gemalte Sprüche an Bauernschränken.

Ganz liess sich der Wandel der Zeit aber nicht ignorieren: Schreiner mussten einige der Betten verlängern. Antik und komfortabel: Vielleicht lässt sich deshalb so gut im Ruedihus nächtigen. Oder aber wegen des Holzes, das in einer Mondnacht geschlagen wurde. Bauherr Peter Germann war überzeugt: Nur dann würde «der Segen auf demselben ruhen und die Stürme darüber hinwegbrausen».

Annika Bangerter

Weitere Inspiration

Wer mehr über geschichtsträchtige Hotels erfahren möchte, dem sei das Buch «Kulinarische Zeitreisen» (Mattenbach Verlag, 82 Franken) empfohlen. Im Bildband porträtieren Anita Brechbühl (Text) und Nicolas Glauser (Fotos) jene 54 Häuser, die der Vereinigung «Swiss Historic Hotels» angehören.

Das Buch macht sich ebenso gut im Büchergestell wie im Küchenregal. Denn zu jedem Hotel wird jeweils ein Rezept präsentiert. Sie reichen von Schweizer Spezialitäten wie «Chouera» aus dem Walliser Binntal (Hotel Ofenhorn, Binn) bis zu «Bündner Sushi» (Hotel Schweizerhof, Flims).

Weitere altehrwürdige Herbergen finden sich im Büchlein «Die schönsten Hotels der Schweiz» (16 Franken) vom Schweizer Heimatschutz. Darin sind 78 Hotels und und 13 Bed & Breakfasts vorgestellt, die besonders sorgfältig mit ihrem Erbe umgehen.