Sie gewinnen zehn Millionen im Lotto, was machen Sie mit dem Geld? Stellen Sie sich vor, Sie hätten nur noch einen Tag zum Leben, was würden Sie noch anstellen? Derlei Gedankenspiele kennen wir alle. Man guckt grübelnd in die Gegend und sinnt seinem fiktiven Geldsegen oder eben dem letzten perfekten Tag auf Erden nach. Meist richten wir dann mit der grossen Kelle an und tischen unserem Gegenüber übertriebene, masslose, oft auch unrealisierbare Ideen und Wünsche auf.

Menschen, die sich nicht mit imaginären Träumereien auseinandersetzen, weil bei ihnen die Frage nach dem «letzten Tag» nicht hypothetisch, sondern real und akut und deswegen vielleicht sogar taktlos ist, wünschen sich aber nichts Grosses. Nichts Überirdisches. Menschen, die todkrank sind, wünschen sich Kleinigkeiten – für «Gesunde» wahrscheinlich gar Selbstverständlichkeiten.

Wie einfach diese kleinen Wünsche zu erfüllen sind, wie gross aber die Wirkung ist, hat der holländische Sanitäter Klees Veldboer erfahren. Deswegen gründete er die Stiftung Ambulance Wens (Ambulanz Wunsch).

Bemühungen in der Schweiz

Veldboer und sein Team von 225 Freiwilligen machen es möglich, dass Sterbenskranke noch ein letztes Mal Eis schlemmen, ans Meer fahren oder ihren Geburtsort besuchen können. Oder auch das: noch einmal die Lieblingsgiraffe sehen. Diesen letzten Wunsch erfüllte die Stiftung einem holländischen Zoomitarbeiter. Das Tier spürte, dass es dem Mann nicht gut geht und stupste ihn mit der Schnauze an. Via Soziale Medien ging das Bild um die Welt.

Wir pflegen ja zu sagen: Das Leben ist keine Wunschmaschine. Doch die Samariter aus Westeuropa haben bisher 5400 Wünsche erfüllt. Unentgeltlich. Die Nachfrage sei gross.
Nicht nur in Holland, sondern auch in Deutschland, Belgien und Israel gibt es mittlerweile eine Ambulanz-Wunsch-Stiftung.

«Unser Ziel ist es immer mehr Länder dazuzubringen, ein solches Angebot anzubieten», erklärt Ineke Veldboer, Mitgründerin von Ambulance Wens. Deswegen sind sie und ihr Mann auch auf die Holländerin Suzanna van Elteren zugekommen, die seit 14 Jahren in der Schweiz lebt und als Notfallpflegerin im Kantonsspital Olten tätig ist.

Die 38-Jährige soll sich umhören und herausfinden, ob dieser Service auch in der Schweiz möglich ist. Sie führte bereits Gespräche mit den Holländern, doch einen Anfang zu finden sei schwierig. «Du erzählst den Leuten von der Idee, und sie sind begeistert. Hören sie dann, es sei ehrenamtlich, ist das ein Dämpfer», sagt van Elteren.

«Ich möchte bei der Umsetzung helfen, aber alleine kann ich so ein Projekt nicht stemmen.» Van Elteren hat dem Schweizerischen Samariterbund einen Brief geschrieben, sie wartet derzeit auf Antwort. Die Wahlschweizerin ist sicher, dass ein solches Angebot gut in der Schweiz ankommen würde. Die Leute müssten nur erst einmal davon erfahren. Und: Es brauche Sponsoren.

Noch einmal Seemann sein

Die Stiftungen finanzieren sich durch Spenden, die Patienten bezahlen nichts. Von ihnen wird gewünscht – sozusagen Wunsch gegen Wunsch – dass sie, sofern möglich, einen Erlebnisbericht für die Website schreiben. «Ihre Geschichten», so Veldboer, «sollen aufzeigen, was – obwohl das Ende so nahe – möglich ist, damit die Sonne noch ein bisschen scheinen kann, trotz ihrer schwierigen Situation.»

Begonnen hat alles – wie könnte es anders sein – mit einem Wunsch: 2007 ist der Rettungssanitäter Kees Veldboer im Dienst. Er soll einen Patienten von Spital A für eine Behandlung ins Spital B transportieren. Als der kranke Mann auf der Trage liegt, meldet sich Spital B, dass die Behandlung erst verspätet stattfindet. Er und seine Begleitsanitäterin fahren mit dem Mann an den Hafen von Vlaardingen. Der Mann blickt aufs Wasser und sagt: «Wie gerne würde ich noch einmal auf einem Schiff fahren, ich war früher Seemann.» Im Spital angekommen plant Veldboer eine letzte Schiffsfahrt.

Der Mann, dem sein Herzenswunsch erfüllt wurde, schreibt sichtlich gerührt in seinem Erlebnisbericht: «Als wir am Hafen waren und ich all die Boote gesehen habe, war das sehr emotional für mich, denn ich dachte, das ist das letzte Mal. Umso grösser war die Überraschung als Kees Veldboer an meinem Bett stand, um mir zu sagen, dass wir eine Bootsfahrt auf dem Spido Rotterdam machen. Das hat mich alles sehr gerührt in meinen letzten Wochen, die ich noch habe. Leider ist es so.» Sein Bericht schliesst mit den Worten: «Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, wie schön eine solche Geste von einer total fremden Person ist.»

Veldboer wird klar, wie wenig es braucht, jemanden, der nicht mehr viel – und vor allem nicht mehr lange – Freude am Leben hat, glücklich zu machen. Er initiiert die Wunsch-Stiftung.

Nichts Überirdisches

«Wir geben Geschenke weg», sagt seine Frau mit holländischem Akzent. Selbst als Sanitäterin unterwegs, kennt Ineke Veldboer viele unterschiedliche Patienten und Wünsche. So wollte eine Frau unbedingt bei der Hochzeit ihrer Enkelin dabei sein. Sie war sehr krank. Aber mit dem technisch gut ausgerüsteten Wagen und dem medizinischen Personal war es möglich.

Zurück im Hospiz bedankte sich die Frau und sagte: «Jetzt kann ich gehen.» Sie starb am Tag darauf. «Einmal», erzählt Ineke Veldboer, «ist ein Patient während der Wunscherfüllung verstorben. Das gibt es natürlich bei terminalen Patienten, darauf muss man vorbereitet sein.» Laut Ineke Veldboer kommt es auch immer wieder vor, dass man abgemachte Wunscherfüllungen absagen muss, weil sich die Situation des Menschen verschlechtert.

Und was wünscht man sich für sich selber, wenn man täglich Menschen dabei begleitet? Ineke Veldboer überlegt und sagt dann: «Ich würde gerne ein Eis essen, in der Stadt, wo ich geboren bin, nähe Amsterdam. Ein ‹Coup Colonel› (Zitronensorbet mit Wodka). Eben. Nichts Grosses. Nichts Überirdisches.»

Was würden Sie als Letztes noch erleben wollen? Schreiben Sie uns einen Kommentar!