Nordatlantik

Neunmal weniger Fische als von hundert Jahren: Jetzt fordern Wissenschaftler einen Fangstopp

Die Erträge der Meeresfischerei – hier ein Hering – nehmen bereits seit über zwanzig Jahren ab.

Die Erträge der Meeresfischerei – hier ein Hering – nehmen bereits seit über zwanzig Jahren ab.

Im Nordatlantik schwimmen heute neunmal weniger grosse Fische als vor hundert Jahren. Nur dank Subventionen lohnt sich die industrielle Meeresfischerei noch. Nun fordern Wissenschafter einen Fangstopp.

Fisch wird als Nahrungsmittel immer gefragter. So überschritt der Konsum im Jahr 2014 erstmals die Marke von 20 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Die Schweiz und die EU übertreffen diesen weltweiten Durchschnitt sogar: Wir essen 22 Kilogramm Fisch pro Kopf und Jahr.

Dass Fisch so beliebt ist, sei auf jahrzehntelanges Marketing zurückzuführen. Das sagt Billo Heinzpeter Studer, Präsident des Vereins Fair-Fish International, einer Organisation, die sich für die artgerechte Haltung von Fischen in Aquakultur einsetzt. «Die Fangindustrie hat den Konsum massiv angekurbelt. Sie wollte neue Absatzmärkte generieren», sagt Studer. Mit der Erfindung des Fischstäbchens 1955 sei ihnen das gelungen. Auch der steigende Wohlstand kurble den Verzehr von Fisch an, sagt Dirk Zeller, Meeresbiologe an der Universität von Westaustralien: «Wohlstand bedeutet, dass man sich teurere Nahrung kauft. Das beinhaltet beispielsweise das trendige Sushi.»

Um den globalen Hunger nach Fisch zu stillen, fahren 4,6 Millionen Fangboote über die Weltmeere. Pro Jahr ziehen sie 80 Millionen Tonnen Fisch an Deck. Das entspricht der Ladung eines Güterzugs, der um den halben Erdball reicht. Dabei nicht miteingerechnet ist der Beifang – also Fische und andere Tiere, die nicht gegessen werden. Diese werden über Bord geworfen: Sieben Millionen Tonnen sinnlos gefangener Fische werden so jedes Jahr noch auf hoher See zu Abfall.

Fische zu zählen, ist unmöglich

Die Zahlen stammen aus dem «State of world fisheries»-Bericht, den die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) alle zwei Jahre publiziert. Doch die Angaben sind sehr ungenau, sagt Dirk Zeller. «Die Daten ignorieren die Fänge von Kleinfischern und Hobby-Fischern. Ebenso tauchen illegale Fischfänge sowie ein Teil des Beifangs nicht in der Statistik auf.»

Der Meeresbiologe rekonstruiert im Rahmen der Forschungsinitiative «Sea Around Us» die tatsächlich gefangenen Mengen. Seine Resultate zeigen erschreckendes. Die grössten Mengen wurden im Jahr 1996 gefangen – 130 Millionen Tonnen Meerfisch pro Jahr. Seither nehmen die Fänge um jährlich 1,2 Millionen Tonnen ab. Wenn der Trend so weitergeht, liegen die jährlichen Fangmengen bis ins Jahr 2050 bei nur noch 60 Millionen Tonnen, was weit unter dem liegt, was gegenwärtig konsumiert wird.

Wie gross die Bestände heute noch sind, weiss niemand genau. «Fische im Meer zu zählen, ist unmöglich», sagt der Meeresbiologe Jason Hall-Spencer von der Plymouth University in Grossbritannien. «Wir können höchstens Schätzungen machen.» Statistische Daten aus dem Nordatlantik zeigen, dass sich die Biomasse bei den grossen Fischen in den letzten hundert Jahren um den Faktor neun verringert hat. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Bestände also um rund 90 Prozent eingebrochen. «Das bedeutet, uns geht schlicht der Fisch aus», sagt Zeller.

«Die Bestände sind schon so weit gesunken, dass sich der Fischfang eigentlich gar nicht mehr rentiert», sagt Billo Heinzpeter Studer vom Verein Fair-Fish International. «Die Fischer kriegen mit dem Erlös aus ihren Fängen oft nicht einmal mehr den Preis für den Treibstoff des Boots heraus.» Damit sich die industrielle Fischerei trotzdem noch rechnet, unterstützen die Behörden die Fischer mit weltweit 35 Milliarden Franken. Damit sind gemäss Angaben der UNO bereits 20 Prozent eines Fischs an der Theke vom Steuerzahler bezahlt.

Würde man die Fischerei dem freien Markt überlassen, würde er sich von selbst reduzieren, sagt Michael Melnychuk, Fischereiexperte an der Universität von Washington. Aber wenn die Regierungen beispielsweise den Preis von Treibstoff für Fischerboote reduzieren, sinken die Kosten. Folge: Die Fischer fangen weiter mithilfe des Staates und bringen so die Fischbestände zum Zusammenbruch.

Kleinfischer sind die Verlierer

Die Fischerei dem Markt zu überlassen, würde den Druck auf die Meere lindern. Doch an der Meeresfischerei hängen weltweit vierzig Millionen Jobs. Darum tun sich Regierungen schwer, Subventionen zu streichen. Diese haben nicht nur katastrophale Auswirkungen auf die Fischbestände, sie fördern auch sinnlose Investitionen in die Fangflotten. «Die weltweite Fangflotte ist heute doppelt so gross, wie sie für eine effiziente Fischerei nötig wäre», sagt Zeller. Zudem fliessen die meisten Subventionen in die industrielle Fischerei der reichen Industrienationen und nicht zu den Kleinfischern in Entwicklungsländern, deren Existenz und Lebensgrundlage vom Meer abhängt. Dabei beschäftigt die Kleinfischerei 24-mal so viele Menschen wie die industrielle Fischerei, sagt Studer von Fair-Fish International. «Die Subventionierung fördert also nicht Arbeitsplätze, sondern deren Vernichtung.»

Die Fische bräuchten unbedingt geschützte Gebiete, in denen Fischen verboten ist und sich die Tiere ungestört fortpflanzen können, sind sich die Experten einig. Gegenwärtig sind weltweit weniger als ein Promille der Hoheitsgebiete auf den Weltmeeren geschützt. «Die Grösse der Schutzgebiete sollte mindestens 20 Prozent der Meeresfläche betragen», sagt Hall-Spencer. Die Einrichtung solcher Schutzgebiete ist jedoch ein endlos langer politischer Prozess. Daum fordern Wissenschafter einen Fangstopp. Einige Jahre kein Fisch würden genügen, sagt Dirk Zeller, um die Bestände zu stabilisieren.

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