Nach 30 Jahren ist die Schuppenflechte weg. Aus der Narkose aufgewacht – einfach weg. Stimmungstiefs? Vergangenheit. Nach 15 Jahren brauche ich keine Antidepressiva mehr. Lebensfreude? Na ja, wenn ich schon mal auf der Welt war, lebte und funktionierte ich bisher halt. Und nun? Es ist schon erstaunlich, wie viel Frohsinn und Selbstbewusstsein eine neue, gesunde Leber jemandem spenden kann, der dachte, alles Negative im Leben schon gesehen zu haben und Glücksgefühle hätten nichts mit Realität zu tun.

2006 wurde bei mir die Leberkrankheit primär-biliäre Zirrhose diagnostiziert, von der bis heute kein mir begegneter Mediziner weiss, woher sie kommt. In diesem frühen Stadium erkannt und medikamentös behandelt, sollte ich daran nicht sterben. Doch nach acht Jahren waren die Symptome so stark, dass ich mich Ende 2014 auf die Liste für eine Spenderleber setzen liess. Ich hielt den ständigen, nesselfieberähnlichen Juckreiz, die bleierne Müdigkeit und die schwache Magen-Darm-Funktion kaum mehr aus. Dazu häuften sich die depressiven Schübe, die ich seit 30 Jahren immer wieder bekam.

Die positive Einstellung zum Organ

Am Montag, 21. März 2016, war mir das natürlich noch nicht bewusst, als gegen 14.30 Uhr das Telefon klingelte. «Inselspital, Transplantationsstelle, wir haben ein Organ für Sie. Können Sie um 17 oder 17.30 Uhr in Bern sein?» Zu diesem Zeitpunkt stand ich seit 507 Tagen auf einer Organempfängerliste. Mein Herz sauste mir im Affentempo in die Hose. Alle geplanten nächsten Schritte vergessend, rief ich meine Mutter an und nötigte sie, die eigentlich nicht mehr auf der Autobahn fährt, genau dies zu tun und mich ins Inselspital zu fahren. Um 16 Uhr kamen wir in Bern an, wo mir die Dame der Transplantationsstelle mitteilte, dass «der Spender» – die allgemein gebräuchliche Bezeichnung – noch nicht eingetroffen sei.

Im Krankenzimmer überfiel mich plötzlich Traurigkeit. Der arme Mensch. Was mochte ihm geschehen sein? Ich hoffte inständig, dass er nicht lange leiden musste und in Frieden sterben konnte. Um 23 Uhr holte man mich und schob mich in den Vorbereitungsbereich des Operationssaals.

Karin Schmid (44) war bis Ende Oktober 2016 17 Jahre lang als Regionalredaktorin beim Oltner Tagblatt und dazwischen rund 2 Jahre als Korrespondentin bei der Nordwestschweiz tätig.

Karin Schmid

Karin Schmid (44) war bis Ende Oktober 2016 17 Jahre lang als Regionalredaktorin beim Oltner Tagblatt und dazwischen rund 2 Jahre als Korrespondentin bei der Nordwestschweiz tätig.

Die ersten beiden Tage nach der Transplantation wachte ich ein-, zweimal auf der Intensivstation kurz auf. Nach Angaben der beiden Transplantationsärzte verlief meine Operation optimal. «Auch Sie haben wunderbar mitgemacht», sagten sie. Ich? Tatsächlich ist eine positive Einstellung zum neuen Organ Gold wert für den Eingriff und die künftige Gesundheit der Empfängerin.

Meine Genesung verlief gut. Nach anderthalb Tagen wurde ich auf die normale Krankenstation verlegt. In den folgenden Tagen wurde ich fleissig überwacht, getestet und auf den Alltag nach der Transplantation vorbereitet. So lernte ich, meine zu Beginn 26 täglichen Tabletten nach Dosierungskarte zusammenzustellen. Immunsuppressiva werde ich mein Leben lang nehmen müssen, da ein funktionierendes Immunsystem meine neue Leber abstossen würde. Das Organ wächst zwar mit der Zeit mit den anderen Teilen des Körpers zusammen, doch wird die DNA der neuen Leber nie dieselbe sein wie die des restlichen Körpers.

Der Neuanfang

Nach sieben Tagen auf der Normalstation teilte man mir mit, dass ich zwei Tage später schon nach Hause entlassen werden soll. Da ich mich bis dahin nicht weiter als fünf Meter vom Bett zum WC und zurück bewegt hatte, verbrachte ich die nächsten 48 Stunden mit leichtem physiotherapeutischem Training. Ich hatte furchtbare Angst. Zehn Tage nach einer fünfstündigen Organtransplantation wollte man mich schon wieder in die grosse Welt hinausschieben. Ich sollte mich wieder selbstständig zu Fuss und per öV zwischen meinem Wohnort in der Region Olten und den Kontrollterminen im Inselspital Bern hin und her bewegen.

Am 1. April wurde ich entlassen. In mütterlicher Obhut kam ich schnell zur Ruhe. Tag für Tag kam mein Körper mehr in Schwung. In den folgenden Monaten baute ich wieder Muskeln auf mit täglichem Hantel- und Crosstraining, Spaziergängen und wöchentlicher Physiotherapie.

Einige Wochen nach dem Eingriff erklärte mir das Ärzteduo, das mich operiert hatte, dass meine Transplantation zwischen 60 000 und 80 000 Franken kosten werde. Inzwischen habe ich die Abrechnung dafür bekommen. Das Inselspital Bern hat meiner Krankenkasse für OP und Spitalaufenthalt Fr. 60 810.95 in Rechnung gestellt. Die Nachbehandlung und Medikamente werden mindestens noch einmal so teuer sein. Alleine eine 50-Tabletten-Packung meines Immunsuppressivums kostet in der höchsten Dosierung 820 Franken. Eine 60-Stück-Packung des Antivirusmittels, das ich die ersten sechs Monate täglich nehmen musste, kostet 1800 Franken.

Von meinem Spender oder meiner Spenderin habe ich den Herpesvirus CMV geerbt, eine Art von Virus, den die meisten Menschen in sich tragen, der aber mit normal funktionierendem Immunsystem nicht ausbricht, weil dieses alleine damit fertig wird. Bei einer immunsupprimierten Person wie mir kann er aber jederzeit ausbrechen. Das ist glücklicherweise erst einmal passiert. Wenn mein Körper die neue Leber auch weiterhin so problemlos annimmt wie bisher, werde ich für den Rest meines Lebens nur noch einen Immunsystemdimmer und ein Blutverdünnungsmittel nehmen müssen. Das sind zwei oder drei Tabletten täglich. So weit bin ich heute.

Es stimmt mich traurig, niemals etwas über meinen Spender erfahren zu dürfen. In der Schweiz ist das gesetzlich so geregelt. Aber ich konnte den Angehörigen einen Brief schreiben. Dabei verarbeitete ich den Abschied von meiner alten Leber und gedachte des/der Verstorbenen. Leider werde ich nie erfahren, ob die Angehörigen den Brief lesen wollten. Das entscheidet die Transplantationsstelle in Absprache mit den Angehörigen.

Seit September nehme ich – psychisch und physisch so stark wie seit 30 Jahren nicht – mein neues, ein richtiges Leben auf. Auch in beruflicher Hinsicht: Nach 19 Jahren im redaktionellen und journalistischen Dienst innerhalb des «Nordwestschweiz»-Pools absolviere ich gerade zwei Weiterbildungskurse und arbeite teilzeitlich und temporär im Medienbereich.

Mit 44 Jahren und 10 Monaten bin ich startklar für eine neue berufliche Herausforderung im 2017. Denn wenn nicht genau jetzt, wann dann? Ich schaue zuversichtlich und sehr gespannt auf die folgenden Jahre und fühle mich willkommen im Rest meines Lebens. Zum ersten Mal im Leben habe ich das Gefühl, dass ich alles schaffen kann, wenn ich es wirklich will. Bisher hätte ich jeden schlagen können, der das sagt, aber: Das Leben ist schön.