Umwelt

Neuer Vorschlag, um Mailverkehr zu reduzieren: Emails sollen kostenpflichtig werden

Mit einer digitalen Briefmarke für E-Mails könnte man Spams leicht aussieben.

Mit einer digitalen Briefmarke für E-Mails könnte man Spams leicht aussieben.

Fertig Gratispost im Internet: Jede Mail sollte einen Rappen kosten. Das wäre gut für unser Zeitbudget – und fürs Klima.

Im Jahr 1971 verschickte der amerikanische Informatiker Ray Tomlinson die erste E-Mail. Die Testnachricht zirkulierte via Arpanet, den Vorgänger des heutigen Internets. Mittlerweile ist daraus ein massenmediales Phänomen geworden. 281 Milliarden E-Mails wurden allein im vergangenen Jahr versandt – pro Tag. Und das, obwohl knapp die Hälfte der Weltbevölkerung noch immer keinen Internetzugang hat. Alle Versuche, die E-Mail-Flut einzudämmen, verfehlen ihre Wirkung. Das E-Mail-Aufkommen soll bis 2022 auf 347 Milliarden Nachrichten pro Tag steigen.

Für die meisten Menschen sind Mails vor allem ein grosser Stressfaktor. Nachrichten harren der Antwort oder bleiben liegen, schon nach ein paar Tagen Abwesenheit quillt das Postfach über. Spam, die Kinderkrankheit des World Wide Web, ist trotz ausgefeilter Filtertechniken noch immer nicht ausgerottet. Und dann gibt es da noch die nicht mehr enden wollenden Kommunikationsketten nach dem Muster «Re: AW: Re: AW: Re: AW», wo Dutzende Adressaten in CC gesetzt werden. E-Mails gelten als veritabler Produktivitätskiller. Laut einer Studie kostet die Ablenkung durch E-Mails und soziale Medien die US-Volkswirtschaft jährlich fast eine Billion Dollar.

Der Verhaltensökonom Dan Egan hat in der BBC eine ebenso smarte wie simple Lösung vorgeschlagen, um der E-Mail-Flut Herr zu werden: Man verlangt einfach eine Gebühr. Egan hat ein digitales Porto bereits auf seiner Website eingeführt. Wer ihn per Mail kontaktieren will, muss 20 Dollar an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden. Der Sender überlegt sich zweimal, ob das Anliegen so wichtig ist, dass er für die Kontaktaufnahme bezahlt. Die Bezahlschranke wirkte wie ein natürlicher Filter: Er habe danach deutlich weniger, dafür qualifizierte Anfragen erhalten, bilanziert der Ökonom.

Vorbild für das Modell ist der Wagniskapitalgeber Marc Andreessen, der einmal sagte, er würde für 100 Dollar jede E-Mail beantworten. Das klang herablassend, aber Andreessen sieht das als günstige Eintrittskarte bei einem einflussreichen Strippenzieher im Silicon Valley.

Emailverkehr schadet dem Klima

Beim analogen Versand von Briefen und Paketen ist es völlig normal, dass die Post Gebühren für den Transport der Sendung erhebt. Im Internet ist der Versand digitaler Post jedoch gratis. Das hat den Vorteil, dass man mit jedem auf der Welt kostenlos kommunizieren kann. Es hat aber auch den Nachteil, dass Kommunikation inflationär wird. Es kostet ja nichts, Spam-Mails zu verschicken. Der Verbraucher zahlt aber durch Werbung und persönliche Daten einen hohen Preis. Ökonomen sprechen von den hohen Kosten von kostenlosen Diensten.

Der Internetkritiker Evgeny Morozov hat Google einmal mit einem digitalen Postamt verglichen: Statt einen Brief mit Briefmarken zu frankieren, überträgt man das Geschäft des Post- und Fernmeldewesens einem Werberiesen, der computerisiert Briefe öffnet, ihnen personalisierte Reklame beilegt und dafür kostenlos verschickt. Diese Verletzung des Postgeheimnisses akzeptieren die Nutzer. Doch reagieren sie dort am empfindlichsten, wo es an ihr Portemonnaie geht. Wenn man einen Preis für elektronische Briefe verlangen würde, würden Verbraucher womöglich auch zurückhaltender mit ihren Daten umgehen.

Die Idee eines digitalen Portos ist nicht neu. Schon vor zehn Jahren entwickelten Yahoo-Forscher das Konzept einer «Cent-Mail», bei der elektronische Briefe mit einer 1-Cent-Marke frankiert würden. Durch ein digitales Wasserzeichen würden Mails zertifiziert und Spam ausgesiebt. Die Idee setzte sich nie durch. Man könnte die Überlegungen jedoch zu einem Gedankenexperiment verdichten: Angenommen, jede Mail würde einen Rappen kosten. Dann kämen beim derzeitigen Volumen jährlich drei Milliarden Franken zusammen. Geld, das man in einen Fonds für wohltätige Zwecke stecken könnte.

Doch anzunehmen ist, dass dadurch das Mailaufkommen verringert werden könnte. Das wäre auch ökonomisch durchaus von Nutzen, schliesslich wäre im Büroalltag wieder mehr Zeit zur Produktivität vorhanden. Es hätte aber auch einen ökologischen Vorteil: Eine französische Umweltagentur hat berechnet, dass ein mittelständischer Betrieb mit 100 Angestellten allein durch E-Mails pro Jahr 13,6 Tonnen CO2 produziert – das entspricht ungefähr 13 Flügen von Paris nach New York und zurück. Der Grund: Rechenzentren verbrauchen jede Menge Energie, die sich auch aus schmutziger Kohlekraft speist. Mit einem digitalen Porto liesse sich eine Ökologie der Aufmerksamkeit erreichen.

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