Homo naledi

Neue Menschenart bringt Forschung vor Einordnungsprobleme

Wie viele Millionen Jahre schauen dich an? Leider weiss man (noch) nicht, wie alt dieser teil-rekonstruierte Schädel des Homo naledi aus Südafrika eigentlich ist.THEMBA HADEBE/Keystone

Wie viele Millionen Jahre schauen dich an? Leider weiss man (noch) nicht, wie alt dieser teil-rekonstruierte Schädel des Homo naledi aus Südafrika eigentlich ist.THEMBA HADEBE/Keystone

Wann ist der Mensch ein Mensch? Vor dieser Fragen stehen nun die Forscher nach der Entdeckung der neuen Menschenart Homo naledi.

Woher kommen wir? Das ist immer noch eine spannende Frage. Spannend ist die Frage auch deshalb, weil sie eng verknüpft ist mit der Urfrage der Philosophie: Was ist der Mensch? Denn wenn wir wissen wollen, wo unsere Abstammungslinie beginnt, stehen wir unter strenger Definitionspflicht. Denn um zu wissen, wo es mit dem Menschen beginnt, muss man auch sagen, was menschlich ist und was (noch) nicht.

Konkret stellt sich die Frage so, dass wir Fossilien, alte Knochen, die man gefunden hat, in eine rekonstruierte Stammbaumlinie einordnen muss. Die Frage nach dem «gemeinsamen Vorfahren» von Mensch und Affe hilft uns nur bedingt weiter. Denn auch dort gibt es keine Ausweichmöglichkeit: Was ist typisch menschlich, was nicht? Welche Antworten uns die Knochen geben, hängt direkt davon ab.

Wie abhängig von den Zeitläufen die ganze Sache ist, wird deutlich, wenn man schaut, wie man den aus Fossilien rekonstruierten Menschen dargestellt hat. Ja nach dem, wie breit man die Kluft zwischen Mensch und – sagen wir mal – «Tier» sehen will, kommt dann der Urmensch als gebückte zottig-muskulöse Kreatur daher oder als adrettes verschmitzt-zwinkerndes Äffchen. Dasselbe hat man bei den Neandertalern erlebt. Hier geht es um die Frage: Keule oder nicht? Wie wenn Menschen keine Keulen schwingen würden ...

Die «Krone der Schöpfung» ...

Das ergibt einen guten Hinweis, wie die Probleme liegen. Es sind vor allem zwei. Wir müssen von einer «Entwicklung» ausgehen. Die Anführungszeichen deuten an, dass der Begriff problematisch ist. Wir gehen davon aus, dass die Evolution sich «in Richtung» Homo sapiens «bewegt». Das Problematischste dabei ist die Vorstellung vom modernen Menschen als «Krone der Schöpfung». Das ist nicht nur deshalb problematisch, weil es religiös inspiriert ist und der Mensch als «Ebenbild Gottes» gedacht wird, – da hat eben der Zottelmensch nicht so recht Platz, – sondern auch weil die Vorfahren ja alle (oder vermutlich alle – was ist mit dem Yeti?) ausgestorben sind und so unter dem Zeichen «untauglich» unberechtigterweise abqualifiziert werden.

Kürzlich wurde bekannt, dass die Gehörknöchelchen gewisser «Vormenschen» es nahelegen, dass diese Exemplare höhere Frequenzen hören konnten als wir. Und da wurde Erstaunen laut: Was, die waren ja besser? Ähnlich reagiert man, wenn man dem Neandertaler bescheinigt, ein grösseres Gehirn gehabt zu haben als sein überlebender Vetter.

... – was machte sie eigentlich?

Und das andere Problem besteht darin, dass wir von fossilierten Skelettteilen auf Verhalten zurückschliessen müssen. Wir wollen ja schliesslich immer von «Intelligenz» reden – und die zeigt sich halt im Verhalten, nicht unbedingt im Verlauf der Schädeldecke. Anknüpfungspunkte sind dann vor allem das Hinterhauptsloch (wo die Wirbelsäule in den Schädel hineinragt), weils Aufschluss gibt, ob der Gang aufrecht war oder nicht.

Unterstützend dabei ist ein Blick auf die Fortbewegungsextremitäten, also Becken und (Hinter-) Beine. Wichtig sind auch die Zähne, weil sich an ihnen ablesen lässt, wovon sich das Exemplar ernährt hat. «Leider» besitzen bereits die Australopithecinen (oder Anthropinen) ein «recht menschliches Gebiss», sie besitzen keine ausgeprägten Eckzähne mehr.

Der Schädel formt das Gehirn

Der Paläoanthropologe André Leroi-Gourhan (1911–1986) kritisierte in seinem Werk «Hand und Wort» (La geste et la parole 1964/65) die «zerebralistische Sicht» der Evolution. Man setzt etwas voreilig «Intelligenz = Gehirnvolumen» und schliesst dann, aufsteigend müsse das Hirnvolumen zunehmen. Seine alternative Sichtweise berücksichtigt ebenfalls die gängigen «Menschheits»-Kriterien: (1) aufrechter Gang, (2) flaches Gesicht und (3) Greifhand; gehen aber davon aus, dass die körperliche Entwicklung derjenigen des Kontrollorgans voranging.

Der aufrechte Gang gab dem Menschen ein vorderes Relationsfeld, das er vor allem mit der Hand kontrollierte; das Gebiss, besonders der Unterkiefer, konnte reduziert werden, weil zur Verteidigung und zum Zupacken nicht mehr nötig; und das führte dazu, dass der Schädel mechanisch entlastet wurde. Das erlaubte ein Anheben der Schädeldecke und eine höhere Stirn. Das Wachstum des Gehirns wäre so einer Entwicklung von Greif- und Beissorganen gefolgt, und nicht umgekehrt.

Leroi-Gourhan sieht denn auch die «Menschwerdung» in direkter Abhängigkeit vom aufrechten Gang. Das erste Säugetier dauerhaft auf zwei Beinen war ein Mensch, ihm «sprangen die Werkzeuge förmlich in die Hand» und er musste von Beginn an so etwas wie Sprache gehabt haben. Das würde die meisten Australopithecinen zu «Menschen» machen.

«Ein sehr merkwürdiges Wesen»

Man mag das als allzu spitzfindig abtun. Sollte man aber nicht. Es gibt dafür einen handfesten und wieder einen etwas entlegeneren Grund. Zuerst der handfeste. Die kürzliche Entdeckung von Fossilien einer neuen Menschenart in Südafrika, die man «Homo naledi» genannt hat, wirft ein geradezu überhelles Licht auf die Fragwürdigkeit unserer Einteilung. Weil die besondere Lage in einer Höhle ohne Leitfossilien die Altersbestimmung fast unmöglich macht, tut sich die Paläoanthropologie furchtbar schwer, Homo naledi in den Stammbaum einzufügen.

Die Hand zu modern für die altertümliche Schulterpartie, das Becken wie bei einem Australopithecus, dafür der Fuss modern. Und vor allem der Schädel: Guckt er dich an, ist er ein Mensch, aberein Gehirn mit dem Volumen von nur 560 Kubikzentimeter und Bestattungsriten – wie passt das zusammen? «Alles in allem eine sehr merkwürdige Kreatur», wird Lee Berger, der Paläoanthropologe, der immer daran glaubte, dass in Südafrika noch Urmenschen liegen, in «National Geographic» zitiert.

Mensch und Werkzeug

Was ähnlich gute Spuren hinterlässt wie fossilierte Knochen, sind Werkzeuge aus Stein. Allerdings hat sich gezeigt, dass der «Mensch» schon sehr, sehr früh Werkzeuge gebraucht hat. Griffige Steine finden sich zum Beispiel schon bei den Fundorten von Homo habilis. Werkzeuggebrauch wäre allerdings ein Verhalten, das man kaum anders als mit «menschlich» bezeichnen kann. Wobei es natürlich auch Tiere gibt, die Steine fallen lassen und mit Stöcken herumspielen. Das wirklich «menschliche Werkzeugkriterium» müsste man darum so formulieren: Werkzeuge sind zweckmässig bearbeitete Materialien, die aufbewahrt und zwecks späterer Verwendung auch mitgeführt werden. Einfach einen Stein auflesen, zweimal drauf klopfen, das Straussenei öffnen und den Stein wieder wegwerfen, das wäre kein Werkzeuggebrauch. Zu einem richtigen Werkzeug wird es erst, wenn der Mensch es mit sich trägt wie ein Schweizer Militärsackmesser. Und deshalb beginnt der Mensch mit dem Hosensack.

Der entlegenere Grund, die Menschwerdung aus etwas anderer Perspektive zu betrachten, wäre der: Wir gehen davon aus, dass die Linie der Evolution von irgendeinem Australopithecus zum Homo sapiens führt. Man kann es auch so sehen: Der Homo sapiens ist ein Betriebsunfall, das einzige Wesen, das – weil zur Kultur verdammt – die biologische Evolution verlässt und einen Sonderpfad einschlägt. Gewissermassen einen, der der Evolution nicht im Traum einfallen würde.

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