Brustkrebs

Neue Brüste aus eigenem Gewebe statt Silikon: «Sie sind weich und warm»

Bei der Sofortrekonstruktion wird die Tumorentfernung und der Brustaufbau in einer Operation gemacht.Lea Roth/Plainpicture

Bei der Sofortrekonstruktion wird die Tumorentfernung und der Brustaufbau in einer Operation gemacht.Lea Roth/Plainpicture

Immer mehr Frauen, denen man aufgrund von Krebs die Brust abnehmen muss, entscheiden sich für Brüste aus Eigengewebe. Chirurg Jian Farhadi, eine Koryphäe auf diesem Gebiet, erklärt, wie man neue Brüste formt, was die Vorteile von Eigengewebe gegenüber Silikon sind und warum dies nicht mit der kosmetischen Chirurgie zu vergleichen ist.

Herr Farhadi, wie oft muss man bei Frauen mit Brustkrebs die Brust entfernen?

Jian Farhadi: In 30 Prozent der Fälle ist eine Mastektomie notwendig, so nennt man die komplette Entfernung der Brust.

Und wie viel Frauen entscheiden sich danach für einen Brustaufbau?

Etwa 70 Prozent. Ein Drittel der Frauen wünscht keinen Aufbau.

Warum nicht?

Es kann sein, dass die Patientin viele Nebenerkrankungen hat wie Diabetes oder Herzkrankheiten, dann steht der Brustaufbau nicht im Vordergrund. Es gibt auch Frauen, die keine zusätzlichen Narben am Körper wollen.

Jian Farhadi gehört zu den international führenden Ärzten im Bereich der Brustrekonstruktion mit Eigengewebe. Er ist in London am Guy’s and St. Thomas Hospital tätig und in der Klinik Pyramide am See in Zürich. An der Uni Basel hat er eine Professur für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Er arbeitet mit dem Brustzentrum Zürich zusammen. Farhadi macht als plastischer Chirurg die Rekonstruktion, ihn braucht es, wenn eine Frau nach der Entfernung eine neue Brust möchte.

Zur Person

Jian Farhadi gehört zu den international führenden Ärzten im Bereich der Brustrekonstruktion mit Eigengewebe. Er ist in London am Guy’s and St. Thomas Hospital tätig und in der Klinik Pyramide am See in Zürich. An der Uni Basel hat er eine Professur für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Er arbeitet mit dem Brustzentrum Zürich zusammen. Farhadi macht als plastischer Chirurg die Rekonstruktion, ihn braucht es, wenn eine Frau nach der Entfernung eine neue Brust möchte.

Trotzdem macht man heute häufiger Rekonstruktionen. Warum?

Die Technik ist viel ausgereifter und die Zusammenarbeit mit der Onkologie intensiver. Man kann mehr Patientinnen, die eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung brauchen, einen sofortigen Aufbau anbieten.

Man kann die Brust bereits vor der Chemotherapie rekonstruieren?

Chemotherapie und Bestrahlung sind – im Gegensatz zu früher – unmittelbar nach einer Brustrekonstruktion möglich. Die Therapie hat keinen Einfluss, solange es keine Komplikationen gibt. Wenn beim Brustaufbau etwa Wundheilstörungen auftreten, kann das zu einer Verzögerung führen, sodass man nicht sofort mit der Chemotherapie anfangen kann.

Die Tendenz geht in Richtung Tumorentfernung und Brustaufbau in einer Operation anstatt wir früher beides nacheinander. Welche Vorteile sehen Sie?

Ja, die primäre Brustrekonstruktion wird immer beliebter. Das Resultat ist ästhetisch und kosmetisch gesehen schöner. Man kann bei der Mastektomie den Hautmantel und die Brustwarze beibehalten. Zudem hat die Frau weniger Narben. Wenn man einen sekundären Aufbau, also zu einem späteren Zeitpunkt, macht, muss man nicht nur eine Volumengabe machen, sondern auch einen Hautersatz.

Kann man eine Brustwarze nicht aufbewahren?

Man hat es versucht, aber man kann es nicht.

Welche Frauen wollen sofort eine neue Brust, welche nicht?

Natürlich sind es tendenziell eher jüngere Frauen, die sofort einen Aufbau wollen. Generell haben Frauen, die sofort eine neue Brust wünschen, höhere Ansprüche, was die Ästhetik betrifft. Ihre Erwartungshaltung ist höher als bei Frauen, die es später machen. Bei der Sekundärrekonstruktion haben die Frauen längere Zeit ohne Brust gelebt.

Es gibt die Rekonstruktion mit Eigengewebe und die mit Implantat. Ersteres wird beliebter. Warum?

Das stimmt. Bei meinen Patientinnen ist das Verhältnis 80:20 zugunsten der Rekonstruktion mit Eigengewebe. Es ist eine gute Entwicklung, das Eigengewebe ist permanent und die Brust sieht viel natürlicher aus. Zudem ist die Brust weich und warm. Implantate sind kalt und härter. Die Frauen müssen wieder kommen, um das Implantat zu wechseln. Deshalb ist Eigengewebe die bessere Lösung.

Von wo nimmt man Gewebe?

Am häufigsten vom Bauch, das ist die einfachste Methode. Ist eine Frau zu schlank, kann man Gewebe vom Oberschenkel oder vom Gesäss verwenden. Aber diese Techniken sind komplexer.

Bei all den Vorteilen, warum entscheiden sich Frauen dann immer noch für Silikon?

Weil sie keine zusätzliche Narbe wollen. Und weil es nicht so viele Chirurgen gibt, die die Technik der Rekonstruktion mit Eigengewebe beherrschen.

Lehnen Sie auch Wünsche ab?

Ja, wenn Frauen unrealistische Vorstellungen haben und die Gefahr von schlechten ästhetischen Resultaten besteht oder wenn es ein Risiko für Komplikationen gibt.

Wie läuft die OP ab?

Man nimmt ein Stück Haut mit Fett vom Unterbauch, also vom Bauchnabel abwärts. Es ist das «Bäuchchen», das man in die Hand nehmen kann. Das ist sehr ähnlich wie bei einer Bauchdeckenstraffung. Wir unterbrechen die Blutung und transferieren das Gewebe zur Brustwand und schliessen es an neue Blutgefässe an, damit es wieder durchblutet ist. Dann ziehen wir die Bauchdecke runter und nähen es zusammen. Das gibt eine Narbe.

Wie gross? Wie bei einem Kaiserschnitt?

Nein, schon grösser. (Anm. d. Red. die Narbe führt fast von der einen Hüftseite zur anderen).

Könnte man nicht eine Fettabsaugung machen und Eigenfett in die Brust spritzen?

Das hat man in den letzten Jahren immer wieder versucht. Aber für das Volumen, das wir brauchen, funktioniert das nicht. Bei kleinen Korrekturen kann man Eigenfett nehmen.

Und die Brustwarze?

Sie kommt erst etwa drei Monate später. Man macht einen Schnitt, stülpt ein wenig Haut heraus und vernäht sie. Die Farbe wird mit einer medizinischen Tätowierung oder mit ein wenig Haut aus der Leiste gemacht.

Sind Bauch-Brüste teurer als Silikon?

Man muss unterscheiden: Wenn man die einzelne Operation nimmt, ist es teurer. Aber bei einem Implantat bedarf es bereits zweier Operationen, um die Rekonstruktion vorzunehmen. Und danach kommen all die Korrektureingriffe hinzu.

Das klingt sehr aufwendig.

Ja, es ist eine aufwendige und komplexe Chirurgie. Bei dieser Art von Plastischer Chirurgie schläft man nicht gut. Es ist nicht zu vergleichen mit kosmetischer Chirurgie.

Verstehen Sie es eher, wenn eine Frau sich aufgrund einer Krebserkrankung die fehlende Brust rekonstruieren lässt, als wenn sie mit Grösse oder Form unzufrieden ist?

Ich verstehe beide Haltungen. Aber es ist eine andere Art von Chirurgie. Die Patientinnen sind anders eingestellt und man hat eine ganz andere Beziehung zu ihnen. Als Arzt begleitet man Patientinnen mit einer Brustkrebserkrankung viel länger. Eine Brustkrebserkrankung kann nach wie vor auch tödlich enden. Das bleibt eine Realität.

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