Lokführer Christer Sandstrøm betätigt den Bremshebel. Rentiere auf den Gleisen? Ein Elch im lichten Kiefernwald? Die Fahrgäste im rot-weissen Triebwagen der «Inlandsbanan» schieben die Fenster herunter und zücken die Kameras. Fehlalarm. Nur grüne Tannen. Hier und da ein paar schmächtige Birken. Lila Heidekraut, gelbe Butterblumen, Moose und Flechten. Der Waggon rollt einige hundert Meter rückwärts. Stoppt schliesslich irgendwo im Nirgendwo. Hoch oben in Schwedisch-Lappland. Drei Fahrstunden vom Polarkreis entfernt.

Zugbegleiterin Sofia Wrangel öffnet die vordere Einstiegstür. Vollbepackt mit Plastiksäcken und Taschen keucht Malin Johansson die Stufen hinauf. Wer im dünn besiedelten Nordschweden in die «Inlandsbanan» zusteigen möchte, der dreht an einem Haltepunkt eine gelbe Scheibe mit rotem Rand, sodass sie in Richtung des herannahenden Zuges zeigt. Dann weiss der Lokführer, dass er halten muss. Doch die alte Dame war spät dran. Christer Sandstrøm erspähte sie gerade noch zwischen den Bäumen am linken Schienenrand – und fuhr ein paar Meter zurück. «Kein Problem auf der eingleisigen Strecke», meint der 63-Jährige. «Die Schienen werden nur von uns befahren, oder hin und wieder transportiert ein Güterzug eine Ladung Holz.»

Start beim Dalapferd

Holz, aus dem auch die Dalapferde (Dalahäst) bestehen. Seit der Weltausstellung 1939 in New York sind sie Schwedens Nationalsymbol. In Mittelschweden – im Dörfchen Nusnäs, zehn Kilometer südöstlich von Mora – produziert die Firma Nils Olsson die meist rot lackierten Holzpferde. «Jedes ist ein Unikat», sagt Lars Olsson, Sohn des Firmengründers. «Wir stellen die Pferdchen aus Kiefernholz in sieben Arbeitsschritten her. Den kantigen Rohling, den wir mit einer Bandsäge vorsägen, bringen wir immer noch mit einem Schnitzmesser in Form.» Auch die Verzierungen wie der grün-weisse Sattel und das Zaumzeug malen die Mitarbeiter von Hand auf.

Ein vier Meter hohes rotes Tier glänzt in der Sonne am Ufer des Siljansees. In der Nähe des Bahnhofs Mora Strand. Von hier startet von Juni bis August täglich ein Schienenbus zu einer zweitägigen Reise Richtung Mitternachtssonne. Backpacker, Wanderer, Eisenbahnenthusiasten aus halb Europa, eine australische Reisegruppe und viele Südschweden, die den Norden ihres Landes noch nie bereist haben, bugsieren ihre Rucksäcke und Koffer in den Waggon und verteilen sich auf die 60 Sitzplätze. Die Landschaft wirkt wie ein Gemälde. Wie hingetupft scheinen die rotbraunen Holzhäuschen inmitten saftig grüner Wiesen und Getreidefelder.

«Gleich folgt eine kurze Fotopause am Wasserfall Storstuped», schallt Sofias Stimme aus dem Lautsprecher. Anspruchsvolle Höhenmeter hat der Triebwagen nicht zu bewältigen. Der höchste Punkt ist bei 524 Metern erreicht und mit einem Schild im Heidekraut markiert. Ein Foto links. Ein Foto rechts.

Kanelbullar mitten im Wald

Eine lange Zugfahrt macht hungrig. Doch es gibt keinen Speisewagen bei der «Inlandsbanan». Die Passagiere können aus einer schwedisch-englischen Menükarte Fisch-, Fleisch- und vegetarische Gerichte wählen. Sofia notiert die Essenswünsche und leitet sie an Restaurants entlang der Trasse weiter. Direkt vor der Haustür legt der Lokführer dann einen längeren Stopp ein. Am verschlafenen Bahnhof Fågelsjö hält er für eine kurze Fika (Kaffeepause) mitten im Wald. Auf einem Tisch sind Rentier- und Lachsburger aufgebaut. In einem Korb duften frisch gebackene Kanelbullar – Schwedens berühmte Zimtschnecken. Weiter geht’s! Mit meist 60 bis 80 Kilometern pro Stunde. Durch viele Kurven. Vorbei an endlos erscheinenden Seen, auf denen die Sonnenstrahlen goldene Sterne tanzen lassen. Das Lichtspiel am Himmel variiert zwischen wolkenlosem Tiefblau bis zum bedrohlichen Regenschwarz im Gegenlicht.

Ein neuer Morgen nach einer kurzen Nacht. Alte und neue Gesichter am Bahnhof Östersund. Rund 14 Stunden benötigt die «Inlandsbanan» für die knapp 750 Kilometer bis Gällivare. Je weiter es gegen Norden geht, desto spärlicher werden die Wälder. Rosa Lupinen wippen im Wind. Riesige weiss gewaschene Findlinge schimmern zwischen Heidelbeeren, weisser Rentierflechte, grünen Moosen und Farnen. Sie sind Überbleibsel der letzten Eiszeit.

Mittagsrast am Volgsjön-See in Vilhelmina Norra: Schnelle Stärkung mit heiss geräuchertem Pfefferlachs. Noch eine Stunde, dann ist Lappland erreicht. «Es umfasst ein Viertel der Landesfläche und zählt nur 1,3 Prozent der schwedischen Bevölkerung», erzählt Sofia. Ein kräftiger Regenguss im Sonnenschein hinterlässt einen Doppelregenbogen am Horizont, der den Zug eine ganze Weile begleitet. Immer wieder gibt Christer Sandstrøm Warnsignale ab, um Rentiere und Elche von den Gleisen zu verscheuchen. Ansonsten: Einsamkeit!

Über 250 Brücken

Vor dem Inlandsbanan-Museum in Sorsele treffen sich für ein paar Minuten der nord- und der südgehende Zug. Zeit genug für ein Fotoshooting. «Nur einen 50 Meter langen Tunnel durchfährt die Bahn», sagt Sofia. «Dafür überqueren wir über 250 Brücken. Zwei davon sind kombinierte Strassen-Schienen-Brücken. Die Piteälvsbron befindet sich kurz hinter Moskosel.»
Christer stoppt den Zug und lässt die Schranken herunter, sodass kein Auto passieren kann. Dann dürfen alle Fahrgäste aussteigen, über die Brücke laufen und sich die beste Fotoposition suchen. Langsam tuckert die Bahn über das Stahlungetüm.

«Nächster Halt: Polarkreis», ruft Sofia. Ein paar weisse Steine markieren den 66. Grad nördlicher Breite, hinter dem im Sommer die Nacht zum Tag wird. Vor der Endstation im Bergbaustädtchen Gällivare muss der Zug einer Erzbahn auf dem Weg ins norwegische Narvik Vorfahrt gewähren. Das dauert, denn die stärkste Elektrolok der Welt, die IORE, hat 68 Waggons, gefüllt mit Eisenerzpellets, im Schlepptau. Kurz nach 21 Uhr kommt die «Inlandsbanan» schliesslich vor dem schmucken hölzernen Bahnhofsgebäude zum Stehen.

Auch an diesem Sommerabend geht die Sonne hinter Gällivares Hausberg, dem 823 Meter hohen Dundret, nicht unter. Um Mitternacht ist es noch genauso hell wie am nächsten Morgen, als es heisst: Abschied nehmen vom hohen Norden. Über 1000 Kilometer rattert die «Inlandsbanan» zurück durch menschenleere Waldweiten, einsame Seen- und Moorlandschaften. Zwei Tage, die noch einmal wie im Flug vergehen, obwohl es doch eine Zugfahrt ist.