Sexting

Nackt-Selfies als Zeichen eines schamlosen Zeitalters

Unter Jugendlichen ist Sexting eine «coole» Sache – hat aber oft peinliche Folgen.

Unter Jugendlichen ist Sexting eine «coole» Sache – hat aber oft peinliche Folgen.

Das Verschicken von Nacktfotos liegt unter Jugendlichen im Trend. In den USA hat schon jeder vierte Teenager freizügige Fotos verschickt. Manchmal wird man damit ungewollt berühmt.

In seinen «Historien», verfasst im 5. Jahrhundert vor Christus, erzählt der griechische Historiker Herodot die Geschichte des lydischen Königs Kandaules, der mit der Schönheit seiner Frau prahlt und seinem Leibwächter Gyges vorschlägt, sie doch einmal heimlich nackt anzuschauen, damit er ihm auch wirklich glaube. Gyges wehrt dieses Ansinnen entsetzt ab, denn er weiss, dass eine Frau mit dem Gewand, das sie ablegt, auch ihr Schamgefühl auszieht. Doch Kandaules führt ihn an einen Ort, von wo aus Gyges heimlich zusehen kann, wie die Königin sich entkleidet. Die allerdings bemerkt, was ihr Gatte ihr angetan hat, und beschliesst, sich an ihm zu rächen. Sie lässt Gyges zu sich kommen und stellt ihn vor die Wahl: Entweder er tötet Kandaules, heiratet sie und wird König von Lydien. Oder er muss auf der Stelle sterben, «damit du nicht als gehorsamer Freund des Kandaules auch weiterhin siehst, was du nicht sehen darfst». Alle Widerrede ist zwecklos, und so tötet Gyges seinen Herrn und tritt an dessen Stelle.

Narzissmus oder Coolness?

Heute hingegen, so scheint es, ist alle Scham verflogen. Das zeigt nicht zuletzt das jüngste Phänomen, das vor allem unter Jugendlichen Konjunktur hat: das Sexting (eine Kunstschöpfung aus den englischen Wörtern «sex» und «texting»), also das Verschicken erotischer Selbstaufnahmen oder (seltener) pornografischer Textmitteilungen via Handy oder Computer. Nach Umfragen hat etwa in den USA jeder vierte Jugendliche schon einmal freizügige Fotos von sich an andere – meist den Partner, einen Flirt oder einen Freund – gesendet. Das Spektrum reicht dabei vom entblössten Oberkörper über die Geschlechtsteile bis hin zu Masturbationsszenen. Sexting, das finden viele Jugendliche nicht peinlich, sondern einfach nur «cool».

Ist das nun ein «schrankenloser Narzissmus», wie ihn manche Beobachter zu erkennen meinen? Leben wir wirklich in einem «Zeitalter der Schamlosigkeit», das eine «Kultur der Respektlosigkeit, der Ehrfurchtslosigkeit, des Verwerfens und Entwertens von Idealen» pflegt? Doch so einfach ist die Sache nicht, wie ein jetzt erschienenes kluges Buch von Ulrich Greiner zeigt.

Im Falle des Sexting mag mancher das Ganze als mehr oder weniger befremdliche Modeerscheinung der Jugendkultur abtun. Und in der Tat kann es einem auch herzlich egal sein, ob ein Mädchen seinen Freund via Handy mit nackten Brüsten beglückt. Zum Problem wird es, wenn diese Bilder nicht beim Adressaten bleiben, sondern weitergegeben oder im Netz gepostet werden. Dann wird das Private plötzlich öffentlich, und mit der coolen «Schamlosigkeit» ist es ganz schnell vorbei. Denn nun wird der Blick der anderen als physische Verletzung empfunden, als «Augengrobheit», wie Gottfried Keller das im «Grünen Heinrich» nennt. Und die Betroffenen – zumeist Mädchen – haben angesichts der «sozialen Demontage» das Gefühl, vor Scham nicht nur im Boden versinken, sondern sterben zu müssen. Schon Karl Philipp Moritz, der feinste Psychologe unter den Autoren der Goethezeit, schrieb in seinem Roman «Anton Reiser»: «Die Scham ist ein so heftiger Affekt wie irgendeiner, und es ist zu verwundern, dass die Folgen desselben nicht zuweilen tödlich sind.» Aus den USA wird berichtet, dass sich Minderjährige wegen ihrer Sextings, die die Runde machten, das Leben genommen haben.

Die Sache mit der Scham ist also eine recht komplizierte Angelegenheit, und gerade weil Ulrich Greiner in seinem Buch auf kernige Thesen oder Geschichten vom Moralverfall verzichtet, ist sein Buch so erhellend. Es geht ihm um «die Gestalt von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen, wie sie uns im Alltag sowie in literarischen und wissenschaftlichen Texten begegnet». Insbesondere die Literatur ist für ihn eine Art «Schamlabor, wo emotionale Extremlagen getestet werden». Und so zeigt er anhand zahlreicher Beispiele, die von Herodot bis zu Charlotte Roches schamlosen «Feuchtgebieten» reichen, wie sehr sich die Gemengelage aus Scham, Schuld und Peinlichkeit im Laufe der Geschichte verändert, ohne dass sich daraus aber eine irgendwie lineare Entwicklung, sei es zum Besseren oder zum Schlechteren, ableiten liesse. Vielmehr wird deutlich, dass sich «Entblössungswunsch» und Verbergung, Schamangst und Schamlust, Peinlichkeitsfurcht und «Fremdschämen» in einer engen Wechselbeziehung zueinander und in steter Veränderung befinden. Das Schamgefühl ist ein «Merkmal menschlicher Zivilisation, doch seine Empfindlichkeit und die Anlässe seiner Erregung bleiben abhängig vom jeweiligen historischen und sozialen Umfeld.

Wen trifft die Scham?

Vor allem aber hat Scham mit Reflexivität zu tun, mit der Fähigkeit, sich als moralisches Subjekt wahrzunehmen. «Ich sehe mich selbst.» Im Zusammenhang mit dem Sexting-Phänomen wäre diese Reflexivität den meisten Beteiligten zu wünschen. Weniger den armen Opfern, die allzu bereitwillig und naiv Nacktfotos von sich an andere schicken, sondern denen, die diese Bilder weiterverbreiten und ins Netz stellen. Sie sollten sich schämen. Und zwar in Grund und Boden.

Ulrich Greiner Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur. Rowohlt, Reinbek 2014. 349 S., Fr. 32.90.

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