Interview

Nach Flugzeugabsturz: Der AZ erklärt Eduardo Strauch, warum er seine Freunde ass

Eduardo Strauch überlebte 1972 einen Flugzeugabsturz in den Anden – auch weil er das Fleisch seiner toten Freunde ass. Das nennt der 71-Jährige heute ein «Geschenk».

Eduardo Strauch begrüsst den Journalisten mit klarem Blick und kräftigem Händedruck. Er ist einer von 16 Personen, die 1972 einen Flugzeugabsturz in den Anden nur deshalb überlebten, weil sie sich von ihren toten Freunden ernährten. Obwohl er in all den Jahren schon tausend Mal über das Unglück gesprochen hat, trägt er seine Geschichte mit einer Intensität vor, als würde er zum ersten Mal darüber sprechen. Immer wieder drückt dabei sein südamerikanischer Charme durch und lässt vergessen, dass er bereits 71 Jahre alt ist.

Herr Strauch, wann feiern Sie Geburtstag? Am 13. August, als Sie 1947 zur Welt kamen. Am 13. Oktober, als Sie 1972 den Flugzeugabsturz in den Anden überlebten. Oder am 22. Dezember, als Sie und 15 weitere Überlebende 1972 endlich gerettet wurden?

Eduardo Strauch: Am 22. Dezember, und zwar nicht nur ich, sondern alle Überlebenden des Unglücks feiern dann jeweils zusammen ihren Geburtstag.

Sie sind heute Morgen nach einem 16-stündigen Flug von Montevideo über Madrid in Zürich gelandet. Leiden Sie nach dem Flugabsturz nicht an Flugangst?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich habe das Fliegen immer geliebt. Nach unserer Rettung habe ich mich gezwungen, möglichst schnell wieder in einen Flieger zu steigen – quasi als Therapie. Der erste Flug nach der Katastrophe war schlimm, ich hatte regelrechte Panik und krallte mich in der Armlehne fest. Danach ging es aber von Flug zu Flug besser. Eine Ausnahme gab es aber sieben Jahre nach dem Unglück . . .

 . . . erzählen Sie.

Meine Frau und ich waren frisch verheiratet. Wir reisten in den Flitterwochen auf die Inseln von Französisch-Polynesien. Als wir auf einer Insel in das Flugzeug steigen wollten, stellte ich fest, dass es sich bei der Maschine um den genau gleichen Typ wie beim Unglück handelte – eine Fairchild-Hiller. Alles roch genau gleich. Das war sehr schlimm, ich geriet regelrecht in Panik. Hätte ich während des Flugs nicht vorne im Cockpit sitzen dürfen, wäre ich wohl nicht in den Flieger eingestiegen.

Das Unglück in den Kordilleren liegt nun schon 46 Jahre zurück. Erinnern Sie sich noch an den Moment des Absturzes?

Ja, ganz genau. Es gab zwar heftige Turbulenzen, trotzdem war die Stimmung unter den 45 Passagieren fröhlich und aufgekratzt. Denn wir freuten uns alle auf Santiago. Wir flogen durch dichte Wolken. Plötzlich tat sich ein kleines Loch in der Wolke auf und ich sah, dass wir unheimlich nah am Berg flogen. Da wusste ich: Das kommt nicht gut. Sekunden später schlugen wir mit dem ersten Flügel auf, kurz darauf wurde das Heck abgerissen und Passagiere wurden aus dem Flieger gerissen. Ich dachte, mein letztes Stündchen habe geschlagen und geriet in Panik. Doch plötzlich, nachdem der Rumpf rund 1000 Meter auf einem Schneehang heruntergerutscht war, standen wir still. Ich realisierte: Ich hatte überlebt.

Dies war der Beginn eines mehr als zweimonatigen Martyriums in den Bergen. Wie schafften Sie es, in dieser eisigen Hölle zu überleben?

Es war erstaunlich, wie schnell wir uns anpassten, und zwar körperlich – wir waren nur leicht bekleidet, und das bei Temperaturen um die minus 40 Grad – wie auch mental. Ich litt zwar mehr als die anderen an Höhenkrankheit. Doch abgesehen von kleineren Blessuren ging es mir körperlich ganz okay. Von Anfang an waren wir absolut darauf fokussiert, zu überleben. Natürlich war die Trauer über den Verlust von Freunden und Familienangehörigen vorhanden. Doch wir wussten, dass wir fokussiert bleiben mussten, wenn wir dort oben überleben wollten.

Viele von Ihnen waren Rugby-Spieler. Ein Vorteil, weil sie gut trainiert waren und Rugby als ein besonders ausgeprägter Teamsport gilt?

Absolut, das war bestimmt ein grosser Vorteil. Doch nicht nur das: Die meisten von uns hatten eine gute Ausbildung genossen. Das half uns, innovativ zu sein und intellektuell nach Lösungen zu suchen und diese zu finden.

Eine Lösung bestand darin, das Fleisch Ihrer verstorbenen Freunde zu essen. Wie schwer fiel Ihnen das?

Mental gar nicht. Ich wusste sofort, dass dies die einzige Möglichkeit ist, dort oben zu überleben. Denn wir waren umgeben von Schnee und Eis; Proviant hatten wir nur wenig. Doch mein Körper rebellierte am Anfang dagegen, Menschenfleisch zu essen. Mental half es bestimmt, dass wir alle einen Pakt schlossen, in welchem wir uns bereit erklärten, dass wir selber gegessen werden dürfen, sollten wir sterben. Obwohl wir uns auf diese Weise ernährten, nahm ich in diesen gut zwei Monaten rund 25 Kilogramm ab und wog am Ende nur noch 50 Kilogramm.

Welche Rolle nahmen Sie innerhalb der Gruppe ein?

Am Anfang war unser Mannschaftsführer Marcelo der natürliche Leader. Doch nach seinem Tod nach dem Lawinenniedergang übernahmen ich und meine beiden Cousins eine Art Führungsrolle respektive versuchten, die Gruppe zusammenzuhalten. Hinzu kam, dass wir für die Verteilung des Essens verantwortlich waren. Wer das Essen unter sich hatte, hatte auch die Macht (lacht).

Liest man das Buch von Paul Read, so ist immer wieder von Spannungen und kleineren Streitigkeiten die Rede. Diese schienen sich aber immer wieder rasch zu legen?

Ja. Für ernsthafte Auseinandersetzungen war der Zusammenhalt zu stark, und wahrscheinlich fehlte uns allen die Kraft für grosse Streitigkeiten. Natürlich gab es immer mal wieder einen kleinen Disput. Doch wir wussten alle, dass wir nur gemeinsam da rausfinden und keine Energie verschwenden dürfen.

Welche Rolle spielte der Glaube?

Ich wurde zwar sehr katholisch erzogen und war bis in Alter von 15 Jahren sehr spirituell und religiös. Danach entfernte ich mich aber vom Glauben.

Hat sich das wieder geändert, als Sie in dieser ausweglosen Lage waren? Haben Sie zu Gott gebetet?

Nein, auch in den Bergen habe ich nicht an Wunder geglaubt oder auf Hilfe von oben gehofft. Natürlich haben wir alle gemeinsam und oft den Rosenkranz gebetet, weil das für uns ein wichtiges Ritual war und uns Halt gab. Doch ich wusste: Wenn wir da rauskommen, dann schaffen wir das nur, indem wir uns selber helfen – und natürlich Glück haben.

Das hatten Sie. Nachdem zwei Ihrer Kameraden nach einem unglaublichen Fussmarsch Hilfe holen konnten, wurden Sie am 22. Dezember von Hubschraubern gerettet. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste richtige Mahlzeit nach der Rettung?

Natürlich! Als ich aus dem Hubschrauber stieg, hab ich als erstes Gras gegessen. Das war der beste Salat in meinem ganzen Leben (lacht). Danach haben wir allerlei Köstlichkeiten, vor allem Schokolade, in uns reingestopft. Während Tagen haben wir fast nichts anderes getan, als zu essen.

Ihre Mägen hielten das aus?

Nein, natürlich nicht. Nach jeder üppigen Mahlzeit verbrachten wir sehr viel Zeit auf der Toilette (lacht).

Nach Ihrer Rückkehr haben Sie Ihre Arbeit als Architekt wieder aufgenommen. Kann man nach einem solchen Erlebnis einfach wieder in die Normalität zurückkehren?

Ich hatte keine andere Wahl. Ich hatte das Architekturbüro zusammen mit meinem verstorbenen Freund Marcelo aufgebaut. Es gab viel Arbeit zu erledigen.

Gar keine Leere?

Doch. Plötzlich wieder ein normales Leben zu führen, fiel mir nicht einfach. Auch wenn die 72 Tage in der eisigen Höhe eine absolute Grenzerfahrung waren: So intensiv und klar wie damals hatte ich noch nie gelebt. Der Alltag und die Arbeit halfen mir aber, Stück für Stück in die Normalität zurückzufinden.

Sie haben also kein Trauma vom Unglück davongetragen; gar keine Albträume?

Nein, gar nichts. Ich träume nie vom Unglück. Auch körperlich trug ich keinen Schaden davon, oder sagen wir fast keine. Als ich nach 72 Tagen zum ersten Mal meine Hosen auszog, stellte man fest, dass ich eine doch ernsthafte Verletzung am Oberschenkel davongetragen hatte. Man musste mir daraufhin einen Muskel entfernen.

Sie nahmen also nie psychologische Hilfe zur Bewältigung des Unglücks in Anspruch?

Nein. Meine Therapie ist reden, reden und nochmals reden. In kann nicht genug oft über das Unglück sprechen. In diesem Sinn sind Sie jetzt gerade mein Therapeut (lacht). Und natürlich half auch der Zusammenhalt der 16 Überlebenden.

Wie reagierten die Angehörigen der Verstorbenen, deren Leichen Sie in den Bergen gegessen hatten? Gab es Anschuldigungen?

Mehrheitlich wurden wir sehr positiv und herzlich aufgenommen. Von einigen Eltern, die ihre Söhne verloren hatten, wurde ich wie ihr eigener Sohn empfangen. Ein Vater, der seinen Sohn verloren hatte, schrieb sogar in einer grossen Zeitung einen Dankesbrief, worin er sich für die Fürsorge bedankte, die seinem Sohn bis zu dessen Tod zuteil gekommen war. Einzig die Mutter meines guten Freundes Marcelo wies mich zurück. Das hat mich natürlich geschmerzt, und doch hatte ich auch Verständnis dafür.

Erkennt man Sie heute, wenn Sie auf den Strassen Montevideos unterwegs sind?

Früher war das weniger der Fall. Aber weil ich immer öfters öffentlich aufgetreten bin, erkennt man mich heute schon. Und ja: Mein Name und mein Bekanntheitsgrad haben damals sicher geholfen, im Beruf wieder schneller Fuss zu fassen.

Sind Sie je wieder an den Unglücksort zurückgekehrt?

Ja, insgesamt fünfzehn Mal. Zum ersten Mal 1992 zusammen mit allen anderen Überlebenden. Das letzte Mal vor einem Jahr.

Wieso ist es für Sie so wichtig, immer wieder an diesen Ort zurückzukehren?

Erstens ist es einfach eine schöne Reise. Zuerst fünf Stunden auf dem Pferd – ich liebe reiten –, dann nochmals fünf Stunden den Berg hinauf. Für mich war es von Anfang an wichtig, immer wieder an diesen Ort zurückzukehren. Vor 46 Jahren konnten wir nicht richtig um unsere Freunde trauern und Abschied nehmen von ihnen. Erstens mussten wir fokussiert bleiben, zweitens konnten wir uns keinen Flüssigkeitsverlust durch Weinen erlauben. Wenn ich dort oben bin, fühle ich mich nahe bei den Toten. Für mich ist es ein spiritueller Ort, wo ich auch meditieren kann.

Ihre Familie hat Sie auch schon an den Unglücksort begleitet?

Ja, einige Male. Auch sie wollen verstehen und begreifen, was ich damals durchlebt habe und was damals passiert ist. Die Unglücksstelle ist natürlich auch für andere Berggänger interessant. Vor 13 Jahren fand übrigens ein mexikanischer Alpinist nahe der Stelle, wo das Flugzeug aufschlug, meine blaue Jacke mit meinen Dokumenten und meiner Sonnenbrille. 33 Jahre lagen diese im Schnee vergraben. Das war natürlich sehr emotional für mich. Noch heute verbindet mich eine Freundschaft mit diesem Alpinisten.

Apropos verbinden. Was verbindet Sie heute mit den anderen Überlebenden? Freundschaft?

Nein, so würde ich das nicht nennen, das wäre zu oberflächlich. Unsere Beziehung würde ich eher als Bruderschaft bezeichnen. Wenn man so etwas zusammen durchgestanden hat, dann verbindet das für das restliche Leben.

Wie gefällt Ihnen eigentlich der Film «Alive», der 1993 erschien und vom Unglück und der anschliessenden Rettung handelt?

Uns allen gefällt der Film nicht sonderlich gut. Die Szenen sind zwar dramaturgisch sehr gut nachgestellt, doch die Charaktere – gespielt von US-Schauspielern – gefallen uns nicht. Den Super-Hero, wie er im Film gezeigt wird, gab es nicht. Ich bin deshalb froh, erscheint bald ein neuer, eher dokumentarischer Film.

Sie sprechen auf der ganzen Welt immer wieder über das Unglück und was Sie dank diesem gelernt hätten. Was denn?

Wie bereits erwähnt: Dass der Mensch zu viel mehr in der Lage ist – mental wie physisch –, als er selber zu glauben denkt. Es ist unglaublich, zu welcher Leistung das menschliche Hirn und der Körper in einer solchen Situation fähig sind. Auch hat mich das Erlebte sehr viel gelassener gemacht und man merkt, wie viel einfacher viele Dinge im Leben sind, als man vorher glaubte. Und auch wenn es abgedroschen klingen mag: Am wichtigsten ist die Liebe. Ohne die Liebe und den unbedingten Wunsch, unsere Familienangehörigen und Freunde wiederzusehen, wären wir dort oben gestorben. Das hat uns allen die Kraft gegeben, zu überleben.

Wenn Sie von diesem fast 50 Jahre zurückliegenden Erlebnis sprechen, leuchten Ihre Augen. Fast könnte man meinen, Sie seien dafür dankbar ?

Natürlich waren die 72 Tage dort oben auf der einen Seite schrecklich und voller Verzweiflung. Auf der anderen Seite habe ich nie mehr so intensiv gelebt wie damals. Man hat einfach alles so klar und deutlich gesehen. Trotz aller Tragik und Schmerz betrachte ich das Unglück heute als Geschenk.

Sie sind jetzt 71 Jahre alt. Fürchten Sie sich vor dem Tod?

Nein, überhaupt nicht. Wenn schon habe ich Angst, nicht mehr alles realisieren zu können, was ich noch will. Auch ich wurde vor 46 Jahren von der Lawine verschüttet. Ich weiss noch genau, was für einen inneren Frieden ich damals verspürte; ich hatte mit dem Leben abgeschlossen. Doch leider – so empfand ich in diesem Moment damals – wurde ich wieder ausgegraben, wofür ich heute natürlich dankbar bin.

Werden Sie Ihre letzte Ruhe auf dem Berg finden?

Ja, meine Asche soll zur Unglücksstelle gebracht werden – das ist mein innigster Wunsch.

Das Interview wurde auf Englisch geführt und auf Deutsch übersetzt.

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