Ausnahmesituation

Nach der Geburt so schnell wie möglich heim: Wie sich werdende Eltern in Coronazeiten auf ihren grossen Tag vorbereiten

Karin Marchetti und ihr Partner Jonathan Bruegger erwarten ihr zweites Kind.

Karin Marchetti und ihr Partner Jonathan Bruegger erwarten ihr zweites Kind.

Das Coronavirus legt das Land lahm, doch das Leben geht weiter, auch in den Kreisssälen. Wie gehen werdende Eltern mit der Situation um?

Es ist gerade alles ganz anders, als es früher einmal war, viele Leben stehen Kopf. Für Melanie Wüst gilt das bald im doppelten Sinn, ein paar Tage noch, dann wird sie Mutter, zum ersten Mal, wobei: vielleicht ist es ja schon früher so weit, in dieser Stunde oder der nächsten. Kinder haben ihren eigenen Kopf, und daran ändert alles nichts, nicht einmal Corona. Auch wenn jetzt ständig vom Tod die Rede ist, von Kurven, die steigen und hoffentlich bald abflachen, von Beatmungsgeräten und Intensivstationen: Es geht weiter. Neue Leben entstehen. Geschichten nehmen ihren Anfang.

40 Wochen trägt Melanie Wüst ihre Tochter bald im Bauch, hat sie wachsen gesehen, ihre Tritte gespürt. Jetzt, sagt die 30-jährige, sei es an der Zeit, dass die Kleine endlich zu ihr und ihrem Partner kommt:»Ich freue mich sehr auf sie.»

Nach der Geburt so schnell wie möglich heim

Vor ein paar Wochen war das Paar in einem Geburtsvorbereitungskurs, sie sollten dort ein Drehbuch schreiben von der Geburt. Als Termin haben sie den kommenden Samstag gewählt, geboren am 4.4.20, das bleibt, und nicht: Geboren in Zeiten von Corona. Es ist zwar alles gerade ein wenig schwierig. Aber Melanie Wüst hat sich vorgenommen, dass das in den Hintergrund rücken soll, wenn sie ihre Tochter zur Welt bringt: «Ich muss mich auf mich und das Baby konzentrieren. Alles andere spielt keine Rolle».

Zuletzt kamen in der Schweiz jedes Jahr zwischen 80'000 und 90'000 Babys zur Welt, heuer dürften es ähnlich viele werden. Doch natürlich macht das Coronavirus auch vor den Kreisssälen keinen Halt. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es zwar keine Hinweise, dass Covid-19 für schwangere Frauen besonders gefährlich ist. Oder dass sie das Virus ihrem ungeborenen Kind weitergeben. Auch haben die Ärzte derzeit keine Anhaltspunkte, dass es den Kindern schadet. Und doch reisst das Coronavirus auch auf den Geburtsabteilungen alte Gewohnheiten ein. Stellt neue Hürden auf. Fordert schmerzhafte Entscheidungen ein.

Die Sorge um die erste Bindung

Die Schweizer Spitäler gehen nicht so weit wie manche in Deutschland. Dort dürfen Väter bei der Geburt teilweise nicht mehr dabei sein, aus Angst davor, dass sie das Coronavirus in sich tragen – und es im Spital verbreiten. Doch das Besuchsverbot, das viele Spitäler wegen der Corona-Krise erlassen haben, gilt hierzulande oft auch auf für frisch gebackene Väter. Nach der Geburt bleiben sie von ihrer jungen Familie getrennt, bis diese nach Hause kann.

Eine Geburt ist eine Grenzerfahrung, und wenn sie vorbei ist, wirkt sie noch lange nach. Als Melanie Wüst erfahren hat, dass sie die ersten Tage im Spital alleine sein wird, hat ihr das einen Stich versetzt. Sie hat an sich gedacht, vor allem aber an ihren Partner und ihre Tochter. «Es täte mir leid für, wenn die beiden nicht von Anfang an eine Bindung aufbauen können», sagt Wüst. Deshalb haben sie und ihr Partner sich zum Ziel gesetzt, das Spital nach der Geburt so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Vielleicht, wenn alles gut läuft, noch am selben Tag.

Hebammen müssen zum Videoanruf greifen

Beim Schweizerischen Hebammenverband hat man festgestellt, dass viele Paare in diesen Tagen rasch nach Hause gehen wollen. Auch die Nachfrage nach Hausgeburten sei massiv gestiegen, sagt Geschäftsführerin Andrea Weber-Kaeser. Die Hebammen sind für werdende Eltern der Fels in der Brandung. Das gilt für die Geburt, aber auch für die Zeit davor und danach. Das Corona-Virus hat ihre Arbeit komplizierter gemacht. Sie müssen jetzt eine Maske tragen, selbst im Kreisssaal. Und es geht noch weiter.

Die Geburtsvorbereitungskurse fallen derzeit aus. Das gilt auch für viele Hausbesuche, die den Hebammen so am Herzen liegen, weil sie vor Ort am besten sehen und fühlen, was junge Familie umtreibt. Was sie anders machen könnten, um Startprobleme ins Familienleben besser in den Griff zu bekommen. Jetzt finden diese Besuche nur noch statt, wenn es nicht anders geht. Sonst sollen die Hebammen per Videotelefonie beraten. Zu gross ist das Risiko, dass sie sich anstecken, das Virus gar von Familie zu Familie tragen. Andrea Weber-Kaeser weiss von Kolleginnen, die sich angesteckt haben. Und hat Angst, dass junge Eltern wegen der Corona-Krise in den»luftleeren Raum» fallen, weil sie nicht so betreut werden, wie sie es sollten.

Mehrere Geburten von Covid-19-Infizierten

Wie Melanie Wüst war auch Karin Marchetti traurig, als sie auf der Website des Zürcher Stadtspitals Triemli gelesen hat, dass Väter auf der Wöchnerinnenstation nicht mehr zugelassen sind. Nächste Woche erwarten die 40-Jährige und ihr Partner das zweite Kind, ein Mädchen vielleicht, vielleicht einen Knaben – sie lassen sich überraschen. Die beiden waren lange so gelassen, wie man das nur sein kann, wenn man schon einmal Eltern wurde. Doch in den letzten Wochen hat sich das Corona-Virus immer mehr in die Schwangerschaft gedrängt.

«Wir haben es ein wenig unterschätzt», sagt Marchetti. Jetzt hofft sie, dass ihr Spital nicht noch den Entschluss fasst, dass Väter auch bei der Geburt nicht mehr dabei sein dürfen. Alleine im Kreisssaal, ohne ihren Partner Jonathan, das wäre «eine Horrorvorstellung», sagt sie. Und er ergänzt, wie schlimm es für ihn wäre, wenn er nicht bei seiner Frau sein könnte, «sie beruhigen, ihr beistehen». Auf Anfrage heisst es aus verschiedenen grossen Spitälern, dass eine solche Massnahme nicht zur Debatte stehe. Manche schreiben «momentan» oder»noch» dazu.

Karin Marchetti hat sich in den letzten Wochen kaum mehr in den ÖV gesetzt, die zweijährige Tochter aus der Krippe genommen und ihre Kontakte auf ein Minimum heruntergefahren. Keine Eltern, keine Freunde. Nur noch Skype. Sie will verhindern, dass sie sich jetzt noch irgendwo ansteckt. In mehreren Schweizer Spitälern haben an Covid-19 erkrankte Frauen bereits Kinder auf die Welt gebracht. Um eine Ansteckung des Neugeborenen zu verhindern, empfiehlt die Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, dass diese beim Stillen eine Gesichtsmaske tragen – und sonst den üblichen Abstand von zwei Metern zu ihren Babys einhalten. Das, sagt Marchetti, wolle sie sich gar nicht vorstellen.

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Autor

Dominic Wirth

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