Burnout

Mutter, Geliebte, Hausfrau: Warum immer mehr Frauen Burn-Out-gefährdet sind

Frau von heute bringt Job, Familie und Ehe locker unter einen Hut. Dieses Ideal wird uns jedenfalls vorgegaukelt. Die Realität sieht anders aus: Immer mehr Hausfrauen und berufstätige Mütter melden sich bei Burnout-Kliniken.

«Wir müssen gute Hausfrauen sein, Haushalt in Schuss, immer was Sauberes anzuziehen, was Feines zu essen auf dem Tisch, noch schön was dekoriert. Wir sollen gute Mütter sein, mit viel Liebe, Geduld und Zärtlichkeit, wir sollten unsere Kinder musisch, sportlich und schulisch fördern und unterstützen. Wir sollten für alles ein offenes Ohr haben, uns um jedes Problem kümmern; ja, zu unserem machen. Wir sollten unseren Männern eine gute Geliebte sein, hübsch aussehen und eine tolle Figur haben und wenn es noch irgendwie geht noch nebenher Geld verdienen.»

So umschreibt es eine Mutter im Familienforum Liliput. Das Problem sei das Image, dem die (Haus-)Frau heute gerecht werden will. Alles perfekt für alle – dabei bleibt sie selbst nicht selten auf der Strecke. Die Rollenbilder in den Medien gaukeln Frauen vor, jederzeit und alles unter einen Hut bringen zu können. Die Anforderungen an Job und Familienleben haben sich gewandelt – und damit auch die (selbst überhöhten) Ansprüche an sich selber.

Weder Lohn noch Anerkennung

Diese Entwicklung wird in Schweizer Burnout-Kliniken sichtbar: Die Nachfrage von Frauen, die einen Platz beanspruchen, hat über die letzten Jahre zugenommen. «Burnout bei Hausfrauen und bei berufstätigen Müttern nimmt tendenziell zu», sagt Wulf Rössler, Vorsteher und Klinikdirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. In Zahlen wollen es die Institute zwar nicht beziffern. Jedoch gilt auch für Frauen mit Hausarbeit dasselbe Muster wie bei Managern: das sogenannte Effort-reward-Modell, also dass sich eine «Anstrengung» auch auszahlen muss. «Das heisst, wenn wir für unsere Arbeit gelobt werden, einen guten Lohn erhalten oder zumindest Arbeitsplatzsicherheit gewährleistet ist. Nichts davon trifft beispielsweise auf Hausfrauen zu: sie bekommen keinen Lohn, keine Anerkennung von Mann und Kindern, am Muttertag gibts eine Küchenmaschine oder die Kinder sind gehalten, einmal das Frühstück zuzubereiten, und auch keine Arbeitsplatzsicherheit bei einer Scheidungsrate von bald 50 Prozent in der Schweiz», sagt Rössler.

Weil diese Wertschätzung oftmals fehle, sei der Beruf der arbeitenden Hausfrau anstrengend – sowohl in emotionaler als auch interpersoneller Hinsicht. «Schliesslich sind die Mütter und Hausfrauen verantwortlich für die Schulleistungen der Kinder oder wenn sich die Kinder mal daneben benommen haben (dann muss sich die Mutter entschuldigen), und gar nicht zu reden von der sexuellen Befriedigung ihrer Männer mal so neben dem ganzen Haushalt. Also an Beispielen mangelt es sicher nicht», sagt Rössler.

Die Mutter und Hausfrau sei in dieser Hinsicht auch das emotionale Zentrum der Familie. Nur schön ist das offenbar nicht. Rössler sagt: «Die Depressionsrate bei Frauen ist zweimal so hoch wie bei den Männern.»

«Wenn Mama nicht mehr kann»

Die Naturärztin Elké Richter-Diehl aus Küssnacht am Rigi hat selbst ein Burn-out erlebt und die Erfahrungen in ihrem Buch «Wenn Mama nicht mehr kann» niedergeschrieben. Auch sie konnte dem «Stress-Strudel» nicht mehr entfliehen. «Bei mir war das Burnout vorprogrammiert. Ich lasse oder besser gesagt, ich liess die Fünf nie geradestehen.» Schon bevor das Baby morgens wach wurde, war der Haushalt gemacht und die Wäsche hing am Wäscheständer. Während des Stillens erledigte Richter-Diehl mit ihrem Handy die Termine und Korrespondenz ihrer Praxis. Ihr Baby konnte drei Jahre lang nicht richtig schlafen und die Berufs- und Hausfrau war einfach durch den Wind, da sie in dieser Zeit nie wirklich Erholung fand.

Obwohl ihr Mann sie oft schlafen (besser liegen) liess und die Kleine herumtrug, konnte sie nicht abschalten. Alles lief rund und alles war perfekt, auch wenn in den eigenen vier Wänden eigentlich gar nichts perfekt war. Eben nur gegen aussen hin. Ihre Beziehung litt auch unter ihrem Perfektionismus. Ihr Mann konnte ihr seine Hilfe zwar anbieten (und er machte damals sehr viel im Haushalt und besorgte auch die Einkäufe), aber so richtig recht machen konnte er es ihr nie. Wenn die Ärztin heute darüber nachdenke, staune sie, wie ihr Mann das aushalten konnte und nicht selber ins Burnout rutschte.

Überbordender Perfektionismus

Es sind eindrückliche Worte einer Betroffenen. Die steigende Zahl der an Burnout erkrankten Frauen umschreibt Richter-Diehl wie folgt: «Die heutigen Hausfrauen, Mütter, sind oft etwas älter als die Generationen vor uns. Zudem hatten sie meist schon vor der Geburt des ersten Kindes einen anspruchsvollen Job. Perfekt im Geschäftsleben bedeutet eine vermeintlich sichere Stelle, und zu Hause wird dies weitergeführt.»

Komme dann das erste Kind, werde der Job entweder ganz aufgegeben oder die Stundenanzahl gekürzt. Zuhause mit Kind und schlaflosen Nächten spule dann der Perfektionismus aber weiter. Zudem würden die wenigsten über ihre Überforderungen zu Hause sprechen. Wie würde sich denn das auch gegen aussen anhören, wenn man zugibt, dass einem als Mutter und Hausfrau alles zu viel werden kann.

Damals schob es die Mutter einer Tochter auf die Hormone, den Eisenmangel und die neue Lebensart mit Kind ab. Aber der Zustand war nicht von kurzer Dauer, sondern hielt über Jahre an und wurde immer schlimmer. Bis zum Schluss, wo dann gar nichts mehr ging. «Ich lag morgens im Bett, wollte partout nicht aufstehen, hatte keine Kraft, den Tag zu bewältigen, und weinte nur noch.»

Überfürsorglichkeit für andere

Ihre Beine waren unruhig und sie zappelte unaufhörlich, fand keine Ruhe und sagte dann auch alle Termine in der Praxis ab. Dies wiederholte sich ein paar Mal und eines Morgens war es dann so schlimm, dass rein gar nichts mehr ging. Eine Freundin merkte das und kam vorbei. «Sie packte mich ins Auto und fuhr mich zum Arzt, der dann nur noch die Diagnose Burnout feststellte», sagt Richter-Diehl. Sie hat das Tief mit professioneller Hilfe überwunden. Heute gibt sie regelmässig Kurse für erschöpfte Mütter und begleitet diese in ihrer Praxis.

Heutzutage ist gut nicht mehr gut genug. Das kann Stress auslösen und den Perfektionismus ankurbeln, der schon in einem steckt. «Einerseits spielt eine Vielfachbeschäftigung eine Rolle. Neben Haushalt und Kindern arbeiten viele Frauen noch Teilzeit oder engagieren sich in Vereinen. Andererseits spielt auch die Persönlichkeit eine Rolle, insbesondere eine perfektionistische Haltung oder eine Überfürsorglichkeit und Überverantwortlichkeit für andere», umschreibt es Toni Brühlmann, ärztlicher Leiter Ambulantes Zentrum Zürich der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

Grundsätzlich gehe es laut Brühlmann um die gleichen Massnahmen wie bei allen Burnout-Entwicklungen: mehr Selbstsorge (mehr für sich selbst schauen), bessere Balance im Alltag (neben Pflichten auch Aktivitäten pflegen, die Freude und Ablenkung bringen), mehr Erholung und Entspannung einbauen (mit Sport oder Yoga).

Wenn dies eine Person nicht weiterbringe, ist eine Fachberatung empfehlenswert. Dort könne man gezielter an den Stressverstärkern arbeiten. «Wichtig ist es, sein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen und sich bewusst zu machen, was wirklich wichtig ist, das heisst, worin man seinen Lebenssinn sehen will.»

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