Sie sitzen in ihrem Rollstuhl. Räumlich anwesend, aber geistig abwesend. Mit Augen, die zufällig am Fernsehbildschirm hängen bleiben, um rastlos weiter zu irren, ohne Halt. Viele Demenzkranke verlieren mit ihrem Erinnerungsvermögen auch den Bezug zur Gegenwart, die Orientierung in der Welt. «Die Erkrankung führt dazu, dass die Menschen meist sehr in sich gekehrt leben und nicht mehr so zugänglich sind», erklärt Krankenpfleger und Musiktherapeut Graziano Zampolin. Die Umgebung wird ihnen fremd, die Zeit fügt sich nicht mehr zum Ablauf, sondern zerfällt in die Summe der Stunden und Minuten. Selbst die eigenen Gedanken fühlen sich so schief an, als steckte man in den Kleidern eines Fremden.

Shortcut in die Vergangenheit

Und doch. Auch wenn Erinnerungen verloren scheinen, bleiben in den tiefen Sedimentschichten des Gedächtnisses Geschichten und Gefühle verborgen – und lebendig. Das wusste schon Marcel Proust, als er seinen Protagonisten in die berühmt gewordene Madeleine beissen liess – was den jungen Mann via geschmackstechnischem Shortcut in die Vergangenheit zurückbeamte. «Wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, (...) dann verharren als einzige der Geruch und der Geschmack, (...) um das unermessliche Gebäude der Erinnerung zu tragen», schrieb Proust erläuternd.

Der Autor irrte – zumindest teilweise. Denn nicht nur Gerüche und Geschmack vermögen Erinnerungen heraufzubeschwören, sondern mindestens so intensiv auch: Musik. Hören Demenzkranke nämlich Lieder oder Melodien, die sie von früher, aus der Jugend kennen, setzt eine Art Verwandlung ein. Bei manchen wirkt sie augenblicklich, wie bei Henry, der auf Youtube viral wurde. Er ist einer von mehreren portraitierten Demenzpatienten im US-Dokfilm «Alive Inside» (Regie: Michael Rossato-Bennett), die mit Musik «behandelt» werden. Eben noch kauert er, die Augen halb geschlossen, in seinem Rollstuhl, ein Häufchen Mensch. Bis die Pflegerin ihm Kopfhörer mit Songs aus seiner Jugend aufsetzt und ein regelrechtes Wunder geschieht: Die Augen des Mannes öffnen sich weit, Henry richtet sich auf, fragt schüchtern, ob er darf – und singt los. Aus dem Häufchen Mensch ist ein Häufchen Freude geworden. Selbst der Rollstuhl wippt im Takt.

«Es ist ein äusserst erstaunlicher Anblick, wenn die stummen, isolierten, verwirrten Menschen von der Musik aufgetaut werden, sie als vertraut erkennen (...) und zu singen anfangen», schrieb Arzt und Autor Oliver Sacks (1933–2015) im Sachbuch «Der Mann, der seine Frau mit seinem Hut verwechselte»: «Apathische Patienten werden wach und interessiert, erregte zusehends ruhiger.»

Krankenpfleger und Demenzcoach Graziano Zampolin erläutert, warum das möglich ist: «Bei Demenz wird der Erinnerungsspeicher gelöscht, beginnend mit den neusten Erinnerungen. Den Menschen fehlen die letzten Jahrzehnte. Wenn sie Musik aus der Vergangenheit hören, spüren sie wieder Boden unter den Füssen.» Darum «tingelt» Zampolin, wie er es selbst formuliert, mit einer Band aus bekannten Musikern durch die Alters- und Pflegeheime, sogar Gitarrist Jens Eckhoff von «Wir sind Helden» ist mit von der Partie.

Welche Glücksgefühle Zampolins Band «Klang und Leben» bescheren kann, erfuhr sie, als eine 104-jährige Dame nach dem Konzert das Bild ihres Mannes vom Nachttischchen verbannte –– und statt dessen das von Frontsänger Oliver Perau aufstellte.

Doch es ist nicht nur das Befinden der Patienten, das sich bessert, sobald sie vertraute Musik hören. Eine Studie mit Demenzkranken, die regelmässig zum aktiven Singen angeregt wurden, belegt, dass im Vergleich zur Kontrollgruppe sogar das Fortschreiten der Krankheit gebremst und dessen Verlauf hinausgezögert wurde. Das gute alte «Schtägeli uf, Schtägeli ab» wird so zum Stepper fürs Gehirn. Und «O mein Papa» zum «personal trainer» fürs Gedächtnis.

Sprachlos, aber nicht sanglos

Graziano Zampolin erlebt immer wieder Patienten, die nicht mehr sprechen können, aber ganze Lieder auswendig singen. Wie ist das möglich? Lieder werden nicht im Sprachzentrum als reiner Text abgespeichert, sondern als Gesamtes und erst noch in verschiedenen Hirnarealen. Darum können Menschen mit Aphasie, also bei einem Verlust des Sprechvermögens, sich trotzdem an Lieder erinnern – und sie auch singen.

Kein Wunder, dass immer mehr Pflegeheime auf das Heilmittel Musik und Singen setzen. Ganz genau erklären, wie Musik auf das Gehirn wirkt, könne man allerdings noch nicht – weder beim Musizieren noch beim Hören, erklärt Reinhardt Kopiez, Professor für Musikpsychologie in Hannover. Harmonie, Rhythmus, Melodie und Dynamik seien zu eng verwoben, um sie vollständig in «physikalischen Wirkungsparametern» zu beschreiben.

Nicht selten indes berichten Therapeuten von erstaunlichen Fällen wie jenem eines passionierten Hobbysängers und Alzheimerpatienten. Durch die Krankheit hatte er sowohl die Fähigkeit, zu lesen, wie auch die Orientierung in den eigenen vier Wänden verloren. Doch gemeinsam mit seiner Familie sang er mehrstimmige Chorlieder. Wie selbstverständlich verpasste er keinen Einsatz, kannte jedes Wort auswendig. So lange das Lied dauerte, kamen sein Körper, sein Geist und seine Gefühle in Einklang. Er war wieder er selbst.

Die unbewusste Blueskönigin

Eine andere Patientin mit fortgeschrittener Krankheit konnte bereits nichts für länger als eine Minute im Gedächtnis behalten. Auf eine Talentshow in ihrem Pflegeheim meldete sie sich dennoch an. Sie bereitete sich gewissenhaft vor; dabei vergass sie zwar jedesmal, dass sie geprobt hatte, und wurde dennoch immer besser. Schliesslich präsentierte sie an der Show einen Blues-Song, bei dem das ganze Heim zu swingen begann – nur eine Minute später erinnerte sie sich nicht mehr an den eigenen Auftritt.

Wie klingende Inseln von Freude, Lebendigkeit und Bewusstsein erscheinen die Begegnungen von Demenzpatienten mit Musik. So lange der Zustand dauert, gibt die Musik den Menschen etwas von der eigenen Identität zurück.

Und da regelmässiges aktives Singen Fitness für das Gehirn ist: Drucksen Sie über die Feiertage nicht herum! Ob «Stille Nacht» unter dem Weihnachtsbaum, ob «Kalkutta liegt am Ganges» unter der Dusche – singen Sie!