Leben

Moderne Wohnformen halten Einzug: Die Küche ist das neue Wohnzimmer

Leben und arbeiten in der Küche: Mit der Digitalisierung ist der Mensch in seiner Wohnung mobiler geworden.

Leben und arbeiten in der Küche: Mit der Digitalisierung ist der Mensch in seiner Wohnung mobiler geworden.

In Zeiten von aufkommender Mobilität braucht es das klassische Wohnzimmer nur noch bedingt. Was früher die Couch war, ist heute der Tisch: das Zentrum des Wohnens, um das herum sich alles bewegt.

Geisterzimmer nannten wir früher das Wohnzimmer der Grosseltern. Dort hielt sich nie jemand auf; die Möbel waren mit Tüchern abgedeckt, damit sie ja nicht verstauben. Nur wenige Male im Jahr wurde die Verhüllung entfernt und das piekfeine Wohnzimmer voller Stolz präsentiert.

Manchmal fühlt man sich bei den heutigen Wohnzimmern an diese Zeit erinnert. Einsam und verlassen stehen oft all die Sofas und Sessel, Tischchen und Regale im grössten Raum der Wohnung. Mit viel Euphorie hatte man ihn einst eingerichtet, möglichst mit neuen Möbeln aus einem Guss. Aber benutzt wird das Wohnzimmer kaum – ausser vielleicht von der Katze für den Mittagsschlaf oder vom Nachwuchs zum Gamen.

Hat das klassische Wohnzimmer ausgedient? Die niederländische Trendforscherin Li Edelkoort jedenfalls erklärt das Ende des einstigen Mittelpunkts der Wohnung. Und Joan Billing, Trendforscherin aus Baden, sagt: «Den Stellenwert als Repräsentationsraum hat es eindeutig verloren.» In der Tat hat sich in den letzten Jahren das urbane Wohnen einschneidend verändert. Früher war klar, welcher Raum welche Funktion hatte. Das Schlafzimmer zum Schlafen, die Küche zum Kochen – und das Wohnzimmer eben zum Wohnen. Heute scheinen diese Funktionen durcheinanderzugeraten: Sie lösen sich auf oder überlagern sich.

2 in 1: Der Designer Rolf Benz hat in sein Sofa­system Liv gleich noch ein Regal eingebaut.

2 in 1: Der Designer Rolf Benz hat in sein Sofa­system Liv gleich noch ein Regal eingebaut.

Die Küche löst das Wohnzimmer als Nabel des Wohnens ab

Die Küche hat inzwischen ihr Nischendasein verlassen, ist dem Wohnzimmer auf die Pelle gerückt und daran, es als Nabel des Wohnens abzulösen, seit man sich nicht mehr fürs gemeinsame Fernsehen wie um eine Feuerstelle schart. Wer also braucht heute noch Raum für Regale voller Bücher und CDs, wenn die Literatur auf den E-Reader heruntergeladen und die Lieblingssongs auf Spotify gestreamt werden? Wie viel bequemer ist es doch, am Esstisch auch gleich den Laptop aufzuklappen und mit der Familie oder Freunden zu diskutieren. «Das Wohnzimmer wird zum Multifunktionsraum, die angegliederte offene Küche ist heute meist Standard», sagt Joan Billing:

Susanne Schmid stellt derweil fest: «Das Wohnen wird eindeutig fle­xibler.» Die Innenarchitektin ist Partnerin bei Bürgi Schärer Architekten in Bern und veröffentlichte kürzlich mit weiteren Herausgebern das Buch «Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens» (Birkhäuser Verlag). Statt von einer genauen Raumzuteilung spreche man heute eher von Raumzonen oder Raumclustern, die immer öfter mit zusätzlichen Raumangeboten ergänzt werden.

Schmid führt dies neben dem Ausdifferenzieren der Lebens- und Haushaltformen auf den Umstand zurück, dass Frauen mehr in den Lohnerwerb eingebunden sind. Das bedinge eine andere Koordination zwischen Familie und Beruf, Privatleben und Haushaltsführung. «Sie möchten nicht mehr isoliert in ihrer Wohnung oder der Küche stehen, sondern wollen die Wohnküche oder gemeinschaftliche Angebote als sozialen Raum nutzen.»

Der Wandel hat laut der Studie «Microliving» des Gottlieb-Duttweiler-Instituts nicht zuletzt mit der Digitalisierung zu tun. Vermehrt werde nur das Basisangebot in den eigenen vier Wänden genutzt, der Rest ausgelagert. Co-Working-Space oder Co-Living mit gemeinsamen Küchen sind zwei Beispiele. Joan Billing stellt fest:

Die Möbeldesigner haben den Wandel aufgenommen

In Metropolen wie London, New York oder Tokio, wo das Wohnen kaum mehr bezahlbar ist, wird das Wohnzimmer immer häufiger ganz abgeschafft. Noch ist es hierzulande nicht so weit. «Der Wohnungsmarkt ist eine eher konservative und träge Angelegenheit, verändert sich nur langsam», sagt Susanne Schmid. Sie stellt aber fest, dass sich die Wohnflächen im städtischen Kontext verkleinern.

Der wichtigste Treiber hängt mit der städtebaulichen Dichte zusammen und ist ökonomisch bedingt. Wohnen ist teuer. Ein weiterer Faktor sind soziale Veränderungen, die unter anderem demografisch gesteuert sind und durch die unterschiedlichen Lebensformen beeinflusst werden.

Damit verändern sich die Anforderungen an die Ausstattung der Wohnungen. Die Möbeldesigner jedenfalls haben den Wandel aufgenommen. Multifunktionale Möbel werden immer ausgeklügelter und platzsparender. Sie funktionieren mittlerweile als Stauraum, Raumteiler, Regal oder Sitzbank. So hat Rolf Benz eben an der IMM in Köln das Sofasystem Liv vorgestellt, das in seinen Rückwänden gleich noch Regale eingebaut hat. Arper hat den Stuhl Cila Go kreiert, der nicht nur Stauraum im Fussbereich bietet, er ist dank einem schwenkbaren Tisch ein Büro in Miniformat. Und weil diese Möbel oft mit Rollen versehen sind, kann man ein Zimmer im Handumdrehen verändern.

Büro im Miniformat: der Stuhl Cila Go von Arper.

Büro im Miniformat: der Stuhl Cila Go von Arper.

«Heute muss man die Wohnfunktionen neu definieren», meint Susanne Schmid, auch wenn sie überzeugt ist, dass es weiterhin einen Ort für die Regeneration und Privatsphäre geben wird. Vielleicht liegt es einfach an der Bezeichnung «Wohnzimmer», die etwas Grosszügiges, Aufgeräumtes vermittelt. Vielleicht sollten wir einfach wieder von der Stube sprechen, wo alles gemütlicher und kleiner ist, man sich trifft, austauscht und lebt.

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