Nach drei Monaten ist Wendy Bloechle nur auf Rang 546 – und das ist ihr ziemlich peinlich. Insgesamt 250 Punkte fehlen ihr, um Level 5 zu erreichen. «Ja, ich muss mich ganz dringend steigern», sagt sie, und das Publikum lacht. Trotzdem merkt man der Marketing-Verantwortlichen an, dass sie das durchaus ernst meint; schliesslich geht es dabei um ihren Job. Denn was klingt wie ein triviales Videospiel, ist für Bloechle ein Teil ihres Büroalltags. Und es ist ein Vorgeschmack darauf, wie wir auch in der Schweiz bald arbeiten sollen.

Bloechle ist angestellt bei Jive, einem amerikanischen Software-Unternehmen, welches digitale Kollaborationsplattformen für Firmen auf der ganzen Welt entwickelt. Damit sollen deren Angestellten besser zusammenarbeiten und kommunizieren können. So will man das physische Büro im digitalen Raum ergänzen, irgendwann vielleicht sogar ersetzen. Die erwähnte Rangliste ist eine von unzähligen Funktionen, welche die Jive-Plattform ihren Kunden bietet und gleichzeitig auch selber firmenintern nutzt. Bei der Software handelt es sich um eine Kombination aus sozialem Netzwerk und flexiblem Gruppenchat – eine Mischung aus Facebook und Whatsapp für den Geschäftsalltag.

Damit soll nicht nur das statische Intranet, sondern zu einem gewissen Grad auch die althergebrachte E-Mail von neuen, besseren Technologien abgelöst werden. Solche «Kollaborations-Hubs» haben sich während der vergangenen Jahre immer stärker in den USA etabliert und kommen jetzt auch nach Europa. Es hat sich daraus ein hart umkämpfter Markt ergeben, in dem neben Jive auch etablierte Tech-Konzerne wie Microsoft und IBM mitmischen sowie Start-ups wie Slack oder die Schweizer Firma Beekeeper (siehe Box unten).

Produktivität dank Kompetivität

Im Mai veranstaltete Jive die JiveWorld-Konferenz in Las Vegas, um über die Möglichkeiten der Plattformen zu diskutieren, über innovative Kommunikationssysteme und die Zukunft der Arbeit. Die «Schweiz am Wochenende» war exklusiv dabei.

Wenn die neuen Funktionen, welche Bloechle in ihrem Vortrag thematisierte, eher an ein Videospiel als an einen traditionellen Job erinnern, dann ist das kein Zufall. «Gamification» soll nämlich im digitalen Büro der Zukunft eine zentrale Rolle einnehmen: Bei Jive werden schon jetzt alle Mitarbeiter ständig von einem Algorithmus bewertet und in einer Rangliste miteinander verglichen. Es ist ein konstanter Wettstreit, bei dem jedoch nicht die Produktivität oder der finanzielle Erfolg im Vordergrund steht, sondern die Aktivität auf dem sozialen Netzwerk der Firma. Dieses funktioniert ganz ähnlich wie Facebook; es können Beiträge veröffentlich, kommentiert und geteilt werden. Die Partizipation ist für alle Angestellten Pflicht: «Ein Computersystem analysiert dann vollautomatisch jeden Klick und jede Interaktion auf der Plattform und nutzt das als Grundlage für eine Rangliste, die allen Angestellten zugänglich ist», erklärt Bloechle.

Je aktiver ein Mitarbeiter auf der Plattform ist, je mehr Kommentare er schreibt und je mehr «Missionen» er erfüllt, desto höher steigt er in der Rangliste. Und desto relevanter ist er im Netzwerk der Firma. Rang 546 hat für Bloech le zur Folge, dass nur rund 15 Prozent aller Angestellten ihre Beiträge sehen, sie also verhältnismässig nur wenig Einfluss hat. Wenn sie sagt, dass sie sich dringend steigern muss, spricht aus ihr nicht nur der persönliche Ehrgeiz, sondern auch der Wunsch nach beruflichem Erfolg.

Mehr Produktivität dank genügend Kompetitivität: Für Jive ist klar, dass die Zukunft der Arbeit auf einem digitalen Netzwerk beruht. Nur so sei es möglich, dass Mitarbeiter über Lohnstufen und Team-Grenzen hinweg miteinander kommunizieren und ein «familiäres Firmengefühl» entsteht, erklärt CEO Elisa Steele im Gespräch: «Vor allem für neue Mitarbeiter können solche kompetitiven Plattformen mit klaren Meilensteinen extrem wertvoll sein. Und der spielerische Ansatz hilft zudem bei der Adaption des Netzwerks, trägt dazu bei, dass sich so viele Leute wie möglich einbringen. Besonders Millennials kann man damit sehr gut ansprechen.»

Ein firmeninternes soziales Netzwerk, bei dem alle Mitarbeiter dabei sein müssen und wo aktive Beteiligung mit Punkten belohnt wird – was Jive entwickelt hat, hat Autor Dave Eggers bereits 2013 erdacht. In seinem Erfolgsroman «The Circle» beschreibt er einen fiktiven Technologie-Konzern, wo genau eine solche Plattform zum Einsatz kommt und die gesamte Firmenkultur prägt. Hauptperson Mae Holland, in der aktuellen Verfilmung von Emma Watson verkörpert, steht diesem Netzwerk zuerst kritisch gegenüber, schert sich nicht um Punkte oder Meilensteine. Aber schon nach wenigen Wochen bei ihrem neuen Arbeitgeber nehmen die Ranglisten einen zentralen Bestandteil ihres Alltags ein. Und das hat negative Folgen: Dass sie sich im konstanten Wettstreit mit ihren Arbeitskollegen um Ruhm und Einfluss befindet, macht sie komplett fertig, führt gar zu einem psychischen Zusammenbruch.

Mit einem solchen System will Jive jetzt also das Büro der Zukunft prägen. Ist das eine gute Idee? CEO Steele hatte sichtlich wenig Freude, als die «Schweiz am Wochenende» sie im Gespräch auf diese Parallele ansprach. Bei Jive sei das nämlich anders: «Diese Gamification ist zwar ein Bestandteil unserer Plattform, sie steht aber sicher nicht im Zentrum. Bei uns werden nicht ausnahmslos alle Interaktionen belohnt, sondern nur jene, die wirklich einen Mehrwert bringen; Qualität über Quantität – so bleibt alles in der Balance.»

Der Algorithmus bildet Teams

Mark Twain, der amerikanische Autor, schrieb einmal: «Arbeit ist das, was man zu tun verpflichtet ist, und Spiel ist das, was man nicht zu tun verpflichtet ist.» Jetzt, im digitalen Zeitalter, vermischen sich diese beiden Bereiche immer stärker. Doch während sich solche firmeninternen Wettbewerbe in vielen amerikanischen Firmen schon etabliert haben, stehen europäische Unternehmen dieser Möglichkeit weit kritischer gegenüber. Michael Wegscheider ist Global Portal Manager beim deutschen Versicherungskonzern Allianz und versucht, die rund 140 000 Angestellten des Unternehmens mithilfe der Jive-Plattform zu vernetzen. Er selber fände die möglichen Anwendungen von solchen kompetitiven Systemen zwar spannend, in Europa sei das aber nur schwer umsetzbar: «In diesem Bereich sieht man die Unterschiede zur amerikanischen Firmenkultur klar. Bei einem Unternehmen in Deutschland würde eine solche Funktion zwingend eine Einwilligung des Betriebsrats voraussetzen, und der steht Ranking-Methoden normalerweise sehr kritisch gegenüber.» Das könne sich aber ändern, so Wegscheider, schliesslich nehme in Europa der Trend der Kollaborationsplattformen erst jetzt so richtig Fahrt auf.

Wenn sich die Arbeit in den digitalen Raum verlagert, bietet das Angestellten diverse Möglichkeiten, um effizienter und produktiver zusammenzuarbeiten. Der Computer wird dabei eine ganz neue Rolle einnehmen. An der Jive-Konferenz in Las Vegas wurde unter anderem angekündigt, dass mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) bald der Computer Vorschläge liefern wird, welche Mitarbeiter gut in einem Team harmonieren würden. Die Grundlage dafür bieten jene Daten, die auch für die Bildung der firmeninternen Ranglisten verwendet werden.

Ob sich eine solche Praxis in naher Zukunft auch in der Schweiz etablieren kann, ist fraglich. Aber dass der Geschäftsalltag zumindest in gewissen Bereichen dank digitalen Technologien immer mehr zum Game wird, davon kann man ausgehen. Schliesslich hatte schon der griechische Philosoph Plutarch gesagt: «Spiel ist die Würze aller Arbeit.»