Einen Spitznamen haben die Einwohner für das Riesenbauwerk schon gefunden: Super-Wok. Mitten in den für Südwestchina so typischen Karstbergen steht diese gigantische, parabolisch geformte Schüssel. Sie hat die Grösse von 27 Fussballfeldern, der Durchmesser liegt bei einem halben Kilometer. Offiziell heisst die Anlage daher «FAST», die Abkürzung für «Five hundred meter Aperture Spherical Telescope». Es handelt sich um das grösste Radioteleskop der Welt.

Und so wie es in der dicht bewachsenen Waldgegend steht, sieht es so aus, als ob die Anlage nicht nur nach Leben im Universum sucht, sondern selbst eine Abordnung von Ausserirdischen ist. Zu Beginn der Woche hat das Super-Radioteleskop offiziell seinen Betrieb aufgenommen.

Chinesische Zeitungen umschreiben das Observatorium im Kreis Pingtang in der Provinz Guizhou auch als eine Art Riesenhörgerät ins All. Ähnlich wie Satellitenschüsseln für den Fernsehempfang, nur in einer völlig grösseren Dimension, sollen die insgesamt rund 4500 Panelen Gravitationswellen und Radiofrequenzstrahlung von entfernen Planeten einfangen. China will mit diesem Superlauscher unter anderem Supernova-Explosionen erforschen, aber auch nach ausserirdischem Leben im Universum Ausschau halten. Chinas «Auge zum Himmel» (Tianyan) soll helfen, Durchbrüche in der Wissenschaft zu erzielen, pries Staats- und Parteichef Xi Jinping das Radioteleskop zum Start der Anlage an.

Erfolgreicher Start

Einen ersten Erfolg hat das Riesenteleskop chinesischen Medienberichten zufolge bereits erzielt. In der Testphase habe es elektromagnetische Wellen schnell rotierender Neutronensterne gemessen, die angeblich 1351 Lichtjahre entfernt sind. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua zitiert Sun Caihong, einen führenden Technologen des Projekts: «Es ist höchst wahrscheinlich, dass Durchbrüche bei der Erforschung der Gravitationswellen und der Relativitätstheorie gemacht werden.» Albert Einstein hatte schon vor hundert Jahren in seiner Relativitätstheorie Gravitationswellen vorhergesagt. Wissenschaftlich nachgewiesen wurden sie aber erst in diesem Februar.

Fünf Jahre hat der Bau gedauert und umgerechnet rund 160 Millionen Euro verschlungen. Damit das Teleskop frei von elektromagnetischen Störungen funktioniert, mussten im Umkreis von fünf Kilometern 9000 Menschen ihr Zuhause aufgeben. Doch die chinesische Führung scheut derzeit keine Mühe. Denn sie will zur grössten Raumfahrtnation der Welt aufsteigen. Und das Riesen-Radioteleskop ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg dahin.

Bereits seit Jahren investiert China kräftig in sein Weltraumprogramm. Mehrere bemannte Raumfahrtmissionen sind den Chinesen in den vergangenen Jahren bereits gelungen. Ende 2013 schafften sie es mit «Yutu» (Jade-Hase), erstmals ein chinesisches Forschungsmobil auf dem Mond landen zu lassen. Mehrere Monate kurvte es auf der Mondlandschaft herum und schickte eifrig Daten auf die Erde.

Das derzeit ehrgeizigste Projekt: Spätestens 2022 will die Volksrepublik eine dauerhaft besetzte Raumstation im Weltraum betreiben. Sie wird nach derzeitigen Plänen zwar nur rund ein Fünftel so gross sein wie die bereits existierende Internationale Raumstation ISS. Doch die Arbeit auf der ISS wird bis dahin eingestellt. Und ein Folgeprojekt ist derzeit nicht in Aussicht. China hingegen wird dann das einzige Land mit einem ständigen Aussenposten im All sein. Als längerfristiges Ziel planen die Chinesen regelmässige Flüge zum Mars.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass internationale Ingenieure das Weltraumprogramm der Chinesen noch belächelten. Nach mehreren Fehlstarts von Trägerraketen gelang China erst 2003 ihr erster bemannter Raumflug. Der erste Taikonaut, die chinesische Bezeichnung für Astronaut, traute sich damals gerade einmal für 21 Stunden ins All. Weitere erfolgreiche Missionen folgten. 2012 gelang den Chinesen der endgültige Durchbruch, als ein bemanntes Raumschiff 14 Tage durchs All raste und den Taikonauten sogar komplizierte Andockmanöver gelangen.

Chinas Aufholjagd

«Die Chinesen hinken schon lange nicht mehr den Russen und Amerikanern hinterher wie manche Leute denken», bemerkte schon vor einiger Zeit der australische Raumfahrtexperte Morris Jones. Ihn beeindruckt vor allem das Tempo. Während die Sowjets und die US-Amerikaner bereits in den 1950er-Jahren ihre Programme starteten, hätten die Chinesen in nur 20 Jahren aufgeholt. Und nun seien die Chinesen auf dem besten Weg zur Nummer eins in der Raumfahrt.

Der chinesischen Führung dient ihr Weltraumprogramm in erster Linie dem Prestige. Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt will beweisen, dass sie nicht nur Konsumartikel günstig herstellen kann und der Welt als Werkbank dient. Sie will auch bei der Forschung in der ersten Liga spielen und als Grossmacht anerkannt werden.

Die Weltraumforschung gilt als besonders aufwendig und kompliziert. Doch auch die militärischen Ambitionen sind nicht zu übersehen. Das Weltraumprogramm ist dem chinesischen Militär untergeordnet. Offiziell behauptet Chinas Führung zwar, das Programm diene vor allem der besseren Wettervorhersage und einer präziseren Nachrichtenübermittlung. Doch längst betreibt das Militär auch Satelliten, die zu Spionagezwecken Daten sammeln und ganze Kommunikationssysteme stören und behindern können.

Die Amerikaner hingegen streichen parallel zu Chinas Ausbauplänen die Gelder ihrer staatlichen Raumfahrtprojekte – und zwar drastisch. US-Präsident Barack Obama hat bereits 2010 einen Stopp des Mondflugprogramms angekündigt und hofft seitdem auf mehr Kooperationen mit der Industrie und privaten Raumfahrtfirmen. Die US-Raumfahrtforschung befindet sich seitdem im Niedergang.