Familieninterview

«Mit Emma entdecke ich die Welt neu»

Emma (1) mit Igel, Madeleine (33) und Stefan (29) sitzen im Wohnzimmer in Aarau und warten auf das neue Jahr.

Emma (1) mit Igel, Madeleine (33) und Stefan (29) sitzen im Wohnzimmer in Aarau und warten auf das neue Jahr.

Vor dreizehn Monaten hat sich das Leben meiner Schwester geändert. Also so richtig. Und mit ihrem das meine. Sie ist Mutter geworden. Und ich Onkel. Wie es ist, wenn ein kleiner Mensch das eigene Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellt.

Madeleine, das war dein erstes Jahr als Mami. Wie wars?

Madeleine Stalder: Es war ein sehr besonderes Jahr. Bewegend, beglückend. Es ist etwas ganz Neues, sehr Aufregendes, was ich noch nie erlebt habe. Aber auch turbulent und anstrengend.

Was war denn das Aufregendste?

Am aufregendsten war eigentlich die Geburt. Es ist etwas, worauf man sich nicht vorbereiten kann. Was kommt da wohl für ein Mensch zur Welt, fragt man sich. In diesem Jahr waren ganz viele besondere kleine Dinge, zum Beispiel wenn Emma etwas Neues lernt und wenn ich sehe, wie sie wächst. Zu merken, dass man auf einem Weg ist, aber man weiss nicht, wo er hinführt.

Hast du geahnt, was auf dich zukommt?

Ich habe es mir schon überlegt, wie es wohl ist. Aber man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Was mir aufgefallen ist: Ich wurde im Vorfeld sensibilisierter gegenüber anderen Kindern, habe geschaut, wie die Eltern mit ihren Kindern sind, ich habe eigentlich nur noch Eltern gesehen. Die Strassen waren voller Kinderwagen.

Vom einen Moment auf den anderen hat sich dann dein Leben geändert, als Emma da war. Gibt es etwas, das du vermisst aus deinem alten Leben?

Kleine Dinge im Alltag. Länger schlafen zum Beispiel. Oder manchmal möchte ich einfach «sein». Oder ganz spontan tun, worauf ich Lust habe. Aber selbst wenn ich diese Zeit wieder hätte, wäre es nicht mehr wie vorher. Ich bin zu einem anderen Menschen geworden. Und in diese alte Zeit gibt es kein Zurück.

Woher weiss man, was man als Mutter tun muss? Ich hätte ja keine Ahnung.

Ich glaube, man macht es intuitiv richtig. Manchmal denke ich daran, wie es unsere Mutter früher gemacht hat. Ich überlege mir, wie sie damals reagiert hat und handle dann danach.

Hast du nicht manchmal Angst, das Falsche zu machen?

Manchmal habe ich etwas Bedenken. Als Emma zum ersten Mal krank war zum Beispiel, das hat mich verunsichert.

Versuchen manchmal andere Leute, dir eine Erziehungsform aufzuzwingen?

Das nicht unbedingt, ich lasse mich da auch nicht verunsichern, und ich tue es so, wie ich es für mich stimmt. Andere Eltern erzählen sehr gerne, wie sie ihre Kinder erziehen, was sie bereits können, mit welchem Alter sie was gelernt haben.

Während wir reden, räumt Emma alle Regale aus. Wie oft am Tag musst du aufräumen?

Ja, das ist schon etwas, das einen nerven kann. Sie räumt all ihre Spielsachen aus und spielt dann gar nicht damit. Es geht eben ums Ausräumen an sich. Darum, Dinge fallen zu lassen, um das Geräusch beim Aufprall, ums Entdecken. Und dieser Hintergrund macht es auch wieder schön. Sie entdeckt die Welt und schaut, was man mit den Dingen tun kann.

Findest du, die Zeit geht schneller vorbei, seit Emma bei dir ist?

Ja. Ich nehme viel bewusster wahr, wie die Zeit vorbeigeht. Davor ging sie genau gleich schnell, aber seit Emma spüre ich mehr, wie das Leben im Fluss ist. Dass Leben Veränderung ist. Und die Veränderung hört nie auf. Emma ist im Moment. Immer und in allem was sie tut.

Ist das etwas, was du von ihr gelernt hast, das Im-Moment-Leben?

Ja, ich denke, das ist etwas ganz Wichtiges, was alle Kinder den Eltern beibringen möchten. Das Entdecken und das Staunen über die kleinen Dinge. Und sich freuen.

Es gibt haufenweise Mama-Blogs, Papa-Blogs, Foren und Kurse. Ist Mutter werden cool geworden?

Irgendwie schon, ja. Mutter werden ist heute ein Lebensziel. Früher hat sich das Muttersein viel natürlicher ins Leben integriert. Die Kinder waren einfach da. Und hatten noch nicht diese Wichtigkeit wie heute. Kinderkriegen ist zu einem Projekt geworden. Es ist planbar geworden. Es gibt ja heute auch so viele Möglichkeiten, was man dem Kind alles kaufen kann, wie man ein Kinderzimmer gestalten kann, die unzähligen Modelle von Kinderwagen. Es ist Lifestyle. Manchmal ist es von den Eltern auch ein Nachholen. Sie geben dem Kind das, was sie nicht hatten. Und davon geben sie ihm viel. Einerseits finde ich es schön, wenn man sich reingibt. Es ist nun mal im Moment das wichtigste Thema im Leben der Eltern, mit ihnen in die Krabbelgruppe zu gehen oder zum Babyschwimmen. Aber man muss aufpassen, dass man da die Balance hält und sich selber nicht vergisst.

Machst du das manchmal auch? Was dir gefehlt hat, das gibst du ihr?

Eher nicht. Also bestimmt nicht materiell.

Werden die Kinder heute zu fest behütet?

Es ist einfach sehr wichtig geworden. Sie integrieren sich nicht mehr auf natürliche Weise in die Familie. Sodass ein Kind als Mensch genau gleich wichtig ist wie die Eltern.

Frühenglisch, klassische Musik vor der Geburt. Viele Eltern haben diese Hoffnung, dass ihr Kind etwas ganz Spezielles wird.

Ja, das beobachte ich auch. Das hängt genau damit zusammen, dass ein Kind so geplant wird. Ich finde es nicht gut, Hoffnungen in ein Kind zu haben. Man sollte das Kind seine Einzigartigkeit leben lassen. Und seinen Weg gehen lassen. Mutter zu sein heisst für mich, ein Kind zu begleiten. Und nicht, die eigenen Wünsche und Vorstellungen umzusetzen. Ich schaue, was mein Kind mitbringt, wie es sich entwickelt und bestärke es darin.

Emma räumt immer noch Regale aus. Hat sie schon mal etwas kaputt gemacht?

Ja, ein paar Weihnachtskugeln. Und sie mag die Seiten aus meinen Büchern zerknittern. Aber sonst eigentlich nicht. Vieles habe ich weggeräumt.

Aber trotzdem: Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass es reicht?

Natürlich gibt es Momente, die schwierig sind. Wenn sie die Einkäufe aus der Tasche räumt und auf dem Küchenboden verteilt. Sie will eben helfen. Für sie ist es ja ein Spiel. Und ich möchte ja, dass sie spielt und entdeckt. Aber manchmal sage ich, dass sie auch auf mich Rücksicht nehmen muss.

Emma ist total verliebt in das Buch mit dem Wiesel und der Gitarre. Hattest du als Kind auch etwas, das du nicht loslassen wolltest?

Ja, ich erinnere mich an meine Puppe. Sabine. Die habe ich überall hin mitgenommen. Die hatte am Ende nur noch ein Auge, das sah aus wie aus einem Horrorfilm. Trotzdem liebte ich sie. Ich habe sie immer mit Nivea eingecremt und dann wurde sie ganz braun und glänzte. Ich weiss nicht, warum ich das getan habe. Vieles weiss ich nicht mehr. Das ist schade.

Glaubst du, Emma kann sich später an solche Dinge erinnern?

Darum schreibe ich vieles auf, was ich mit ihr erlebe, was sie tut und was sie sagt. Es sind wunderschöne kleine Dinge, die sonst vergessen gehen. Neulich habe ich ein Foto angeschaut, das gleich nach der Geburt entstanden ist. Es ist eine Erinnerung, aber sie hat sich verändert. Ich schaue sie von einem anderen Punkt aus an und das Gefühl, als ich sie auf dem Arm hatte, das ist leider weg. Man kann es eben nicht festhalten.

Ja, sie ist ja heute auch eine ganz andere als noch vor einem Jahr.

Sicher. Auch eine andere als vor einem Monat. Sie verändert sich so schnell. Wir Erwachsenen tun das auch, nur merkt man es bei uns nicht so gut.

Hast du manchmal Angst vor dem Moment, wenn es vorbei ist? Also wenn Emma erwachsen ist.

Angst davor habe ich nicht. Ich merke einfach, dass ich mir einfach bewusst sein muss, dass ich sie im Leben begleite und sie auch immer mehr loslasse. Es wird dann bestimmt schön sein, wieder eigene Dinge zu machen. Neue Dinge.

Was ist für dich das Anstrengendste?

Dass ich mit ihr allein bin. Dass ich vieles selber tragen muss und wenig abgeben kann. Das Aufgabenteilen fehlt mir, wenn ich mal müde bin oder Zeit für mich brauche. Oder wenn wir beide krank sind.

Für Emma ist es ein Neuanfang. Und für mich ist es auch einer. Ich habe plötzlich eine andere Sicht auf die Dinge und freue mich so über kleine Sachen. Genau wie sie. Es ist, wie auf eine Reise zu gehen, und man weiss nicht, wo es hin geht. Eine wunderbare Reise. Emma und ich sind auf einem Schiff und fahren über ein Meer an Erlebnissen. So, wie man neue Länder entdeckt. Länder, die eigentlich schon immer da waren, die ich jetzt aber mit anderen Augen anschaue.

Und wer sitzt am Steuer von diesem Schiff? Du oder Emma?

Wir wechseln uns ab.

Heute ist Silvester. Was wünscht du dir fürs neue Jahr?

Ich möchte mit Emma ans Meer.

Emma, willst du auch noch etwas sagen?

Ne.

Ich gehe nach draussen. Es ist viel Schnee gefallen. Ich sehe mich um und staune. Über die Welt, den Schnee, die Flocken auf meinem Gesicht. Es macht mich glücklich. Und schuld daran ist ein Kind. Dreizehn Monate Leben machen einen plötzlich ganz fest zufrieden. So einfach kann das sein.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1