Herr Langhans, als die Kommune I in Berlin auseinanderbrach, gingen viele Mitglieder in den bewaffneten Untergrund. Wieso nicht auch Sie, der Mann mit der John-Lennon-Brille und den Barockkrausen? Dem Frieden zuliebe, oder der Liebe wegen?

Rainer Langhans: Beides stimmt. Für alle Kommunarden, die Terroristen wurden, bin ich heute noch ein Verräter. In der Bundeswehr hatte ich professionell morden gelernt. Damals war mir klar geworden: Irgendwas kann da nicht stimmen. 1968 glaubte ich: Wir müssen mit den Frauen weitermachen, keinen alten Männer-Scheisskrieg führen. Darauf sagten natürlich Leute, wenn ich nicht mitmache beim Krieg, sei ich ein Verräter.

Sind Sie ein klassischer Romantiker?

Das nennt man heute so. Ich habe damals einen Mao-Spruch draus gemacht, der geht so: Die Revolution für eine Frau zu verraten, ist immer gerechtfertigt.

Das wären heute Macho-Sprüche.

Würde mir wohl so ausgelegt, ja. Ist es aber nicht. Verrate ich den Männerkrieg für eine Frau, vergewaltige ich ja keine Frau, höchstens die Männer. Neoliberale heute, die behaupten, keine Machos zu sein, lügen bloss mit ihren Sprachregelungen. Und wenn Sie auf Me Too anspielen: Me Too ist eigentlich das Resultat einer fünfzigjährigen Form von Aufklärung seit 68.

Gebracht hat es nichts. Mit diesem Feminismus-Speech sind wir überhaupt nicht weitergekommen. Ich plädierte damals dafür, mit den Medien weiterzumachen – und mit den Frauen. Nachdem wir von den eigenen Leuten rausgeprügelt worden waren, führte ich das in München weiter, mit einer Frauenkommune, nach einer Reihe von Experimenten mit Sex, Drogen … am Ende hat freilich alles nichts gebracht.

Klingt nach veritablem Cold Turkey, nach Entzugshölle.

Irgendwann war ich dermassen erledigt, dass ich dachte, ich sterbe – buchstäblich. Als «Verräter» verlor ich Anfang der Siebzigerjahre ja die meisten meiner geliebten Menschen. Wenn man einmal gesehen hat, wie die Welt wirklich sein könnte – wie schön, wie liebend –, dann erkennt man auch, wie grauenhaft die gewöhnliche Welt ist. Damals dachte ich: Okay, dann lass ich es halt – per Krankheit.

Das sah aber anders aus, als sie mit fünf Frauen im Harem wohnten.

Ach, der Harem … Wir versuchten, das in der Öffentlichkeit zu erklären – hat natürlich niemand verstanden. Rollenmuster haben auch die Frauen; diese Muster sind um keinen Deut besser als bei Männern, obwohl die Frauen stets das Gegenteil behaupten. Zu erkennen und zu verbinden – das wäre der feinstoffliche Weg. Genau da geht es aber übelst zu und her, ganz schrecklich. Die Frauen sind unglücklich darüber, dass sie aus ihrem Muster nicht rauskommen. Wenn Frauen etwa Männer benutzen, um vergewaltigt werden …

Pardon, haben wir uns grad verhört?

Da sagt eine der Frauen zu mir: «Du musst mit mir Sex haben, wenn du mich da rausholen willst, musst du mich erst mal da abholen.»

Autor Max Dohner im Gespräch mit Rainer Langhans, München, 17. Januar 2018

Autor Max Dohner im Gespräch mit Rainer Langhans, München, 17. Januar 2018

Was übersetzt wohl bedeutet: «Genug geschwafelt, her mit dem Tatbeweis!» Oder nicht?

In jener Lage habe ich lange überlegt. Dann habe ich gesagt: Hm, ich probier’s, obwohl ein Meister natürlich davon abrät. Durch Sex sollte man aus dem Körper heraustreten, nicht bloss eindringen, einen tiefen ausserkörperlichen, geistigen Zustand erreichen. Aber das geht eben nicht durch den Körper. Aus meiner spirituellen Entwicklung heraus kann ich sagen: Sex bringt nichts. Deshalb habe ich das auch eingestellt. Ich habe wirklich alles probiert, weit über die Verbote der Gesellschaft hinaus.

Erwarten Sie die Erfüllung der Liebe im Himmel, im anderen Leben?

Meine sexuellen Erfahrungen waren so, dass ich gelegentlich ein wenig den Körper verlassen konnte. Schön, okay. Aber nicht annähernd das, als wir wirklich dort gewesen waren. Wir sagten, sei es in der Kommune I oder im Harem: keinen Sex in Zweierbeziehungen – warum? Wie kann man nur so blöd sein, im Stadium, da man richtig high ist, sich mit diesem Downing-Tool – dem Sex – wieder herunterzubeamen?

Das heisst, Sie plädieren heute für Enthaltsamkeit oder gar Asexualität?

Ich plädiere für eine Liebe, die nur ausserhalb des Körpers zu haben ist. Jeder übe, so gut er kann, ein Stück weit aus dem Körper herauszutreten, in die Sphären des Geistes zu gelangen … wir haben dafür ja keine Wörter.

Empfinden Sie Widerwillen, weil Ihnen Sex hinfällig, verschwitzt, schmutzig vorkommt? Muss Ihr Ekel im Internet, das Sie als globale Nachfolge-Kommune der 68er rühmen, nicht ins Unermessliche steigen, bei der ganzen Pornobrühe?

Nein. Meine Grundempfindung war früh da, lange vor 68. Als Vierjähriger sagte ich zu meinen Eltern: Ihr seid nicht meine Eltern; ich bin ein Alien. Zeitlebens bin ich so geblieben, ein Autist. Ich fand jung einfach nicht zu Menschen, ich war total einsam. Und plötzlich waren alle so verrückt, 1968, wie ich immer gewesen bin. Plötzlich teilte ich mit allen zusammen einen grossen Liebesrausch. Als das verebbte, war ich vermutlich verzweifelter als alle anderen.

Autisten kann man nicht heilen. Heute aber werden wir von Autisten regiert. Die ganzen ITler, die Nerds im Silicon Valley – sind alles Autisten. Die wollen sich eine Welt bauen, die erträglicher ist als diese hier, mithilfe des Internets. Es gibt so viele Möglichkeiten mehr, miteinander zu sein, als über diese ewig schwitzende, sich versteckende Sexualität. Damals hiess das: Revolutionierung des Alltags, keinen Privatbesitz mehr, alles teilen, alles mitteilen, was heute im Internet realisiert ist. Allgemeine Zärtlichkeit.

Wie zärtlich fühlte es sich an, Ihre vielbegehrte Freundin damals, Uschi Obermaier, eigenhändig zu Mick Jagger zu fahren?

Ich wusste, für Uschi ist das unheimlich wichtig. Ich liebte sie – also liebe ich auch das, was sie tut. Ich war jeweils nicht hundertprozentig sicher, ob sie wiederkommt. Aber sie kam immer wieder.

Robert Musil sagt, wenn ein rauschhafter Zustand, wie Sie ihn für ein ganzes Jahr beschreiben, länger als drei Tage dauere, sei es Wahnsinn.

Richtig. Wir lebten ein Jahr lang glücklichst in diesem Wahnsinn.