Gartenarbeit

Mit der vollen Kanne zu den durstigen Blumen – so läuft das perfekte Abendritual für Gärtnerinnen und Gärtner

Den eigenen Garten abschreiten und dabei Pflanzenleben retten, das ist Tränken.

Den eigenen Garten abschreiten und dabei Pflanzenleben retten, das ist Tränken.

Bewässerungssysteme sind ja ganz nett. Aber abends mit der Giesskanne im Garten herumzugehen, ist die wahre Erfüllung jeder Gärtnerin.

Unter den Füssen glüht die Hitze des Tages nach, während sich die Sonne gerade hinter dem Horizont verkriecht. Die Kinder schlafen endlich und ich stehe still in meinem Garten. Neben mir das hölzerne Regenfass, das Wasser darin schimmert fast schwarz, es riecht erdig und nach Leben. Ich stelle die Giesskanne unter den Hahnen und lausche wie das Wasser zuerst scheppernd und hell, dann gurgelnd und rauschend in die Kanne schiesst.

«Eine Giesskanne, die gerade gefüllt wird, das ist das schönste Sommergeräusch», schrieb einst ein geschätzter Kollege. Ich muss viel an diesen Satz denken, wenn ich abends meinen Garten giesse. Auch wenn Experten stets raten, den Garten am Morgen, wenn die Temperaturen noch kühler sind, zu wässern; ich und (gezwungenermassen) auch meine Pflanzen sind Abendmenschen. Am Morgen ist zu viel Gehetze und zu wenig Muse, um dem Singsang der Blechkanne zu lauschen.

Die lebensrettende Giesskanne in der Hand

Zu wenig Zeit auch, um in Ruhe mein Reich abzuschreiten und Gutes dabei zu tun. Denn darum geht es doch beim Gärtnern. All das Anpflanzen, Zurückschneiden, Ernten und Tränken ist nichts als Selbstwirksamkeit in ihrer reinsten Form. Im Garten sind wir die Chefinnen und Chefs, wir entscheiden über Gedeih und Verderb. Kurze Wege, statt lange Prozesse. Ich gebe Wasser, die Pflanze dankt es mir mit einer Gurke. So einfach geht Glück manchmal.

«Ein Garten ist stimmig, wenn man seine Bewässerung mit der Giesskanne bewältigen kann», schrieb ebendieser Kollege auch. Er hat immer noch recht damit. Längst habe ich meinen Garten so angelegt, dass in den abgelegeneren Winkeln robuste und eher wasserscheue Pflanzen gedeihen. Lavendel und Katzenminze, Salbei und Königskerzen kommen auch an trockenen Tagen gut ohne meine Wasserdienste aus. Im Gemüsebeet überschattet die Zucchettipflanze gerade ohnehin alles andere und die verbliebenen Kartoffeln und Zwiebeln mögen die Trockenheit.

Wahre Gartenexperten wissen auch, dass zu viel Wasser vielen Pflanzen nicht bekommt, sie wachsen dann zu schnell, ihre Früchte schmecken weniger intensiv. Hätte ich nicht gut ein Dutzend Topfpflanzen auf der Terrasse stehen, ich müsste nicht unbedingt jeden Abend giessen. Aber ich kann es nicht lassen. Manchmal erwische ich mich beim Gedanken, dass ich mir nur einen Garten angelegt habe, damit ich ihn abends bewässern kann. Es ist auch die Dringlichkeit dieses Dienstes, die zu mir passt. Jäten, umstechen, zurückschneiden: Kann man alles vertagen, bis auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Beim Tränken im Sommer gilt jetzt oder nie.

Niemals würde ich fürs Giessen auf eines dieser ausgeklügelten Bewässerungssysteme zurückgreifen. Praktisch zwar, dass man mittels Solarenergie und feinfühligen Sensoren jedem Pflänzchen stets die wohldosierte Menge Wasser zuführen kann, aber dafür den Garten mit Schläuchen und Kabeln verunstalten? Ich verstehe Menschen nicht, die sich im Garten nur erholen können, wenn dieser sich quasi selbstverwaltet. Und dann gehen sie, während der Roboter mäht und das System wässert, joggen, um ihren Bewegungsmangel zu kompensieren.

Ich renne nicht draussen herum, ich gehe lieber sternförmig in meinem Garten herum. Mit der vollen Kanne zu den durstigen Blumen, mit der leeren Kannen wieder zurück. Alles andere kann und muss dann warten. Aber zugegeben: War der Tag sehr lang und anstrengend, dann nehme ich auch mal den Schlauch in die Hand und lasse es minutenlang auf meinen Garten regnen, danach geht es mir meistens wieder gut.

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Autor

Katja Fischer De Santi

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