Micha ist schnell. In nur einer Stunde erklärt uns der sonnengebräunte Instruktor, was es braucht, um mit einem Boot auf Reisen zu gehen: Signale und Verkehrsregeln verstehen, Karten lesen, Schleusen passieren, Anker werfen sowie verschiedene Akkus und Tanks im Auge behalten.

Auf einer kurzen Übungsrunde darf sich jeder unserer Vierer-Crew ausprobieren. Das Boot reagiert verzögert auf die Lenkbewegungen – je nach Talent fahren wir in mehr oder weniger ausgeprägten Schlangenlinien durch den Kanal. «Nur keine Sorge, das legt sich schnell», sagt Micha lachend. Er wird recht behalten. Wir legen Kapitän und Vizekapitän fest, die für das Boot und die Sicherheit der Crew verantwortlich sind. Dann sind wir auch schon allein auf unserem Hausboot im Hafen von Marina Wolfsbruch, 90 Autominuten nördlich von Berlin. Wir verlassen den Hafen und machen uns auf den Weg zur schmucken Kleinstadt Rheinsberg, die einst das zu Hause des berühmten Friedrich der Grosse war. 

Gegen Abend bricht die blaue Stunde an, der Übergang von Sonnenuntergang zu Dunkelheit. Hier oben im Norden ist sie deutlich länger als in der Schweiz. Auch wenn sie sich langsam zu Ende neigt, läst sich noch kaum erahnen, was für ein Spektakel der Himmel zu bieten hat. Hier, fernab vom grellen Berlin, geht die Zahl der sichtbaren Sterne wohl in die tausende. Sternschnuppen zählen kann man hier jeden Abend.

Vier Tage reisen wir mit dem Boot von einem Städtchen zum nächsten und besuchen unterwegs Restaurants, Fischer und Kanuvermieter. Oder wir suchen uns ein hübsches Seelein, werfen den Anker und springen ins Wasser.

Die Seenlandschaften, Überbleibsel einstiger Gletschermoränen, ziehen sich durch scheinbar endlose Wälder, die nur von kleinen Weiden, verfallenden Mühlen und abgelegenen Feuerstellen unterbrochen werden. Kanäle wechseln sich mit natürlichen Flussläufen ab. Mit ihren dicht überwucherten Ufern und dem Zwitschern unzähliger Vögel erinnern Letztere an eine Fahrt durch den Dschungel.

In der Hauptsaison bilden die Boote in den Kanälen und vor allem vor Schleusen oft lange Kolonnen, sodass das Erlebnis eher an eine langsame Wasserbahn im Europapark erinnert. Doch nun, Anfang Mai, geniessen wir die Ruhe und mäandern stundenlang allein durch die geschwungenen Kanäle.

Trotz maximal zwölf Stundenkilometern wird es am Steuer nie langweilig. Die Flüsse brauchen ständige Aufmerksamkeit und wer auf einem See kurz das Steuer loslässt, wird schnell abgetrieben. Bei engen Brücken und Schleusen kann es auch schon mal knapp werden. Hilft alles nichts, heisst es «Maschinen Stopp!». Es sieht drollig und auch ein wenig peinlich aus, wenn ein Schiff vor einer kniffligen Stelle plötzlich quer im Kanal steht. Aber mit etwas Geduld findet jeder Kapitän seinen Weg. Und um wartende Boote braucht man sich auch nicht zu sorgen, hier gibt es kein Drängeln und Hupen. Lieber unterstützen sich die Bootsleute gegenseitig, geben Tipps oder helfen beim Antauen. Denn egal ob Atlantik oder Brandenburger See: Auf dem Wasser ist man eine Gemeinschaft.

Die Boote der Uckermark kommen in allen Farben und Formen

Die Boote der Uckermark kommen in allen Farben und Formen

Irgendwas ist immer kaputt

Unser Boot «Magnifique» hat vier Kabinen für je zwei Personen, drei kleine Badezimmer, eine Sitzgruppe und eine voll ausgestattete Kajüte. Die Sitzgruppe kann zu zwei weiteren Schlafplätzen umfunktioniert werden, ab sieben Personen wird es aber schon ziemlich eng. Mit über vier Meter Breite und fast 15 Meter Länge ist es eines der grössten Hausboote auf diesen Gewässern.

Je grösser und älter das Boot, desto wahrscheinlicher ist es, dass unterwegs etwas kaputtgeht. Wasser und Wetter setzen der komplexen Technik zu. So verweigerte der Bugstrahler (dient dazu, quer zur Fahrtrichtung Schub zu geben) immer mal wieder für ein paar Stunden den Dienst. Kniffliger wurde es, als mitten auf einem See der Motor nicht mehr anspringen wollte. Eine halbe Stunde lang lotste uns der Bootsvermieter am Telefon durch verschiedene Problemlösungen, bis das Umlegen eines kleinen Hebels am Motor den Anlasser wieder funktionstüchtig machte. So lassen sich die allermeisten Problemchen an Bord lösen. Und für den Fall, dass die Besatzung einmal nicht mehr weiterkommt, hat der Bootsvermieter im ganzen Gebiet Basen eingerichtet, von wo aus Techniker schnell zu Hilfe eilen können. Wer allzu schnell nervös wird, dürfte in diesen Ferien den einen oder anderen unangenehmen Moment erleben. Wer die kleinen Herausforderungen als willkommene Abwechslung erlebt, wird die Zeit auf dem Boot lieben.

Info: Die «Magnifique» für bis zu zehn Personen kostet für sieben Nächte je nach Saison zwischen 1770 Franken und 4230 Franken. In der Hauptsaison wird es sehr voll auf den Gewässern, besser sind Mai und September. Im Mai gibt es die «Magnifique» ab 3100 Franken (entspricht 74 Franken pro Person pro Nacht). Weitere Informationen rund ums Hausboot fahren in Brandenburg, dem übrigen Europa und Kanada gibt es bei Le Boat.

Lesetipp für Neugierige: Rock the Boat: Boats, Cabins and Homes on the Water, erschienen 2017 im Gestalten Verlag, Berlin