Ihr Blick ist gnadenlos, und sie rückt ganz nah an mein Gesicht ran. «Bis jetzt haben Sie Glück gehabt, aber wenn sie jetzt nichts tun, werden sie es bereuen.» Mit einer Mischung aus Häme und Mitleid tröpfelt mir die Kosmetikverkäuferin ein «luxuriöses Serum» auf die Haut, um «den Ist-Zustand etwas zu halten», wie sie es formuliert.

Im Februar werde ich 40 Jahre alt. Ich kämpfe jetzt nicht mehr gegen «die ersten Zeichen der Hautalterung», ich bin jetzt ein Fall für sehr kostspielige «Anti-Age-Produkte». 20 Minuten später verlasse ich den Laden, und ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich die teuren Cremes im Regal habe stehen lassen. Habe ich aber nicht. Denn wie hat es die wunderbare Sharon Stone, heute 60, einst formuliert. «Du kannst deinen Körper einigermassen gut aussehen lassen, bis du ungefähr 40 bist. Der Rest des Lebens besteht eigentlich nur darin, den Verfall aufzuhalten.»

Sind meine besten Jahre nun also vorbei? Nicht unbedingt; als Schriftstellerin oder Regisseurin würde ich in diesem Alter noch knapp als Jungtalent vermarktet. Als Bundesrätin wäre ich eine jugendliche Sensation. Als Schauspielerin in den besten Jahren. Sicher ist: 40 Jahre alt zu werden, das ist für Frauen heute nicht per se ein Problem. Es ist keine Zäsur wie noch vor 20 Jahren, als Frauen mit 40 aus der Öffentlichkeit gezogen wurden wie rostende Autos. Mit vierzig gehöre eine Frau zum «unsichtbaren Geschlecht», schrieb die Feministin Simone de Beauvoir. Frauen in diesem Alter seien weder richtig alt noch richtig jung, nicht mehr begehrenswert, aber noch nicht weise.

Das ist längst vorbei. 40-jährige Frauen sind heute in der Blüte ihres Lebens. Körperlich fit, geistig top, sexuell in der besten Phase, dazu erfahren, belastbar. 40 kann kein schwieriges Alter mehr sein, wenn am Fernsehen die besten Frauen (Mona Vetsch, Susanne Wille) knapp über 40 sind. Wenn Pink und Norah Jones Anfang 40 trotz Kleinkindern ihre Karrieren vorantreiben und wahnsinnig gut dabei aussehen.

Was aber, wenn der Stress im Job, die Aufzucht der Kinder und die Jahre doch Spuren hinterlassen haben? 40 ist das neue 30 – für Frauen bedeutet das ab ins Fitnessstudio, Disziplin beim Essen und die Hoffnung auf gute Gene. Laut Umfragen eines Kosmetikherstellers wendet keine Altersgruppe mehr Geld für Schönheitsprodukte auf als die 40- bis 50-Jährigen. Ein verbissener Kampf, um die Zeichen des Alters so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit 40 wie 40 auszusehen, das ist eher keine Option. Womit wir wieder bei den teuren Cremes wären.

Ewiges Mädchen

Wobei es die typische 40-jährige Frau schon lange nicht mehr gibt. Manche Frauen werden in diesem Alter gerade zum ersten Mal Mutter, andere finden sich mit der Kinderlosigkeit ab. Wieder andere wagen den beruflichen Wiedereinstieg, und nochmals andere sitzen mit 40 Jahren zum ersten Mal in einem Verwaltungsrat. Wie eine 40-Jährige heute lebt und liebt, wird viel stärker durch ihre Persönlichkeit, Ausbildung und Lebenssituation bestimmt als durch ihr Alter. Ewiges Mädchen, Femme fatale, späte Mutter oder frühe Grossmutter, alles ist mit 40 möglich.

Die Midlife-Krise der 40-jährigen Frauen, sie speist sich nicht aus einer plötzlichen Leere, wie noch in den 1970er-Jahren, als Frauen in diesem Alter ihre Kinder ziehen lassen mussten, sie speist sich eher an einem Zuviel an Optionen.

Den Druck, sich für sein Leben zu rechtfertigen, spürt man mit vierzig wie nie zuvor. Was hat man erreicht? Zeit für eine erste Bilanz: Studiert, gereist, gefeiert, geheiratet, Kinder geboren, Haus gekauft, einen guten Job gemacht, alles bestens.

Und doch sitzt mir dieser Wicht im Ohr, seit ein paar Wochen schon. Er sät Zweifel. Fragt ganz unvermittelt: «Wolltest du das alles so?», «War es das jetzt?», «Hast du die richtigen Entscheidungen getroffen?» Meist wisch ich den Wicht einfach weg, übertönt das Geschwätz der Kinder sein Flüstern, hab ich im Büro keine Zeit für seine Fragen und bin ich abends zu müde für Antworten. Und doch setzt sich eine «verwirrende Mischung aus Nostalgie, Bedauern, Klaustrophobie, Leere und Angst im Kopf fest», wie es Kieran Setiya in seinem 2018 erschienenen Buch «Midlife» beschreibt. Er, der angesehene Philosophieprofessor, hatte und hat alles, was er sich wünscht: Erfolg, Anerkennung, Familie. Doch dann, mit 46 Jahren, sucht sie ihn heim, die Midlife-Crisis. Er nennt sie nicht so, weil es zu sehr nach teurem Sportwagen, schneller Affäre und peinlichen Skateboard-Unfällen klingt. Dabei geht es um eine grosse Frage, die das ganze menschliche Leben durchdringt: Welche Möglichkeiten bleiben mir noch und hätte ich andere Wege einschlagen sollen?

Seit Jahrzehnten streiten sich Menschen darüber, ob es die Midlife-Krise, jenen plötzlichen Wunsch, mitten in den besten Jahren noch einmal alles zu verändern, wirklich gibt. Viele sehen in der Midlife-Krise lediglich einen Mythos, eine billige Entschuldigung für verantwortungsloses Verhalten: Neuanfang, Auswandern, Affären. Andere hingegen behaupten, es handle sich um einen universalen «Übergangsritus», ähnlich der Pubertät, den alle Menschen durchlebten. Letztere Position dominiert die derzeitige Debatte, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Wissenschaft. Studien belegen: Das Lebensalter zwischen 40 und 55 ist eine Zeit des Wandels, in der viele anfällig sind für einen Zustand, der mit «Midlife-Crisis» gar nicht so schlecht beschrieben ist. Das Wohlbefinden bei Männern und Frauen sinkt bis Mitte 40 und steigt erst danach wieder an.

Wir sind jetzt dieser «Jemand»

Die «New York Times»-Journalistin Pamela Druckermann beschreibt in einem Artikel die Jahre um die 40 als jene Zeit, in der man bereut: die Wahl des Partners, die Wahl des Jobs. Gleichzeitig wissen wir, wie unsinnig, ja kindisch diese Gedanken sind. Wie der Hans im Schneckenloch aus dem Kinderlied, der alles hat, was er will, aber was er will, das hat er nicht, und was er hat, das will er nicht. Mit 40 ist fertig mit kindisch. Meine Jahrgänger und ich, wir sind – auch in Kapuzenpullis und Converse-Turnschuhen – erwachsen.

Was nicht an unseren ersten grauen Haaren liegt, sondern daran, dass wir nun die Weihnachtsfeier für die ganze Familie organisieren, mit Freunden statt über Musik über den Immobilienmarkt diskutieren, uns um unsere Eltern sorgen und plötzlich in Gremien sitzen, von denen wir mit 20 nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Denn ganz egal ob im Elternrat, in der Kulturkommission, in der Geschäftsleitung oder einem Vorstand, als 40-Jährige sollte man nicht mehr darauf warten, dass «Jemand» endlich etwas tut oder sagt. Wir sind jetzt dieser «Jemand».

Mit 40 Jahren bereiten wir uns nicht mehr für ein zukünftiges Leben vor. Wir stecken mitten in diesem einen Leben drin – ob es uns passt oder nicht.

Ich werde auf meinen 40. Geburtstag anstossen. Nicht mehr mit 150 Leuten wie an meinem 30. Aber mit den richtigen – oder auch mit mir alleine. Ich werde dabei lächeln und versuchen, dankbar zu sein für dieses Leben, das ich mir nicht in allem so gewünscht habe, aber das mich reich beschenkt hat. Denn in Ordnung ist ja nicht wenig. Und hey, es ist erst Halbzeit. Es bleibt genug Zeit, um noch ein paar Türen aufzustossen. Es muss ja nicht mehr mit dem Kopf voraus sein. Mit 40 weiss ich, dass es dafür Türfallen gibt.