Sie sind unter uns. Aus der Tiefe des Meeres dringt ein Trillern durch den Kopfhörer. Als ob jemand an einem Radio dreht und dem Gerät hochfrequente Töne entlockt. Doch was wir hören, ist ein Gespräch. Ein Gespräch unter Meeressäugern. «Die Delfingruppe ist ganz nahe», sagt Biologin Silvia Frey. Sie steht im Innern der Jacht und zeigt auf den Bildschirm ihres Computers. Dieser zeichnet die Pfiffe auf. Jeden einzelnen. Sie sehen wie Würmer aus, die über den Monitor flimmern.

Kurz zuvor hat die Biologin ein Unterwassermikrofon an einem 50 Meter langen Kabel sachte ins Wasser gleiten lassen. Sie ist die leitende Wissenschafterin bei der Schweizer Meeresschutzorganisation OceanCare. Und zuständig für diese Expedition. Dabei sind Laien, die Wale und Delfine vor der Küste Siziliens beobachten und zählen – wenn sich die Tiere denn zeigen.

Mit solchen Klick-Tönen und deren Reflektionen orientieren sich Delfine im Wasser und können Gegenstände – wie hier das Unterwassermikrofon – einschätzen.

Bereits am Vorabend, bei der Begrüssung im Hafen von Syrakus, hat Silvia Frey betont: «Ich kann euch keine Sichtung versprechen. Für die Wissenschaft ist es allerdings ebenso relevant, ob wir Tiere sehen oder nicht.» Erstmals sitzt die neunköpfige Gruppe zusammen, die eine Woche lang einem Reigen gleich die Feldstecher weiterreicht und die Wasseroberfläche nach Leben absucht. Sieben Touristinnen, Skipper Ueli Lüthi und Umweltschützerin Silvia Frey. Eine zusammengewürfelte Truppe, die sich enge Kojen auf wenigen Quadratmetern Segelboot teilen. Darunter sind ebenso Kantischülerinnen, die für ihre Maturaarbeiten an Bord gekommen sind, wie auch Berufstätige, die sich in den Ferien dem Tierschutz widmen wollen. Ob wir uns nach einer Woche ohne eine einzige gesichtete Flosse mit der Wissenschaft trösten könnten?

Die Frage erübrigt sich am Tag darauf. Kurz nachdem wir die Delfine über das Mikrofon hören, sehen wir sie in etwa 15 Metern Distanz. Es ist unser erster Tag auf dem Meer. Die Tiere schnellen aus dem Wasser, krümmen sich im Flug, tauchen kopfvoran in das glitzernde Blau ein. «Sie jagen», sagt Silvia Frey und greift zu GPS und Protokoll, die auf dem Schiffsbug liegen. Vergessen ist bei uns Hobby-Forschern die Wissenschaft, vergessen auch das Schwanken des Boots, die sengende Sonne. Wir beugen uns über die Reling, verrenken uns, um jeden möglichen Blick auf die pfeilschnellen Tiere zu erhaschen, die so rasch verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Was für ein Glück, sie so nahe beobachten zu können, jubeln wir. Und werden von ihnen alsbald eines Besseren belehrt.

Wer beobachtet da wen?

Am Nachmittag entdecken wir die zweite Gruppe Delfine am Horizont. Das Meer ist tiefblau. Brechen die Wellen, setzen sie ihm weisse Krönchen auf. Unser Segelschiff schaukelt über die kleinen Wogen. Eine nach der anderen durchbricht der Bug, stoisch. Es klatscht und spritzt. Im Wasser scheint das zu interessieren. Die Delfine nähern sich uns in lang gezogenen Sprüngen. Jungtiere jagen neben ihren Müttern durchs Wasser.

Delfine kommunizieren untereinander, indem sie pfeifen. Der Klang dieser Pfiffe ist individuell, wodurch sich die Tiere gegenseitig erkennen können.

Plötzlich taucht ein Tier aus der Tiefe auf, schwimmt direkt neben den Bug, wo meine Füsse baumeln. Der Delfin dreht sich auf den Rücken, blickt mir in die Augen. Sekundenlang. Wer beobachtet nun wen?

Die Tiere sind so nah, dass wir Narben auf ihrer Haut ausmachen können. Und ihre Zeichnung, die ihnen den Namen gab: Streifendelfine. Die Linien führen vom Auge über die weisse Flanke zur Brust- und Schwanzflosse. Erst in dieser Nähe wird sichtbar, was für Muskelpakete sie sind. Und wie behände und flink sie sich bewegen. «Die Streifendelfine scheinen mit all den Schwierigkeiten wie der Überfischung, dem Bootsverkehr oder der Habitatszerstörung am besten umgehen zu können. Anders der Grosse Tümmler oder der Gewöhnliche Delfin. Sie sind im Mittelmeer extrem selten geworden», sagt Silvia Frey. Wie viele vor der Ostküste Siziliens leben, ist unklar. Die Zahlen und Daten fehlen, obwohl das Gebiet gerade für tieftauchende Tiere wie dem Pottwal oder dem Cuvier-Schnabelwal ideale Lebensbedingungen bietet. Deshalb hat es OceanCare für die Forschungsexpedition ausgewählt.

Neugierig: Immer wieder begleiten Delfine das Boot.

Neugierig: Immer wieder begleiten Delfine das Boot.

Wir weichen mit dem Boot nie von unserem vorgegebenen Kurs ab. Die Tiere entscheiden, ob und wie lange sie uns begleiten mögen. Sind sie da, scheinen sich die Minuten in Sekunden zu wandeln. Ihre Blicke, ihr Spiel, ihre Neugier bringen etwas Magisches mit sich. Vielleicht weil sie sich an der Grenze ihres Lebensraumes bewegen – und uns einen kleinen Eindruck davon geben, was in ihrem tiefblauen Reich möglich ist. Jenes Reich, dessen Oberfläche wir eine Woche lang nicht aus den Augen lassen.

Was einfach klingt, ist anstrengender als gedacht. Besonders wenn nachmittags das Meer spiegelglatt schimmert, die Augen ins Gegenlicht blinzeln, die Sonne knallt – und keinerlei Lebewesen Kopf oder Flosse aus dem Wasser reckt. Damit unsere Aufmerksamkeit nicht schwindet, wechseln wir uns jede Stunde mit dem Beobachten ab. Ist das Meer in Bewegung, fällt es einfacher, konzentriert zu bleiben. Denn hinter jeder Welle scheint sich eine Rückenflosse zu verstecken. Und schoss aus der Schaumkrone nicht ein Blas, die Atemluft eines Wales? Ich kneife die Augen zusammen und blinzle erst, als die Augen zu brennen beginnen. Fehlalarm.

Tiefenentspannt auf dem Boot

Die Methode, mit der Freiwillige Daten sammeln, nennt sich Linientransekt. Zwischen zwei Koordinaten überwachen jeweils drei Personen die Wasseroberfläche in einem 180 Grad-Winkel in Fahrtrichtung. Taucht ein Tier auf, notieren wir GPS-Position, Zeit, Art, Anzahl und Verhalten. Gleichzeitig zeichnet das Unterwassermikrofon allfällige Laute der Meeressäuger auf. Es ist eine stichprobenähnliche Zählung, die eine Schätzung über die Häufigkeit, Verbreitung und Populationsgrösse möglich machen soll.

Das Beobachten selber wirkt entschleunigend. Fast meditativ. Gedanken aus dem fernen Arbeitsalltag tauchen auf, verwässern sich oder ziehen alsbald weiter. Fragte ich mich vor der Reise noch, ob ich nicht spätestens am dritten Tag gelangweilt und kribbelig auf dem Boot rumtigern würde, guckte ich auch noch am vierten und fünften Tag tiefenentspannt durch den Feldstecher auf dem Beobachtungsposten. Doch: Die Ruhe an der Oberfläche kann trügerisch sein.

Mehr Plastik als Tiere

Tag 4, früh am Morgen: Hinter uns verschwinden die rötlich-beigen Palazzos von Syrakus und der Vulkan Ätna. Vor uns leuchten zwei Farben – dunkelblau das Mittelmeer, hellblau der Himmel. Zwischen ihnen spannt sich der Horizont wie eine Schnur. Mit dem Kopfhörer auf den Ohren scheinen die Anweisungen von Skipper Ueli weit entfernt.

Es plätschert, rauscht ein wenig im Ozean. Da knallt es. Laut und brutal dröhnt der Schuss. Als ob unter Wasser ein Felsen gesprengt worden wäre. Etwas Kaffee schwappt aus meiner Tasse. Was war das? «Wohl eine Schiessübung des Militärs», sagt Silvia Frey und zeigt auf ein Marineschiff vor der Küste. Sie ist beunruhigt. Tags zuvor waren bereits kurz Sonarsignale im Wasser hörbar. Damit orten die Seestreitkräfte etwa U-Boote. Doch die hohen Frequenzen versetzen Meeressäuger in Panik. «In der Folge tauchen sie viel zu rasch auf, was für sie tödlich ausgehen kann», sagt die Biologin. Auch ihre Orientierung würde dadurch gestört.

Es braucht keine solchen Experimente, um die Ruhe der Meerestiere zu stören. Das stellen wir beim akustischen Monitoring fest. Immer wieder rattert und wummert es durch die Kopfhörer. Es sind die Motoren der Frachtschiffe; auch wenn diese erst in Spielzeuggrösse am Horizont auftauchen.

Dieser Lärm unter Wasser stimmt nachdenklich. Ebenso die Menge an Plastik, die wir passieren. Denn wir zählen nicht nur Flossen, sondern auch die Stücke des langlebigen Kunststoffes. Ende der Woche ist dieses Protokoll um ein mehrfaches länger als jenes der Tiere. Wir notieren: zerrissene Fischernetze, PET-Flaschen, Reste von Einkaufstüten. Das ist lediglich ein Bruchteil der geschätzten 86 Millionen Tonnen Plastik, die in den Meeren schwimmen. An einem Nachmittag zählen wir etwa tausend Plastikfragmente pro Stunde. Ausgebleicht und weiss treiben sie wie Fetzen eines Papiertaschentuchs auf der Wasseroberfläche.

Gleichzeitig schleppt unser Boot ein «Mini-Trawl» hinter sich her, ein spezielles Netz, um Mikroplastik einzufangen. Eine Stunde lang strömt das Wasser durch seinen Schlund. Dann hebt es Silvia Frey behutsam zurück ins Boot. Im Labor einer Universität werden die Kleinstpartikel unter dem Mikroskop gezählt und die Art des Kunststoffs bestimmt. «In den vergangenen zwei Jahren war es vor allem Polyethylen. Das ist weit verbreitet und steckt sowohl in Verpackungsmaterial als auch in Kosmetika», erklärt Silvia Frey, während sie die Wasserproben in Fläschchen abfüllt. Bereits von blossem Auge sind blaue Fragmente zu sehen. «Überbleibsel von Fischernetzen», sagt Silvia Frey. «Plastik ist ein riesiges Problem. Die Tiere nehmen dieses über die Nahrung auf und verhungern nicht selten mit vollen Bauch; gefüllt von Plastik, der keinerlei Nährstoff abgibt.» Wer nicht verendet, wird möglicherweise von einem Feind gefressen. «Schliesslich landet das Plastik – in Form von Mikroplastik – auch in unserer Nahrungskette», sagt Silvia Frey.

Es sind diese Einblicke, die eine Woche auf dem Forschungsboot von einem Segeltörn oder einer Whale-watching-Tour unterscheidet. Der fragile Lebensraum der Meeressäuger scheint fassbarer, die Wesen durch das neue Wissen vertrauter. An Bord waren die Tiere stets präsent: In den Büchern, in den Gesprächen mit Biologin Silvia Frey oder in den Videos, die sie abends auf einer improvisierten Leinwand gezeigt hat. Und uns wird klar: Ihr Schutz beginnt in unserem Alltag. Die Überfischung und das Meer aus Plastik lassen sich auch in einem Binnenland wie der Schweiz angehen.

Die Wale selber kreuzten unseren Weg nicht. Zumindest nicht für uns sichtbar. Wie oft sie unter unserem Schiffsbauch hochblickten, bleibt ihr Geheimnis.

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