Familieninterview

«Meine Oma warnte vor Sodom und Gomorrha»

Urs Fabian und sein Onkel Alois Winiger in Berlin auf der Elsenbrücke über der Spree. Im Hintergrund die Skyline von Berlin Treptow sowie (hinten rechts) der Molecule Man, jenes 30 Meter hohe Monumentalkunstwerk von Jonathan Borofsky. Die Skulptur besteht aus drei Figuren, sie symbolisieren das Zusammentreffen der Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow.

Urs Fabian und sein Onkel Alois Winiger in Berlin auf der Elsenbrücke über der Spree. Im Hintergrund die Skyline von Berlin Treptow sowie (hinten rechts) der Molecule Man, jenes 30 Meter hohe Monumentalkunstwerk von Jonathan Borofsky. Die Skulptur besteht aus drei Figuren, sie symbolisieren das Zusammentreffen der Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow.

In Berlin gebe es jede Menge Schauspieler, sagt Urs Fabian Winiger. Glücklicherweise könne er davon leben, was alles andere als selbstverständlich sei. Die Mischung von Engagements in Theater und Fernsehen machts möglich.

Kannst du dir vorstellen, lieber Urs, dass es einem graust, dich in einem Kriminalfilm sterben zu sehen?

Urs Fabian Winiger: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber andersrum habe ich es erlebt: Die Chefin einer Theaterkantine war stocksauer auf mich, weil ich ihren Lieblingskommissar ermordet hatte.

Meine Schwester hat sogar einmal den Fernseher ausgeschaltet. In jenem Krimi wollte dir einer den Teufel austreiben. Du warst an ein Kreuz gefesselt und man hat dir so viel Salz in den Rachen gestopft, dass du daran krepiert bist.

Ach so ja, jetzt wo du es sagst. Als ich zu Hause bei meinen Eltern im Allgäu war, hat mir eine Nachbarin – eine erzkatholische – erzählt, sie habe in jener Nacht nicht mehr schlafen können wegen der Vorstellung, mich am Kreuz sterben zu sehen.

Manchmal hat man eben Mühe, zu unterscheiden zwischen dem privat so umgänglichen und herzlichen Urs und jenem, der einen Verbrecher oder ruppigen Polizisten spielt. Übrigens: Würdest du auch gerne einen Serien-Kommissar spielen?

Hm, nein, ich glaube nicht. Wenn ich mir vorstelle, jedes Mal dieselbe Frage zu stellen: Wo waren Sie gestern Abend zwischen 22 und 23 Uhr? Nein, so wie es jetzt läuft, zwischendurch eine Rolle in einer Fernsehproduktion zu übernehmen, so ist es gut. Es ist auch gut für den Verdienst, denn man wird deutlich besser bezahlt als im Theater.

Wie stellst du um vom Urs auf der Bühne und dem Urs, wie du jetzt vor mir sitzt?

Manchmal wirkt etwas nach. Das kann auch bei einer Probe sein, so wie jetzt in einem Stück, in dem ich mich tüchtig aufregen muss. Heute haben wir in der Probe immer wieder unterbrochen, und so musste ich mich immer wieder neu hineinsteigern. Da kann es schon sein, dass du genervt bleibst.

Wie erholst du dich?

Mir hilft mein gutes Privatleben, sprich eine gute Beziehung. Da kann ich mich zurückziehen und mich wieder erden. Andere Schauspieler können oder wollen das nicht, die treiben sich dann ewig rum, sei es in Kneipen oder auf irgendwelchen Empfängen, damit man wahrgenommen wird und womöglich ein Engagement kriegt. Mir liegt das nicht, ich empfinde die Branche zum grossen Teil als recht hysterisch.

Du hast aber da auch mal reingeschnuppert. 1999 am Filmfest München hast du den Rising Movie Talent Award gewonnen und konntest dafür einige Wochen nach Hollywood. War das nicht sehr spannend?

Für eine Weile findest du das echt super, merkst aber bald, dass da sehr, sehr viel Show dabei ist. Wenn ich mir vorstelle, bei Empfängen oder Partys ständig in die Kamera lächeln zu müssen … – aber von wegen: Du hast ja als Fotoreporter gearbeitet. Hätte es dich nicht gereizt, auch mal auf so mondänen Empfängen Fotos zu machen?

Da habe ich es wie du. Es liegt mir überhaupt nicht. Mir macht es sogar Angst. Ich liebe die kleinen überschaubaren Reviere. Und ich will mich auch zurückziehen können in mein Privatleben. Wir haben überhaupt einige Gemeinsamkeiten.

Ja, stimmt. Du bist doch eine Zeit lang auch auf der Bühne gestanden, hast die Leute zum Lachen gebracht, mehrmals als Clown.

Das ist aber vier Jahrzehnte her.

Trotzdem. Ich habe mich übrigens schon oft gefragt, woher diese Gemeinsamkeiten kommen.

Wohl von zwei Seiten. In der Familie des Vaters sind sie musikalisch, da gibts fünf Schwestern, die als Winiger-Chörli auftreten. Meine Mutter hat in der Dorfkirche Orgel gespielt. Tagebuch geschrieben hat sie auch, meine Jugendsünden sind darin notiert. Apropos Sünde: Deine Oma befürchtete, du würdest in Zuständen von Sodom und Gomorrha versinken, wenn du Schauspieler wirst.

Ja, sie machte sich Sorgen und schrieb mir einen langen Brief, nachdem ich die Schauspielschule abgeschlossen hatte. Sie gratulierte mir zwar, aber warnte mich vor den Gefahren, die da überall lauern. Das kommt halt davon, wenn die Presse immer nur über die Skandale in der Schauspielerei schreibt. Dann haben alle das Gefühl, es sei überall so.

Bestand denn nie Gefahr für dich?

Gefahr nicht direkt. Aber es gab eine Zeit, da war ich anfällig, wusste nicht, was ich eigentlich will. Das war, als ich meine feste Stelle am Staatstheater Saarbrücken aufgegeben hatte. Da schaust du dich eben um und triffst auf allerhand Leute und Situationen. Ich muss sagen, dass ich viel Glück hatte und bald ein Engagement kriegte, in dem ich mich so richtig einbringen konnte.

Woran merkt man dann, dass man sich richtig eingebracht hat?

An einem kleinen Zeichen zum Beispiel. Das war recht lustig. Auf der Strasse hat mich ein Herr angesprochen und gesagt, ich hätte in Schillers Wallenstein eine Superleistung hingelegt. Ich erklärte ihm, dass ich da ja einen nicht mal drei Minuten langen Auftritt hatte. Der Herr sagte dann: «Ja, ja, ich weiss. Genau diese Szene meine ich.» Ein solches Kompliment bringt mir sehr viel. Es zeigt mir, dass die Botschaft angekommen ist.

Was hat dich eigentlich dazu getrieben, Schauspieler zu werden?

Ich habe schon als sechsjähriger Knirps auf der Dorfbühne mitgespielt. Der Ursprung liegt allerdings nicht im Theaterspielen, sondern dass ich es geschafft hatte, den Allgäuer Dialekt so zu sprechen, dass man nicht mehr merkte, dass ich aus München kam. Ich war drei Jahre alt, als ich mit einem Bruder und meinen Eltern ins Ostallgäu kam. Dort haben die Kinder mich nicht verstanden und ich sie nicht. Aber ich wollte dazugehören, also lernte ich den Dialekt. Als man mich dann fragte fürs Theater, dachte ich: Jetzt bist du dabei. Offensichtlich habe ich gut gespielt und stand dann öfters auf der Bühne.

Und als es dann ernst wurde mit der Schauspielschule, haben die Eltern dich dabei unterstützt?

Ja, voll. Besonders weil ich mir vorgenommen hatte, wenn schon, dann den Beruf richtig von Grund auf lernen. Was das Lernen angeht, nehmen meine Eltern alles sehr gründlich.

Irgendeinmal begannst du, deinen zweiten Vornamen Fabian hinzuzunehmen. Warum?

Das war, als ich in Amerika war. Keiner verstand meinen Vornamen, geschweige denn konnte er ihn einigermassen aussprechen. Es klang wie «Örs». Da stellte ich mich eben als Fabian vor. Ich habe dann beide Vornamen beibehalten. Es klingt doch ganz gut, oder?

Eine schöne Überraschung war, als du vor zwei Jahren für die Produktion des Theaters Biel-Solothurn von Shakespeares «Viel Lärm um nichts» in der Heimat deines Vaters auftauchtest. Wie kommt ein Schauspieler, der in Berlin lebt, in die Provinz?

Was heisst hier Provinz? Berlin besteht aus lauter Dörfern. Ich lebe mit meiner Partnerin im Bezirk Neukölln, der funktioniert wie ein Dorf, genauso wie Kreuzberg, wo meine Partnerin geboren und aufgewachsen ist.

Hat es dir gefallen in Solothurn?

Dieses Engagement zählt für mich zu den Highlights in meiner Karriere. Ich verdanke dies jenem «Dr. Zufall», den du im Zusammenhang mit deinem Lebenslauf schon öfter erwähnt hast. Zufällig traf die Regisseurin Katharina Rupp, eine Maskenbildnerin, die mich kennt, und so weiter. Die Produktion im Team war herrlich.

Ja, ich hatte wirklich das Gefühl, im gewitzten Benedikt jenen Urs zu sehen, den wir privat kennen. Und jetzt habe ich dich auf der Berliner Vagantenbühne mit schwerer Kost erlebt, in Franz Kafkas «Amerika».

Das ist ein recht grosses Kaliber, weil ich da alle zwölf Personen im Stück alleine darstelle. Das war aber so nicht geplant, das hat sich aus der Not ergeben.

Was mich schmunzeln liess: Neffe und Onkel spielen darin eine zentrale Rolle. Es klingt natürlich vermessen von mir, wenn ich annehme, du hättest das Stück extra für unser Treffen ausgewählt.

Nee, nee, schon nicht. Das hat der
«Dr. Zufall» so arrangiert.

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