Von einer Giftschlange gebissen werden – ein Horror-Szenario, das wir Schweizer höchstens aus Filmen oder von Reisen kennen. Hierzulande starb seit 1960 lediglich eine Person an den Folgen eines Schlangenbisses. Kobras, Taipane, Schwarze Mambas und Klapperschlangen sind in Europa nur in Zoos oder privaten Haltungen anzutreffen. Ganz anders ist die Lage auf den anderen Kontinenten. In Afrika und Australien zählen die Reptilien mit zu den grössten Gefahren für den Menschen. 2016 wurden weltweit über fünf Millionen Personen von einer Giftschlange gebissen, 125'000 starben. Tendenz steigend.

Auch wenn ein Grossteil der Schlangenbissopfer überlebt, beklagen viele verheerende Folgeschäden. Oft müssen den Opfern die Gliedmassen amputiert werden, in welche die Schlange Gift injiziert hat. Bei über 400'000 Menschen war dies 2017 der Fall. Auch hier gilt: Tendenz steigend.

In Afrika südlich der Sahara ist die Sorge besonders hoch. Seit der französische Pharmakonzern Sanofi im Jahr 2010 die Herstellung des populären Gegengifts «FAV-Afrique» aus finanziellen Gründen eingestellt hat, herrscht gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Versorgungsknappheit. Das Besondere an FAV-Afrique war, dass es nicht nur gegen eines, sondern gleichzeitig gegen die zehn häufigsten Gifte von Schlangen wirkte, die es auf dem Kontinent gibt. Seit das Verfalldatum der letzten Bestände von FAV-Afrique im Juni 2016 abgelaufen ist, hat sich die Lage weiter zugespitzt.

Die Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) ist in den betroffenen Ländern vor Ort und machte schon früh mit einer viel beachteten Medienkampagne auf die Problematik aufmerksam. Die WHO zog im Sommer 2017 nach und setzte Schlangenbisse auf die Liste der vergessenen tropischen Krankheiten. Ashok Moloo, Experte bei der WHO, nennt ein Beispiel: «Im November 2017 kam es in Nigeria zu einem dramatischen Anstieg der Todesfälle durch Schlangenbisse.» Bis zu 250 Menschen seien in drei regionalen Krankenhäusern infolge des Mangels an wirksamen Gegengiften ums Leben gekommen.

Harte Kritik an Hilfsorganisation

Eine andere Auffassung vertritt der Schweizer Gifttierexperte Karim Amri. Er besitzt 160 Giftschlangen und tourt mit einer Ausstellung durch die Schweiz. Amri will von einer Schlangenseren-Knappheit nichts wissen, bezeichnet die Medienkampagne der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» als «Beschiss». «Sie wollten medialen Druck aufsetzen, damit ihr Lieblingsprodukt FAV-Afrique von einem anderen Pharmaunternehmen hergestellt wird», sagt er.

Dabei gibt es gemäss Amri unzählige Alternativen, welche die Hilfsorganisation MSF einsetzen könnte. Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen: In Australien, Mexiko, Costa Rica und Südafrika stellen Pharmafirmen tatsächlich Antiseren gegen Gifte der häufigsten Schlangenarten von Afrika her. Karim Amri bilanziert: «Die propagierte Serum-Knappheit existiert nicht. Es ist ein Spiel auf Kosten der Menschen in Afrika, die
für die Forderungen Dritter herhalten müssen.»

Das sind happige Vorwürfe an die Adresse der WHO und der Hilfsorganisation MSF. Wurde eine Schlangenserum-Knappheit in Afrika wirklich nur erfunden, um Druck auf die Pharmabranche auszuüben? WHO-Experte Ashok Moloo widerspricht: «Es gibt Beweise dafür, dass Afrika unter einem gravierenden Mangel an nachweislich sicheren, wirksamen und bezahlbaren Gegengiften leidet.» Die Produkte, die derzeit verwendet werden, hätten nur einen geringen oder keinen nachweislichen Sicherheitsnachweis erbracht. «Die Gegengifte entsprechen nicht der Qualität, die für solche Produkte als geeignet erachtet wird», sagt Moloo.

Qualität stimmt nicht

Zurzeit werden von der Hilfsorganisation «Ärzten ohne Grenzen» zwei Gegengifte eingesetzt. Eines wird von einem Pharmaunternehmen aus Costa Rica produziert, das andere stammt von einem Impfstoffhersteller aus Südafrika. Doch kommen diese Gegengifte nicht an die Qualität von «FAV-Afrique» heran, sagt Gabriel Alcoba, medizinischer Sachverständiger für Schlangenbisse bei MSF Schweiz.

Es handelt sich also nicht um eine mengenmässige Schlangenserum-Knappheit wie von den «Ärzten ohne Grenzen» kommuniziert, sondern es mangelt an qualitativ guten Antiseren.

Das führt zu einem weiteren Problem. Afrikaner, die an die Voodoo-Medizin glauben, sehen sich in ihrer Überzeugung in alternativen Heilmethoden bestärkt. Dabei könne es sehr gefährlich sein, einen Giftschlangenbiss mit der Voodoo-Medizin zu behandeln, sagt MSF-Spezialist Gabriel Alcoba. «Die meisten Methoden sind nicht sehr nützlich und können den Transport zu einer Krankenstation mit Gegengift erheblich verzögern. Andere Kuren sind sehr gefährlich und können zu einem erhöhten Blutverlust führen.»

Ein wenig Hoffnung dürfte den Beteiligten vor Ort die Ankündigung von Sanofi machen. Anfang Jahr gaben die Franzosen bekannt, das Recht für die Herstellung des populären Gegengifts FAV-Afrique an das britische Unternehmen MicroPharm verkauft zu haben. Auf Anfrage dieser Zeitung bestätigte Ian Cameron, CEO von MicroPharm, dass man mit Sanofi einen Vertrag abgeschlossen habe. Wann aber das Gegengift tatsächlich wieder produziert und nach Afrika ausgeliefert wird, steht noch in den Sternen. Bis zu diesem Tag müssen sich die Afrikaner südlich der Sahara, die von einer Giftschlange gebissen wurden, mit alternativen Antiseren herumschlagen.