Lifestyle

Meditation statt Marathon: Achtsamkeit in den Teppichetagen der Grosskonzerne

Der Manager von heute setzt auf Achtsamkeit: Denn in der Stille offenbart sich die Quelle der Leistungsfähigkeit.

Der Manager von heute setzt auf Achtsamkeit: Denn in der Stille offenbart sich die Quelle der Leistungsfähigkeit.

Die Organisatoren des World Economic Forum boten täglich eine Morgen-Meditation an. Der Manager von heute ist kein drahtiger Langstreckenläufer mehr. Er setzt auf Achtsamkeit: Denn in der Stille offenbart sich die Quelle der Leistungsfähigkeit.

Eine Gruppe hochkarätiger Managerinnen und Manager sitzt da und tut nichts ausser ein- und wieder ausatmen. Ein tibetischer Mönch leitet sie an, sich zu entspannen, alle Gedanken zuzulassen, aber nichts zu bewerten. Und dann, als es der Mönch von ihnen verlangt, schütteln sie die Hände. Sie sollen so das Gepäck abwerfen, die inneren Belastungen, die sie nach Davos mitgebracht haben.

Die Organisatoren des World Economic Forum, das diese Woche über die Bühne ging, boten täglich eine halbstündige Morgen-Meditation an. Das kommt nicht von ungefähr. Die Achtsamkeitsbewegung hat nicht mehr nur junge Smoothie-trinkende Hipster und nach Goa pilgerne Alt-Hippies erreicht, sondern hält auch in den Teppichetagen der Grosskonzerne Einzug.

Die Spiritualität lässt man da ebenso gern beiseite wie die Räucherstäbchen. Und fokussiert sich auf das Wesentliche, das Rationale: Eine Vielzahl von Studien konnte nachweisen, dass Menschen, die regelmässig meditieren, zufriedener sind, besser schlafen und weniger häufig krank werden. Im Manager-Slang ausedrückt: «Mindfulness ist eine Schlüsselkompetenz, wenn es darum geht, leistungsfähig zu bleiben, Zeitdruck, wachsende Komplexität und eine hohe Arbeitsbelastung besser zu bewältigen», heisst es im Leitfaden einer Schweizer Firma.

Welcher ehrgeizige Manager kann da der Verlockung widerstehen, die Beine übereinanderzuschlagen, den Rücken durchzustrecken und tief ein- und auszuatmen, um ganz bei sich zu sein?

Einer, der den positiven Effekt der Meditation aus langer Erfahrung kennt, ist Tobias Karcher. Der Jesuit ist Leiter des Lassalle-Instituts oberhalb von Zug, das Führungskräfte in die Praxis der Achtsamkeit einführt. «Meditation hilft, sich neu auszurichten, sich auf seine Aufgaben und die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, zu fokussieren», sagt Karcher. Das sei notwendig, auch um anderen zuzuhören, sie wahrzunehmen und, darauf basierend, gute Entscheidungen zu treffen. «Dieses Gespür entgeht einem Manager, der immer nur aktiv ist», sagt der Jesuit.

Authentizität anstatt Charisma

Der typische Manager von einst war ein rundlicher Mann, der gern speiste und schon über Mittag Wein trank: schliesslich liessen sich an einer ausgiebigen Tafelrunde die besten Deals abschliessen. Längst wurde er vom drahtigen Typ abgelöst, der schon um fünf Uhr aufsteht und den Marathon unter dreieinhalb Stunden läuft. Leistung ist alles – und wer nicht fit ist, erbringt sie auch nicht im Büro, so die Devise. Der Manager von heute bewegt sich nicht nur gern, sondern kehrt eben auch in sich und meditiert. Statt Charisma strahlt er Authentizität aus. Statt seine Mitarbeiter ununterbrochen zu motivieren und anzutreiben, zeigt er vor allem Verständnis. Er ist nicht nur blitzgescheit, sondern verfügt auch über eine hohe emotionale Intelligenz.

Da wundert es nicht, dass der Grosskonzern Google auf die Kraft der Meditation setzt. Der chinesische Buddhist und Mitarbeiter Nummer 107 hat für den Konzern ein eigenes Achtsamkeits-Programm entwickelt. Mittlerweile ist der einstige Programmierer nicht mehr bei Google tätig, sondern eine Art Meditations-Guru und Autor des Bestsellers «Search Inside Yourself». Google bietet seinen Mitarbeitern nach wie vor Meditations-Kurse an, auch in Zürich. Das Unternehmen betont aber, dass es jedem freigestellt sei, mitzumachen.

Schweizer Firmen im Trend

Auch Schweizer Firmen wollen die Vorteile der Meditation nutzen. Die Swisscom etwa führt «Mindfulness Meetings» für verschiedene Teams durch und lädt Führungskräfte zu mehrtägigen Achtsamkeits-Seminaren ein. Die Axpo bietet einen Workshop an, der auf den neusten neurowissenschaftlichen Untersuchungen basiere und Achtsamkeit mit einem Training der emotionalen Intelligenz verbinde. Und bei der Helsana können die Mitarbeiter dreimal wöchentlich an einer geleiteten Meditation teilnehmen, «um dem stressigen Alltag für einen kurzen Moment zu entkommen und dadurch das Wohlbefinden und die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern».

Achtsamkeit lässt sich bestens ins kapitalistische System eingliedern. Wer gut für sich sorgt, ist leistungsfähiger und effizienter. Dennoch glaubt der Jesuit Karcher nicht, dass sich die Achtsamkeit einfach so instrumentalisieren lässt: «Auch wenn das Unternehmen von zufriedenen Mitarbeitern profitiert, so profitiert der Mitarbeiter zuallererst selbst von seiner Zufriedenheit.» Ausserdem berge das In-die-Stille-Gehen, wie es Karcher nennt, auch Risiken. «Wenn man ganz bei sich selber ist, werden sich Dinge zeigen, die man verdrängt hat, die unangenehm sind.» Damit müsse man umgehen, sie verändern – oder sich damit versöhnen. Und die Unternehmensleitung muss damit rechnen, dass die Mitarbeiter danach vielleicht nicht mehr dieselben sind.

Seine Meetings beginnt der Jesuit immer mit einem Moment der Stille, mit einigen Sekunden des Nichtstuns. Manager, die es ihm gleichtun, erleben dabei vielleicht Dinge, die sie so nicht erwartet haben. Auf jeden Fall sei Stille nichts für Feiglinge.

Meistgesehen

Artboard 1