Entspannung

Meditation ohne Om: Das grosse Geschäft mit der Gelassenheit

Entspannung, wo es grad passt: Die von allen Ideologien befreite Meditation wird heute nach Bedarf genutzt.

Entspannung, wo es grad passt: Die von allen Ideologien befreite Meditation wird heute nach Bedarf genutzt.

Meditation ist nicht nur ein grosses Geschäft geworden, sie ist auch ein Universalheilmittel der hektischen Gesellschaft. Aber bitte ohne das religiöse Zugemüse.

Ich will gelassener werden. Das nehme ich mir schon lange vor. Aber erst vor zwei Monaten habe ich es endlich geschafft, die Meditations-App Headspace auf mein Smartphone zu laden. Jeden Tag stehe ich seither 20 Minuten früher auf als sonst, öffne schlaftrunken die App und versuche, das zu machen, was mir die klare Männerstimme mit britischem Akzent sagt: «Konzentriere dich auf deinen Atem.» Anfangs war das unmöglich. Allein das blosse Dasitzen und Nichtstun war eine Quälerei. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, war mein Geist nicht still, wie er sollte. Viel lieber schrie er wie wild herum: Soll ich nun doch ein Kissen holen? Nein, sei jetzt still. Heute muss ich endlich meine Ferien planen. Wer kommt wohl mit? Ruhe jetzt! Habe ich gestern das Mail abgeschickt? Mist ...

Fünf Millionen Menschen auf der ganzen Welt nutzen Headspace. Dennoch ist das nur ein Bruchteil aller Leute, die meditieren. Meditation ist hip, die Nachfrage nach Büchern, CDs und Kursen gross. Alleine beim Buch «Gesund durch Meditation» des Achtsamkeitsgurus Jon Kabat-Zinn hat sich der Absatz von 2013 auf 2014 fast verdreifacht und ist laut dessen Verlag Droemer Knaur seither auf einem hohen Niveau stabil geblieben. Ähnlich klingt es beim Meditationszentrum Beatenberg auf Anfrage. Das Haus sei immer wieder ausgebucht. Mehr noch: Die Nachfrage nach den Kursen sei in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass sie die Interessierten «immer öfter auf die Wartelisten setzen» müssten.

Die Krankenkassen springen auf den Zug auf. Die Swica zahlt je nach Zusatzversicherung bis zu 500 Franken an Meditationssessions von Anbietern, die auf ihrer Liste stehen. Und: Mittlerweile öffnen sogar Credit Suisse, Lonza oder Bank Bär den Meditationsprofis die Tür, um allfälligen Burnouts der Angestellten zuvorzukommen.

Meditation ist in der Masse angekommen. Das zeigt ein Blick auf Google-Trends. Vergangenes Jahr wurde mehr als 30 Millionen mal das Wort «Mindfulness» – Achtsamkeit – gegooglet. In den letzten sechs Jahren haben sich die Abfragen nach dem Wort verdreifacht. Das ist kein Zufall. Den Trend traten die Techies von Facebook, Google und Co. aus dem Silicon Valley los. Sie hatten die Achtsamkeits-Meditation – als eine von vielen Meditationsarten – als Ausgleich zum stressigen Job entdeckt. Etwas später kam der Trend in der Schweiz an. Bis heute kauen hierzulande gestresste Banker, Sekretärinnen und Lehrer im Rahmen von Achtsamkeitsseminaren auf getrockneten Rosinen herum. Sie sollen dem Duft, Geschmack und der Konsistenz der Frucht gewahr werden. Und später auch im Alltag sich selbst besser wahrnehmen können.

Nur der Einstieg ist gratis

Zum Nulltarif aber gibts das bisschen weniger Stress meist nicht. Jedenfalls nicht für solche wie mich, die auf einen Meditationsführer angewiesen sind. Meditation ist «big business», laut US-Wirtschaftsmagazin «Inc.» sogar ein milliardenschweres. Das bekam ich durch die App Headspace zu spüren. Zehn Tage lang sprach Gründer und Ex-Mönch Andy Puddicombe zu mir. Erklärte, dass es okay sei, wenn ich abdrifte, und dass das weniger werde. Zehn Tage, in denen ich mich an seine beruhigende Stimme gewöhnt habe. Am elften Tag wollte Andy Geld. 90 Franken fürs Jahr oder unbeschränkt 450 Franken. Klar, zahlte ich. Ich wollte meine neu errungene Disziplin und Andy nicht verlieren.

Das kommt Headspace entgegen. Für die Unternehmer läuft es gut. Der Jahresumsatz beträgt 50 Millionen Dollar. Und das renommierte Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt dessen Wert auf 250 Millionen Dollar. Tendenz steigend. Die Macher wollen mehr, mehr User auch. In Zukunft soll die Session Hunderte von Millionen Menschen erreichen, wie kürzlich einer der Gründer gegenüber «Forbes» sagte. Und sie wollen mehr Nutzer-Daten. Damit sie das Angebot künftig den Usern auf den Leib schneidern können. Registriert die App künftig also, dass sich ein flugängstlicher Headspacer einem Flughafen nähert, poppen auf dessen Smartphone Meditationssessions gegen Ängste auf.

Bei all dem fragt man sich: Warum ist diese App so erfolgreich? Es geht halt praktisch und schnell. Wir sind gewohnt, auf Facebook neuen Basteltechniken zuzusehen, uns via Instagram von einem Gericht inspirieren zu lassen und Google auch für Krankheits-Diagnosen zu nutzen. Bei Headspace nach Bedarf etwas Meditation zu holen, ist einen Fingerdruck entfernt. «Eine solche App ist naheliegender, als zu einem Therapeuten, Priester oder Heiler zu gehen», sagt Rafael Walthert, Religionssoziologe der Universität Zürich.

Weg vom religiösen Ursprung

Auffallend ist zudem: Der App fehlt es an Spiritualität, an religiösen Bezügen. Andy Puddicombe ist kein religiöser Führer, kein Guru. Zwar verbrachte er einige Jahre in Tibet. Längst hat er die Klause aber verlassen und präsentiert sich in US-Abendshows als erfolgreicher Unternehmer: athletisch, braun gebrannt, im schicken Hemd und trendigen Jeans.

Die Ursprünge der Meditationsübungen liegen im Buddhismus, in der religiösen Erleuchtung. Eine unendliche Reise eigentlich. Headspace nimmt die Abkürzung. Denn heute ist Zeit rar und das Bedürfnis nach schneller Abhilfe gross. Abhilfe bei Stress, Trauer, Ängsten, Schlafproblemen, Depressionen, Krebs oder Schwangerschaftsbeschwerden.

«Diese Loslösung von allen religiösen Bezügen ist neu», sagt Rafael Walthert. Und sie ist Teil des Erfolgs, sie trifft einen Nerv der Gesellschaft. «Die Menschen wollen sich nicht mehr zu einer religiösen Weltanschauung bekennen, sie wollen sich nicht mehr verpflichten.» Sie suchen nach unverbindlichen Lösungen gegen ihre Zukunftsangst, Versagensangst und das Gefühl von Sinnlosigkeit im Leben. Meditation als reine Technik kommt da gelegen.

Nichts erinnert an Esoterik oder Religion: Die Meditations- App Headspace verwendet bunte Männchen.

Nichts erinnert an Esoterik oder Religion: Die Meditations- App Headspace verwendet bunte Männchen.

Spontane Dosis Ruhe im HB

Davon profitiert auch Now Meditation am Zürcher Hauptbahnhof. Wer spontan eine Dosis Gelassenheit braucht, setzt sich dort für 20 Minuten aufs Kissen. Geführt oder für sich allein. Drop-in heisst das Konzept und ist neu in der Schweiz. Das läuft laut Geschäftsführer Philipp Schmid gut. Das Studio eröffnete vor fünf Monaten und zählt bereits viermal so viele Gäste wie noch im ersten Monat. Räucherstäbchen, Buddhafiguren und Gebetsketten – das sucht man hier vergebens. «Wir fokussieren bewusst nicht auf Spiritualität, auf das Übernatürliche», sagt Schmid. Vermittelt werden die reinen Meditationstechniken. «Wir betrachten Meditation als aktive Geistesübung für innere Ruhe, Gelassenheit und Klarheit.» Schmid nennt es auch: Mindfitness – Fitness für den Geist.

Geht es nach Rafael Walthert, haben solche Angebote «Opiumcharakter». Die Gelassenheit, die wir nach den Meditationssessions verspüren, lässt uns vergessen, dass sie vor allem eines tun: den westlichen Lifestyle bestätigen. «Sie erlauben es uns, auf dem Weg, der uns den Stress beschert hat, weiterzugehen. Ohne etwas grundlegend zu ändern», sagt Religionssoziologe Walthert. Für ihn steht aber auch fest: «Die neuen Angebote werden noch lange Erfolg haben.» Gerade weil sie sich so gut in den westlichen Alltag einpassen. Entgegen dem, worauf Meditation eigentlich basiert: Für buddhistische Mönche war Meditation gerade ein Rückzug aus der Welt. Und keine Therapie, um in der hektischen Welt besser zu funktionieren.

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