Unisex-Debatte

Mann und Frau, wollt ihr ewig das Genderschwert schwingen?

Die aktuelle «Genderdiskussion» gewährt Einblick in eine gesellschaftliche Verschiebung – ein Essay.

«Irgendwas Schreckliches muss passiert sein!» Mit dem Ausruf versehen, irrlichterte in den vergangenen Tagen eine Bildkombination durch die Sozialmedien, wie sie rechts zu sehen ist. Mann und Mann – und doch trennen die beiden Welten. Es sind vor allem Damen, die sich entsetzt geben. Links der Klassiker, der in Nizza, Monte Carlo und Taormina beste Figur machte, irgendwie aber auch nur vorgestern. Und der Heini, den man heute wie ein Kaninchen in die Disco schubst: androgyn, urban Gardener, multi-allergie-euphorisch.

Nun hat die Frau auch heute die Wahl und kann den Narr oder Popanz gnadenlos aus ihrer Wahrnehmung schneiden. Wer von beiden hier die Witzfigur ist, lassen wir natürlich offen. Jeder hat das Recht, sich selber zu blamieren – davon wird heute ja gnadenlos Gebrauch gemacht. Und zuletzt ist «halt alles irgendwie Mode». Soll man darüber ein Wort verlieren? Vielleicht müsste man zum Inbegriff der Widerstandslosigkeit – Mode – stets diesen Gedanken fügen: Mode ist noch kein Stil.

Befassen wir uns lieber mit dem, was Kleider bloss verbergen – mit dem nackten Affen. Auch damals – auf den Apfelbäumen, nicht darunter – waren die Unterschiede unerheblich. Mithin nur mässig spannend. Hingegen «verschmachtete» man alle naselang im streng bürgerlichen Salon. Da genügte jeweils der Dame ein «Fussblitzer», um einen romantischen Galan aus der Fassung zu bringen, die wieder zu erringen ihm nur gelang mit einem Schwall von Sonetten oder Sonaten.

Im gleichen, angeblich so streng auf Geschlechterkorsetts fixierten Zeitalter war es auch Usus, Knaben bis zu einem gewissen Alter als Mädchen zu kleiden. Doktoren für Hysterie, die sich unweigerlich entwickelte, erklärten, Bub und Göre trügen eben lange noch beide Teile mit sich, mindestens bis zur Pubertät, sozusagen als Seelen-Smoothie.

Heute kann jeder Kerl, arschcool beim siebten Glas Biowein unter Veganern, bis auf die Promille genau bestimmen, wie viel «feminine Anteile» sein Ego aufweist. Daran, dass diese Anteile ihn bereichern, nicht etwa behindern, ist der Typ gut beraten, felsenfest zu glauben, dogmatischer noch als ein Katechet an die Unfehlbarkeit des Papstes.

Weiblich Welt erfühlen, männlich Welt erklären oder umgekehrt – keine Ursache: darf ruhig alles so mixed-up sein, wie es höllisch oder himmlisch verwirrend immer schon gewesen war. Jedenfalls, wenn man genauer liest, was die Leute über Geschlechterkerker und Geschlechterfreigang berichtet haben. Wer dieses Wolkenartige innen gegen aussen aber etwas konturieren will, nach der Skizze der «Tradition», dem sei die Freiheit ebenfalls gegönnt. Es ist nicht nötig, ihn sofort als Genderketzer und Hexer zu grillen auf dem Scheiterhaufen der Social Media, dem bevorzugten Tribunal global vernetzter Pharisäer.

Die «Genderdiskussion» gewährt Einblick in eine Verschiebung. Auch die Tektonik der Seele verschiebt sich langsam in der Zeit. Auch dagegen lässt sich nichts ausrichten, ausser das Verschieben zu beobachten und im Langzeitraum zu werten. Auf lange Sicht ist es fair und richtig, rücken Frauen die Dinge langsam zurecht. Sie jahrhundertelang unter den Mann zu stellen, war unfair und ungerecht. Es ist heute noch falsch in Arabien und darum eines Tages auch dort nichtig.

Nur «schwinge das Pendel jetzt übertrieben in die andere Richtung»? Ach Gottchen, welche Überraschung! Sollte es im Verhältnis zwischen Mann und Frau tatsächlich um ein «Machtpendel» gehen, dann hört das «Unverhältnismässige» von allein irgendwann wieder auf und wird – vorübergehend – «verhältnismässig». Schätzungsweise in hundert Jahren. So lange frisst der Mann jetzt halt Kreide und heult sich ins Poschettli.

Subkutan bilden wir Gender-Homogenität und Gender-Differenz bis ins Alter biografisch nach. Indem wir zuerst als Kinder querbeet spielen, dann aus Gründen, die wir im Letzten nicht begreifen, fiebrig auf Pseudodistanz zum anderen Geschlecht gehen, nur um kurz darauf desto brennender ineinanderzustürzen, danach abkühlend wieder auseinanderdriften, was schliesslich, neo-kindlich, in die Gender-Geschwisterlichkeit des Alters mündet.

Das alles ist schwer zu durchdringen. Eines aber ist sicher: Die Metapher vom «Machtpendel» zwischen den Geschlechtern ist falsch. Falls etwas «schwingt» zwischen uns, sind es Rhythmen, Wolken, Schleier. Da tiefer hineinzublicken, uns auch tiefer hineinzubegeben, würde beiden weiterhelfen, statt als Rasender Roland und Jeanne d’Arc das Schwert im tausendjährigen Genderkrieg zu schwingen.

Gegenseitiges Erkennen läge näher am Frieden. Erkennen schon näher an der Liebe. Und wäre – by the way – auch entschieden sinnlicher.

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