Um Wildschweine zu erlegen, muss Benjamin Bichsel nicht selbst mit der Jagdflinte auf die Pirsch gehen. Das wäre auch nicht so sein Ding. Schliesslich werden jährlich Tausende dieser Waldbewohner geschossen, allein ein Drittel davon in der Nordwestschweiz. Ihn interessiert nicht das Fleisch, sondern ihre Haut. Also klappert er Metzger und Jäger ab, die froh sind, dass jemand das Leder der geschossenen Wildschweine verwertet.

Die Idee kam dem 24-Jährigen im Rahmen einer Projektarbeit zum Thema Leder während seines Studiums zum Industrial Designer an der FHNW. Er stellte fest, dass die Häute der Schweine vernichtet werden, da sie meist Unregelmässigkeiten und Narben aufweisen. «Oft wird deshalb Leder aus dem Ausland importiert, das unter teilweise bedenklichen Arbeitsbedingungen und wenig umweltverträglich produziert wird», erklärt Bichsel. Ihm war es ein Anliegen, einheimisches Leder zu nutzen und es von A bis Z in der Schweiz zu verarbeiten. «Und für mich ist es ein Mehrwert, wenn man dem Leder ansieht, dass es gelebt hat.»

320 Franken

«Sanglier» nennt Bichsel seine Taschen, von denen jede ein Unikat ist und 320 Franken kostet. «Sie sind so individuell, wie die Tiere es waren.» Das Leder dafür lässt er pflanzlich in einer der letzten Gerbereien in der Schweiz in Steffisburg gerben. Zugeschnitten und genäht werden die Taschen im Kleinbetrieb «Die Sattlerei» in Basel. Bewusst hat Bichsel das Design einfach gehalten, damit die Besonderheit des Materials im Vordergrund steht. Ein Tier ergibt nur gerade eine Tasche. Sie wird aus einem Stück Leder geschnitten und mit bloss einer Naht genäht. Im Innern steht auch, wo sie gegerbt und wo das Tier geschossen wurde. Getragen werden kann «Sanglier» als geräumige Tote-Bag, in der auch ein Laptop oder A4-Blöcke Platz finden, oder als Rucksack.

Nie ein Massenprodukt

Noch muss man sich allerdings für die schlichten, praktischen Taschen etwas gedulden. Erst diesen Herbst sind sie wieder lieferbar. «Es ist nicht so einfach, an die Tierhäute zu kommen», sagt Bichsel. Zwar konnte er sich inzwischen ein Netz an Lieferanten aufbauen, dennoch sei das Beschaffen des Leders die aufwendigste Arbeit. «Ein Massenprodukt werden sie nie werden.»

Inzwischen hat Benjamin Bichsel sein Studium in Basel abgeschlossen und arbeitet für die Einrichtungs-Werkstatt Sitio in Zürich. Bereits experimentiert er an weiteren Produkten wie etwa Portemonnaies aus Reh-Leder. «Die ersten Tests sind zufriedenstellend», sagt er.

Weitere «Sanglier»-Modelle in anderen Grössen sollen dereinst auf den Markt kommen. Nicht zuletzt dank dem Preis von «Innovation Basel» – einer durch die Basler Zünfte und Ehrengesellschaften geförderten Ideenbörse –, den Bichsel für sein «Sanglier»-Projekt erhalten hat. «Das Preisgeld werde ich in die Weiterentwicklung investieren.»