Steinmonumente

Machte die Religion den Jäger zum Bauern?

Jenseits-Vorstellungen motivierten zum Monumentalbau – dabei «ergab sich» die Landwirtschaft.

Es ist irgendwie bezeichnend, dass der wohl folgenschwerste Wendepunkt in der Entwicklung der Menschheit nicht ganz korrekt bezeichnet wird. Man sagt «neolithische Revolution», dabei haben die Ereignisse wenig oder nichts mit «Steinzeit» zu tun. Und auch «Revolution» ist kaum zutreffend. Die Umstellung der Lebensweise vom Jagen und Sammeln zum Hirten und Pflanzen war nicht schlagartig, sondern ein länger andauernder Prozess und dürfte einige Zeit beansprucht haben.

Weitgehend einig ist man sich aber darin, dass das eine gute Sache war. Wenn der Landmann am Abend nach getanem Tagewerk auf dem Bänklein sitzt und sinniert, übertreffe diese Behaglichkeit und Sicherheit das gefährliche und immer gefährdete Leben des Jägers und Sammlers um Längen. So dachte man. Bis gewiefte Anthropologen die Rechnung machten und trotz aller Bemühungen immer aufs Gegenteil kamen.

Der pflanzende und hegende Landmann arbeitet nicht nur länger, er ist den Gefährdungen des Lebens auch ungleich ausgesetzter. Das Risiko, auf einen Schlag – durch eine Unwetter-Katastrophe zum Beispiel – gleich alles zu verlieren, hat der Jäger und Sammler nicht. Man findet immer etwas zu essen, versichern Angehörige von Ethnien, welche diesen Lifestyle immer noch pflegen, einhellig.

Warum beging denn die Menschheit diesen folgenschweren Fehler, ohne den es die industrielle Revolution und all die Konsequenzen bis zum Klimawandel nicht gegeben hätte? Zur Sesshaftigkeit gehört auch Viehzucht. Anstatt den Tieren nachzurennen, ist es doch zweifellos bequemer, sie um sich zu haben? Die Antwort ist bestechend, aber auch nicht unproblematisch. Die Tiere müssen versorgt werden, brauchen Weiden, und das Risiko von Seuchen – für Mensch und Tier – steigt.

Richtig ist wahrscheinlich, dass der Mensch mit Tieren koexistierte, bevor er pflanzte. Aber wahrscheinlich folgte er ihnen (oder lauerte ihnen auf ihren jahreszeitlichen Wanderungen auf), bevor er sie in Ställe sperrte. Plausibel wird diese Hypothese auch dadurch, dass es herdenbildende Grasfresser wie Rinder waren, die der Mensch zu domestizieren begann. Einzelflüchter wie Hirsche waren dafür weniger geeignet. Bevor er Agrikulteur wurde, war der Mensch Nomade.

Sesshaftigkeit vor Ackerbau

Die Sachlage wird dadurch nicht wirklich klarer. Die Archäologie macht sie noch komplizierter. In Anatolien gruben die Menschen Kultstätten in die Hänge, mit Pfeilern aus tonnenschweren Steinen. Göbekli Tepe ist das eindruckvollste Denkmal – und seine Erbauer waren offenbar (noch) nicht Pflanzer. Auf den Steinen finden sich Abbildungen von Tieren (vor allem Rinder). Bisher war die Lehrmeinung, dass Gesellschaften, die zu so anspruchsvollen Bauwerken imstande waren, bereits sozial hinreichend organisiert sein mussten. Die vielen Arbeitskräfte zu ernähren ging nicht ohne Landwirtschaft. Leider sind die anatolischen Kultstätten weit älter als die Landwirtschaft.

Erich von Däniken behauptete einst, ohne ausserirdische Hilfe von «Göttern» hätten die Frühmenschen diese Steine gar nicht bewegen, geschweige denn aufeinanderstapeln können. Die UFO-Götter können wir mittlerweile vergessen, die konnten das schon ohne sie. Aber das erklärt natürlich noch nicht, warum sie es taten. Und die viele Freizeit, die sie durch den organisierten Ackerbau hätten gewinnen sollen, gibt es jetzt auch nicht.

Wir haben also diese vielen Megalith-Denkmäler im Nahen Osten und Europa, deren Bau (Göbekli Tepe) schon um 10 000 v. Chr. einsetzt. Die auffälligsten Beispiele sind in der Bretagne (dort vor allem die Menhire und die Steinreihen von Carnac) und auf den Britischen Inseln (Stonehenge – das Steinzeit-Monument schlechthin).

Was bleibt noch als Motivation, solche Steinmassen zu bewegen? Das «materialistische» Argument fällt weg. Der englische Archäologe Steven Mithen (der mit den «Singenden Neandertalern») äusserte eine Vermutung, die den Sachverhalt sogar umkehren würde: Die religiösen Ideen, die sich in den Steinbauten verkörpern, könnten erklären, wie es zur Landwirtschaft kam.

Religion hilft immer, wenn sonst nichts hilft. Man darf die Idee aber nicht vorschnell abtun. David Lewis-Williams, der Spezialist aus Südafrika für Höhlenmalerei und die Ethnologie der San, folgt ihm. Der Ansatz klingt allerdings hochspekulativ: Unser «Geist» äussert sich in Verhaltensweisen, die man auf neurologische Sachverhalte zurückführen kann.

Das menschliche Gehirn funktioniert auf einer fundamentalen Basis «kulturunabhängig», behaupten Lewis-Williams und Pearce. Bestimmte Grenzerfahrungen des Bewusstseins (Tagträume und ähnliche Zustände) finden sich universal, und sie lassen sich «religiös» interpretieren. Das wird mit allen möglichen Vorbehalten abgehandelt und wird im Fortgang der Lektüre immer plausibler.

Das Jenseits nachbauen

Religiöse Vorstellungen brachten die neolithischen Menschen dazu, Steinmonumente zu bauen, so die These. Ein interessanter Hinweis kann sie erweitern: Rund 30 Kilometer von Göbekli Tepe liegen die Karadacag-Hügel. Dort fanden sich Reste von Getreide, die DNA-Analyse deutet darauf hin, dass es die Urform des domestizierten «Einkorn» war. Mithens Hypothese: Um die vielen Arbeiter zu ernähren, mussten Grassamen in erheblicher Menge gesammelt werden. Einige fielen zu Boden und sprossen. Einigen Menschen fiel das auf. Menschen ahmen nach.

Unsere Vorstellung des Kosmos ist von mathematisch-naturwissenschaftlichen Ideen inspiriert. Aber welche Frage stellt sich, wenn man vom «Urknall» redet? Richtig: Und was war vorher? Lässt man das Bewusstsein «baumeln», machen viele Menschen ähnliche Erfahrungen: Sie fliegen, sie treten aus ihren Körpern, sie durchschreiten Tore, sie fühlen sich «ausserhalb» dieser Welt, wie im Tod. Das führt (oder kann führen) zu einer Kosmosvorstellung mit verschiedenen Ebenen. Die Realität (der Lebenden) wäre nur eine.

Auf diese Art «religiös» inspirierte Bauwerke inszenieren «das Jenseits» hier unten. Die Grundzüge der «Megalith»-Kultur sieht Peter F. Tschudin bei den Batak und Toraja in Indonesien noch vorhanden. Sie praktizieren einen Ahnenkult, der die Toten eine Art «Karriere» durchlaufen lässt. Sie müssen nicht nur mehrfach umgebettet, sondern auch mit aufwendigen Festen für das nächste Stadium «vorbereitet» werden, bis sie in ihrer Position im Himmel angekommen sind.

Die Grabhügelanlagen mit den verzierten Orthostaten (Gavrinis, die Boyne-Monumente auf Irland) sind Eingänge zur «Unterwelt» (oder Jenseits-Stadium I), die Henge-Anlagen (Stonehenge und andere Steinkreise) lassen sich als Fest- oder Opferplätze interpretieren. Auch in den «Totenbüchern» des Pharaonenkults finden sich Spuren dieser Vorstellung.

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