PRO: «Ach, ist sie nicht zum Sterben schön, unsere Schweiz»

Der Tatort aus Luzern war ein plumper Imagefilm fürs Sterbehilfe-Land Schweiz. Noch schlimmer: Er war todeslangweilig.

Der Luzerner Tatort vom letzten Sonntag war eine versuchte Tötung mit der Moralkeule. Aus jeder Minute triefte es, das Moralin. Aus jeder Einstellung sprach der Wunsch der Filmemacher, dem deutschen und österreichischen Publikum vor Augen zu führen, wie liberal und offen die moderne Schweiz – vertreten durch zwei aufgeklärte Polizisten – gegenüber der Sterbebegleitung eingestellt ist. Würdest du denn im Altersheim dahinsiechen wollen und niemand besucht dich, fragte die Kommissarin suggestiv, während dem ausländischen Suizidkandidaten nichts anderes übrig blieb, als sich auf der Autobahn aus dem Wagen zu werfen. Ach ist sie nicht zum Sterben schön, unsere Schweiz. Nicht einmal ableben lässt einem die EU in Freiheit!

Nun ist es ja löblich, dass sich der Schweizer Tatort der Tradition gesellschaftlich relevanter Krimis annähern will. Und das Thema «Freitod-Tourismus» würde sich auch bestens eignen, denn es ist ein spezifisch schweizerisches Thema mit internationaler Ausstrahlung. Und davon gibt es ja auch nicht gerade viele. Doch solange die Grautöne nur im Bild, nicht aber im Drehbuch vorkommen, wird das spannungsreiche Thema zum reinen Bühnenbild für eine weitere uninspirierte Tatort-Folge aus Luzern.

Schade. Freitod-Begleitung wäre ja auch in der Schweiz ein durchaus umstrittenes Thema (Stichwort Dignitas), doch die einzigen, die im Tatort kritische Fragen stellten, waren ein schlecht gecasteter christlicher Fundamentalist und ein psychisch gestörter Deutscher. Und ausserdem vergassen die Drehbuchautoren ob all der gesellschaftlichen Relevanz, dass zu einem Tatort eben auch noch eine spannende Geschichte gehört. Wie schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» doch so treffend: «So stirbt man durch Langeweile».

Ja, dieser Tatort war ein verkappter Imagefilm fürs Sterbehilfeland Schweiz. Nur: Erfolgreiche Werbung braucht Aufmerksamkeit. Und die fehlt dem Schweizer Tatort – zumindest im Ausland. Auch diesen Sonntag schauten wieder gerade einmal 6,74 Millionen Lebende den Tatort übers Sterben. Marktanteil 19,6 Prozent. Das ist die schlechteste Quote seit zwei Jahren. 

Benno Tuchschmid
Stv. Leiter Redaktion Kultur

KONTRA: «Sterben im Getto – und das soll Marketing sein?»

Immer feste auf den Schweizer «Tatort». Die wiederkehrende Kritik langweilt nicht nur – nein, sie nimmt absurde Züge an.

Der Schweizer «Tatort» ist ein Punchingball. Immer feste drauf, von allen Seiten. Miese Schauspieler, schwache Dialoge, dünne Story. Vernichtende Kritik auf einen Schweizer «Tatort» ist so vorhersehbar wie Feuerwerk am 1. August. Die jüngste Episode «Freitod» bezeichnet die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» als «statischen Debattenfilm», bei dem die Gefahr bestehe, sich «zu Tode zu langweilen». Auch in der Schweiz kommt «Freitod» nicht gut weg. Freilich kommt der Film erst nach Anlaufschwierigkeiten in die Gänge, ist Reto Flückiger (Stefan Gubser) in früheren Folgen weniger schlecht und bleibt Liz Ritschard (Delia Mayer) eine Ermittlerin mit unbekanntem Hintergrund. Nebenbei wird der Schweizer «Tatort» latent als Touristenfalle verschmäht. Doch nach «Freitod» wirds absurd: Der Film soll ein Werbevehikel für den Sterbetourismus sein.

Eine Jugendstilherberge am Vierwaldstättersee. Ein pittoresker Garten, der sich bis ans Ufer erstreckt. Eine Schweizer Fahne im Wind. Ein Schwanenpaar im Vordergrund, dahinter ein paar Segelboote, noch weiter hinten der Pilatus. Und vor allem Ruhe. Heile Schweizer Welt zum selbst gewählten Abschied. Eine Szenerie, wie man sie sich für «Freitod» durchaus vorstellen könnte. Erst recht, weil der «Tatort» in der Touristenmetropole Luzern spielt. Doch die Macher haben dieser Verlockung widerstanden, falls es für sie überhaupt je eine Verlockung war. Stattdessen wird in einem heruntergekommenen Mietshaus in einer unvorteilhaften Umgebung irgendwo in Luzern gestorben. Notabene in einem Zimmer, in dem einzig der husch, husch arrangierte Blumenstrauss ein schwaches Gefühl von Behaglichkeit vermittelt. Aber weit und breit kein See, kein Pilatus, keine Kapellbrücke. Nur Beton. Tristesse statt Hochglanz.

Und dann der Strang mit dem Österreicher. Krebs im Endstadium. Doch als er nach Luzern reist, darf er nicht sterben. Zumindest nicht in der Wohnung der Sterbehilfeorganisation «Transitus». Die Polizei hat etwas dagegen. «Wollen Sie mir das Sterben verbieten?», klagt der Österreicher den selbstverliebten, geldgierigen Leiter von «Transitus» an. Weil er nicht in der «Transitus»-Wohnung einschlafen darf, legt sich der Österreicher auf die Autobahn. Und das soll Marketing für den Sterbetourismus sein? Mit Verlaub!

François Schmid-Bechtel
Ressortleiter Sport