Stimmungsschwankung

Liebe Männer, deshalb sind eure Frauen vor der Periode so aggressiv

Manche Frauen sind vor der Periode oft hochaggressiv.

Manche Frauen sind vor der Periode oft hochaggressiv.

Viele Frauen leiden vor den Tagen nicht nur unter Stimmungsschwankungen, sie werden hochaggressiv. Was ist der Grund dafür?

Wenn sich die liebreizende Gattin plötzlich in einen Drachen verwandelt, machen Männer gerne die Hormone dafür verantwortlich. Den Satz: «Na Schatz, kriegst du deine Tage?», kennt wohl jede Frau. Doch nicht jede – und auch nicht jeder – kann über solche Sprüche lachen. Denn während viele Frauen vor ihrer Periode über Wassereinlagerungen oder Heisshunger klagen, kämpfen einige mit schweren psychischen Symptomen, sind reizbar, teilweise hochaggressiv: Sie leiden an der schwersten Form des prämenstruellen Syndroms (PMS), der sogenannten prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS).

«Frauen mit PMDS erleben sich in der zweiten Zyklushälfte als anderer Mensch: Sie tun oder sagen Dinge, von denen sie genau wissen, dass sie falsch sind. Im Extremfall schlagen sie ihr Kind, schreien ihren Partner an, werfen mit Gegenständen», sagt Anke Rohde, Leiterin der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn. Da die Symptome monatlich wiederkehren, sind familiäre und berufliche Probleme oft programmiert.

Eigentlich leicht diagnostizierbar

Meist sind es auch zwischenmenschliche Konflikte, die Frauen zum Arzt führen. Doch obwohl PMDS leicht zu diagnostizieren ist, finden viele Betroffene jahrelang keine Hilfe. Oft attestieren ihnen Ärzte eine «Impulskontrollstörung» oder bagatellisieren ihre Beschwerden als Stimmungsschwankungen, die zum «Frausein» dazugehören. Was man ihnen nicht einmal vorwerfen kann: PMS gilt generell als nicht behandlungsbedürftig und PMDS ist im deutschen Sprachraum nur unzureichend bekannt. So taucht die Störung nicht in der gängigen Diagnosebibel auf, der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten). Vor zwei Jahren aber wurde PMDS als eigenständige Krankheit im DMS-5, dem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen, aufgenommen, was die Diagnosestellung in Zukunft erleichtern sollte.

3 bis 8 Prozent betroffen

90 Prozent aller Frauen im reproduktiven Alter bemerken in der zweiten Zyklushälfte körperliche und psychische Veränderungen wie Wassereinlagerungen, Brustspannen, Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit, die schlagartig nach dem Einsetzen der Periode aufhören (On-off-Phänomen). Die Bandbreite und Schwere der PMS-Symptome variiert dabei stark. Seltener ist PMDS: Zwischen
3 und 8 Prozent der Frauen erfüllen die engen Diagnosekriterien des DMS-5: Ihre Symptome – vornehmlich Reizbarkeit, Anspannung und Aggression – tauchen in aufeinanderfolgenden Zyklen auf, stehen nicht in Zusammenhang mit einer anderen psychiatrischen Erkrankung und sind so stark ausgeprägt, dass sie das soziale Miteinander in Familie und Beruf negativ beeinflussen.

«Das Schlimmste für betroffene Frauen ist der Kontrollverlust. Und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden», sagt Sibil Tschudin, leitende Ärztin an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel. «Einige Frauen erledigen Behördengänge etc. in der ersten Zyklushälfte», sagt Rohde, «ab Zyklusmittel haben sie das Gefühl, dass wieder das ‹Damoklesschwert› PMDS über ihnen schwebt.»

Tagebuch als grosse Hilfe

Zur Diagnosesicherung muss die Frau mindestens zwei Monate lang ein Zyklustagebuch führen. «Damit lässt sich PMDS leicht diagnostizieren und von anderen psychischen Krankheiten abgrenzen», sagt Tschudin. Für Betroffene ist das Tagebuch oft eine grosse Hilfe: Sie erkennen, dass ihre Symptome klar mit ihrem Zyklus zusammenhängen und sind oft erleichtert, dass es eine biologische Grundlage für ihre Beschwerden gibt.

Wie PMS in all seinen Ausprägungen genau entsteht, ist noch unklar. Dass die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron eine Rolle spielen, ist sicher: Frauen, die diese Hormone nicht mehr produzieren, etwa nach den Wechseljahren oder der Entfernung der Eierstöcke, haben kein PMS. Die verbreitete Meinung, dass bei Frauen mit PMS die «Hormone verrückt spielen», trifft allerdings nicht zu: Frauen, die stark an PMS leiden, haben die gleichen Hormonschwankungen wie Frauen, die keine PMS-Symptome zeigen.

Gehirn verarbeitet Signale anders

Allerdings reagieren PMS-Betroffene sensibler auf die natürlichen Hormonschwankungen im Menstruationszyklus. Peter Schmidt, der am National Institute of Health in Bethesda, USA, den Einfluss von Geschlechtshormonen auf das Gehirn erforscht, konnte das eindrucksvoll zeigen: Er versetzte PMDS-Betroffene und Frauen ohne PMS-Symptome künstlich in die Menopause, woraufhin die PMDS-Symptome bei den betroffenen Frauen verschwanden. Gab er ihnen Östrogen und Progesteron in der körpereigenen Dosierung zurück, entwickelten sich ihre Symptome wieder. «Asymptomatische Frauen, die die gleiche Hormonmanipulation durchmachen, zeigen keine Symptome», so Schmidt, «Frauen mit PMDS verarbeiten also die Hormonsignale im Gehirn anders. Warum manche Frauen so viel sensibler auf diese Signale reagieren als andere, ist unklar, wir sind dabei das zu erforschen.»

Gering dosierte Serotonin-Gaben

Studien weisen darauf hin, dass Östrogen und Progesteron vor allem den Neurotransmitter Serotonin beeinflussen. Serotonin wirkt sich direkt auf die Stimmung aus und sorgt
für innere Ruhe und Zufriedenheit, indem es Angstgefühle und Aggressionen dämpft.

Entsprechend hilft Frauen mit PMDS die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, Antidepressiva, die dafür sorgen, dass das vorhandene Serotonin länger wirkt. «Bei PMDS reicht oft eine geringe Dosierung aus und anders als bei Depressiven wirken die Medikamente umgehend», sagt Tschudin. Patien-
tinnen können sie entweder durchgehend nehmen oder nur dann, wenn sie die Symptome verspüren.

Kommen Antidepressiva nicht in-frage, können auch Hormone helfen. Eine mittlerweile gängige Vorgehensweise ist die Gabe der Pille im «Langzyklus», das heisst über viele Monate ohne «Pillenpause» zwischendurch. Grundsätzlich sollte in der kritischen Zyklusphase auch das Tagesprogramm angepasst und Stress vermieden werden, da PMS/PMDS dadurch verstärkt werden.

Für die Zukunft wünschen sich Tschudin und Rohde einen verbesserten interdisziplinären Behandlungsansatz: Die sorgfältige Betrachtung der hormonellen Situation einer Frau sollte bei jeder medizinischen Untersuchung zum Goldstandard werden.

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